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Wenn Bilder auf alten Keksdosen das Geschichtsverständnis bestimmen

Der Brexit wühlt die Gemüter im Vereinigten Königreich auf. Die Regierung musste von Richtern gezwungen werden, das Parlament am Beschluss zur Auslösung des Kündigungsartikels des EU-Vertrages ( Artikel 50) zu beteiligen. Das Unterhaus ist seiner Pflicht nachgekommen und hat der Regierung – mit überwiegender Zustimmung der Labour-Opposition - ein weitgehendes Ermächtigungsgesetz erteilt. Zur Zeit liegt es am Oberhaus, seine Zustimmung zu geben. Die Premierministerin zeigte sich sehr ungnädig über die Einschaltung der demokratischen Institutionen, obwohl ja der Brexit gerade damit begründet wurde, dass man die eigene Demokratie gegen die Brüsseler Eurokraten stärken wolle.

Ja, worum geht es eigentlich beim Brexit? Die Sprüche, mit denen das Volk bearbeitet wurde, waren “Holt die Kontrolle über unsere Grenzen zurück”, “Gebt das Geld, das nach Brüssel geht unserem nationalen Gesundheitsdienst NHS”, “Wir wollen global sein” und ähnliches mehr. Es ging also in erster Linie gegen Ausländer und hier insbesondere gegen EU-Ausländer und die Vorstellung, dass das Vereinigte Königreich viel besser dastehen würde, wenn es sich nicht um andere europäische Länder kümmern müsste. Die noch zu den gemäßigten Brexit-Anhängern zählende deutschstämmige Labour-Abgeordnete Gisela Stuart beschreibt die Vorteile des Brexit so: “Es war eine Abstimmung darüber, dass wir die Kontrolle zurückbekommen über unsere Gesetze, Steuern und Grenzen. Es war eine Wahl darüber, dass wir eigenverantwortliche Entscheidungen treffen auf diesen Gebieten und noch wichtiger, dass wir sie wieder aufheben, wenn sie uns nicht gefallen.”

Diese Aussagen sind alle ein Wechsel auf die Zukunft, von der eher anzunehmen ist, dass sie nicht so sein wird wie die Selbstverwalter es gerne möchten. Seither kommen außer Sprüchen auch kaum konkrete Vorschläge, wie die Zukunft nun aussehen soll, außer dass alles ablehnt wird, was mit der EU zu tun hat. Die Zahl der Befürworter für einen Verbleib in der EU ist beträchtlich, ihnen wird nun ständig “Volkes Wille” unter die Nase gerieben, wobei dann so getan wird wie wenn das “Volk” zu 100% für den Brexit gestimmt hätte. Inzwischen ließ sich Premierministerin von den Ultras in ihrer Partei soweit treiben, dass sie auf einen völligen Austritt aus dem Europäischen Binnenmarkt zusteuert.

Absurd, meint der Journalist Tom Whyman von der “New York Times” und führt unter anderem aus:
Kühl denkende Analysten sind sich einig, dass Frau May’s Pläne komplett verrückt sind. Ihre Absicht ist es Britanniens Mitgliedschaft im europäischen Binnenmarkt, der für das wirtschaftliche Funktionieren in derzeitigen Zustand erforderlich ist, zu opfern, um volle Kontrolle über die Einwanderungspolitik zu bekommen, was es bisher nicht hatte. Um es kurz zu sagen, sie plant Schlüsselindustrien und Handelspartner nachhaltig vor den Kopf zu stoßen, um bei den Populisten ein paar Punkte zu gewinnen.

All diese nationale Aufregung zeigt, dass der Weg, den der Brexit nimmt, auf das Herz der britischen nationalen Identität abzielt. Aus diesem Grund ist es schwer zu glauben, dass die hurra-patriotischen Karikaturen des Daily Mail ein Zufall sind. Der Brexit hat seine Wurzeln in einer imperialen Nostalgie und den Mythen der britischen Besonderheiten, die jetzt aufkommen – vor allem seit 2008 – gegen die Realität, dass Britannien keine Weltmacht mehr ist.

Das ist offensichtlich Frau May’s Rhetorik. In ihrer Brexit-Rede, zum Beispiel, lud sie uns ein, uns ein “Globales Britannien” vorzustellen, wenn das Land einmal die EU verlassen habe, wo seine Bürger “instinktiv” danach trachten, ihre Horizonte über Europa hinaus zu erweitern und ihre Möglichkeiten weltweit zu nutzen. Das ist einfach die keimfreie Version des Traums eine britischen Reichs, in der jeder östliche und südliche Teil des Globus als des Engländers Hinterhof angesehen werden kann, der, wann immer er es will, seinen Willen durchsetzen und ein Vermögen machen kann.

Aber wie vertrauensvoll die Brexit-Anhänger auch sein mögen, ihr Verhältnis zu Wirklichkeit ist bestenfalls unausgewogen. Die Wahnvorstellungen von globalen Britannnien werden kaum dem Schock wiederstehen, wenn der Austritt aus der EU tatsächlich vollzogen wird. Was wird also geschehen? In diesen Tagen hat man das Gefühl als wenn das schlimmste Szenario eintreten wird. Wenn das zutrifft, wird der Brexit auch bedeuten, dass England abgetrennt von Schottland, Nordirland und vielleicht auch Wales, sich in ein kleinen, isolierten Einparteienstaat regiert von oberlehrerhaften Konservativen zurückzieht, das sich in augenrollenden Wahnvorstellungen von der speziellen Größe des Landes suhlt. Das mag jetzt alles bizarr klingen. Aber alles, was die Brexit-Anhänger wollen. ist die Rückkehr Britanniens in ein Utopia, das sie sich ausgedacht haben aus wenigen rosig gefärbten Erinnerungen der 50er Jahre mit einem Verständnis der imperialen Geschichte, die weitgehend von Bildern auf Keks-Blechbüchsen alter Zeiten abgeleitet wird, denn alles scheint da so entspannt möglich. Viva Britannia!


Es gibt tatsächlich ein Argument für den Brexit, der ernst zu nehmen ist. Das Vereinigte Königreich, das in der EU ja auch schon immer für jede Extrawurst kämpfte und schon bisher halb drin und halb draußen war, braucht die Erfahrung in einer globalisierten Welt alleine zu sein. Es braucht die Erfahrung, dass das vom von Frau May angehimmelten Präsidenten Trump erklärte Prinzip des "America first" auf Britannien umgewürzt, nichts außer Verdruss bringen wird. Es wird eine bittere Erkenntnis werden, aber vielleicht ein für allemal das Verhältnis zum europäischen Kontinent klären.



Informationsquelle
Parliamentary Scrutiny of Leaving the EU
Theresa May’s Empire of the Mind

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