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Ein rumänischer Vater erklärt seinem Sohn, warum das Land so korrupt ist und warum das geändert werden muss

Blogger Macrineanu hat einen offenen Brief an seinen Sohn geschrieben. Grund dafür ist eine kurze SMS, die er von ihm erhielt und die den Inhalt hatte “Auch ich bin bei der Demo”. Mit der Demo meinte er das, was in Rumänien und vor allem in Bukarest die Menschen zur Zeit in Massen auf die Straße treibt, der Protest gegen die Regierung, die per Gesetzgebung sich selbst vor Strafen in Korruptionsangelegenheiten schützen wollte. Der Brief gibt einen gelungenen Einblick in das Rumänien von heute und von gestern und lässt erahnen, warum jetzt eine neue Generation, die sich aus den gegenwärtigen Demonstrationen herauskristallisiert, das Rumänien der Zukunft aufbauen muss.

Macrineanu schreibt an seinen Sohn:

Ich freue mich sehr, dass du gestern auf der Demonstration warst. Es kommt nicht darauf an, wie groß deine Beteiligung war, ob du Parolen gerufen, Plakate hochgehalten hast oder ob du nur aus Neugier mitgegangen bist oder aus Solidarität mit Freunden. Im Vordergrund steht deine erste Demo. Das Wichtige ist, dass du mit eigenen Augen gesehen hast, was auf dem Platz passiert, wer teilnimmt, was gerufen wird, für welche Prinzipien sie kämpfen. Genauso wie morgen oder übermorgen oder irgendwann einmal, wenn irgendjemand davon spricht, dass bei der Demo Rüpel, Hooligans, Gehirngewaschene, unter Drogen stehende oder bezahlte Demonstranten waren, dann kannst du ihnen in die Augen sehen und sagen:
Ihr lügt! Ich war dort und es war nicht so.
Wenn du auch Parolen gerufen hast, wenn du mit anderen Menschen deine Meinung geteilt hast, dann umso besser. Das bedeutet, dass du beginnst zu verstehen, was um dich, um uns herum passiert.

Deine Mutter und ich, wir haben im Mai 1989 einige Stunden unsere Hochzeitsreise unterbrochen, um nach Bukarest zu gehen, auf den Universitätsplatz, zum antikommunistischen Protest und gegen die FSN. Es war sehr schön unter Menschen zu sein, mit denen man sich verstand, einfache und gebildete, Paţurca sang auf dem Balkon, herausragende Intellektuelle standen zwischen den Menschen und tauschten mit ihnen Gedanken aus. Im Gegensatz dazu zeigte man im Fernsehen Nachrichten über aggressive Nichtsnutze, über Drogensüchtige auf dem Platz, über Söldner mit grünen Fahnen, die die “originale rumänische Demokratie” zerstören  wollten. Die Zeiten haben sich leider nicht zu sehr geändert.

Ich habe dir mehrfach gesagt, dass ich einverstanden bin, dass du nach Beendigung des Studiums, falls du das willst, du ins Ausland gehen kannst. Obwohl du unser einziges Kind bist, werden deine Mutter und ich dir keine Steine in den Weg legen. Von heute Nacht an glimmt allerdings die Hoffnung, dass du hier bleiben wirst, und dass du mit kämpfst Rumänien zu ändern.

Denn Rumänien hat es nötig, geändert zu werden! Und es verdient es, dass man dafür kämpft!

Ich möchte dir noch etwas sagen. Dir und deinen Freunden im gleichen Alter allen zusammen.
Erwartet nicht, dass meine Generation, das heißt die Generation eurer Eltern und darüber hinaus die der Großeltern, euch dabei viel helfen werden. Leider sind diese beiden Generationen zusammengenommen unwiderrufbar verloren. Sie leiden an einer schweren, unheilbaren Krankheit. Sie leiden an der Krankheit des Kommunismus. Ein Kommunismus, der von russischen Panzern nach Rumänien gebracht wurde und mit der Axt des Besatzers umgesetzt wurde. Sie wurden in diesem kranken System geboren und haben darin die meiste Zeit gelebt, mit auf den Kopf gestellten Werten, ein mörderisches System für die Persönlichkeit und schwierig davon nicht betroffen zu sein. Die Ausnahmen sind zahlenmäßig nicht so wichtig, um die Statistik umzudrehen. Warum glaube ich das?
Die Generationen, über die wir hier sprechen, werden nie in der Lage sein, mit Entschiedenheit den Diebstahl zu verurteilen. Denn der Diebstahl war Teil ihres Alltags, für zu lange Zeit.
Es ist nicht nur ihre Schuld, das System hat sie korrumpiert, mehr als einmal mit ihrem System der Werte. Ich versuche dir das zu erklären, damit es die Jugend von heute besser versteht.
In den Zeiten des Kommunismus haben die Menschen jede Art von Gegenstände von ihrem Arbeitsplatz gestohlen. Alle Menschen!! Vermutlich gibt es viele unter denen, die dieses Schreiben lesen und protestieren werden, sie werden widersprechen, aber es ist die Wahrheit. Man verwendete dafür einen Ausdruck, von einigen als eine Entschuldigung, von anderen als eine Lebensweisheit genutzt:
Jeder, egal, wo er arbeitet, muss dort sehen, dass er zu Rande kommt!
Wie übersetzt man so  etwas?
Wenn du den Zaun bemalt hast, zu Hause, dann hast du dir 2 Liter Farbe von der Arbeit mitgenommen, damit du nicht dafür zahlen musst. Wenn du einen Balkon schließen wolltest, dann hast du dir einige Eisenstangen und Lötdraht geliehen und hast das an einem Sonntag erledigt. Wenn du in der Milchfabrik gearbeitet  hast, bist du am Abend mit einem Stück Käse nach Hause gegangen oder mit Schmand oder Milch. Wenn du im Hafen gearbeitet hast, hast du dir Kaffee besorgt aus einem Sack, den du mit dem Messer zerschnitten hast oder ein paar Orangen und ähnliches. Auf dem Land kam der Bauer am Abend vom Feld mit einer Garbe Stroh, auf dem Rücken, mit einem Topf Bohnen und einem Sack Kupfersulfat. Der Fahrer hatte zu Hause als Heizung eine benzinbetriebenen Generator. Wenn du etwas zum Abdecken brauchtest oder eine Betonmischmaschine benötigtest, um den Balkon fertigzustellen, dann bist du auf den nächsten Bauplatz gegangen und das Problem war mit minimalem Kostenaufwand gelöst.
Das setzt natürlich voraus, dass die Chefs dabei mitgemacht haben, nur auf einer anderen Ebene: Ein Betonmischer, 20 Sack Zement, Armierungseisen für eine Betonkonstruktion, Fliesen für einen Hof, Austauschteile für das eigene Fahrzeuge, die aus dem der Dienstwagen entnommen werden undsoweiter. Eine Atmosphäre, in dem jeder dem anderen sein Komplize ist und die alles in einem großen Nebel verschwinden lässt.
Wohlverstanden, niemand hat aus Spaß gestohlen, wenn man etwas wie vorstehend geschildert getan hat. Aber wenn man sagte, dass das halt so üblich ist, dann hat man kurz hinzugefügt:
Was geht dich das an? Habe ich dir etwas gestohlen? Ich hab’s vom Staat genommen!
Der Staat, etwas, was der Bürger schwer verstehen oder definieren konnte, war als etwas verstanden worden, von dem man alles nehmen konnte, was man wollte. War es dann nicht natürlich, dass man die Situation genutzt hat?
Der kommunistische Staat, der dafür sorgte, dass der Bürger ständig mit Mängeln leben musste, hat auch andere Probleme verursacht. Um in bestimmten Sachen etwas zu bekommen, musste man bestechen. Bestechen, um einen Kühlschrank, ein Telefon, einen Export-Dacia zu bekommen, bestechen um einen Waffenschein zu erhalten, bestechen, um Behälter zu bekommen, bestechen, um in eine Wohnung ziehen zu können. Die Liste ist zu lang, um alles aufführen zu können, aber ich hoffe, dir eine Idee davon gegeben zu haben.
Tatsache war, dass wir von der westlichen Welt abgeschnitten waren, und dadurch andere Probleme entstanden sind. Unsere Lehrer brauchten Informationen, die nur schwer zu beschaffen waren, aber wenn sie beschafft werden konnten, war die Quelle nicht so wichtig, dass jemand auf sie näher einging. Ich erinnere mich, dass wir an der Universität ein Straßenverkehrskurs hatten, dem Abglanz eines ähnlichen Kurses an einer amerikanischen Universität, was Situation schuf, die schwer zu beschreiben waren, wenn man die Dichte des Verkehrs gemessen hat in einer Stadt, in der im Winter nur die Polizei, die Trolleybusse und die Versorgungsfahrzeuge fuhren.
Also, wir, die wir in jener Welt lebten, in der jeder versuchte sich durchzuwursteln wie es ihm möglich war, indem man das verwechselte, was dem Staat gehörte mit dem, was uns gehörte, haben es jetzt schwer moralische Beurteilungen abzugeben. Auch wenn wir kategorisch den Diebstahl und das Plagiat verdammen. Der Diebstahl hat uns erlaubt zu überleben bis die Privatisierten, die Unglücklichen aufgetaucht sind und die Hähne sich geschlossen haben. Glücklicherweise haben die Regierungen nach 1989 einen großen Teil der Wirtschaft beim Staat belassen, womit sie den Rumänen ermöglicht haben, sich weiterhin “durchzuwursteln”.

In der Auffassung vieler Rumänen ist das, was diejenigen machen, die an die Macht kommen und die Möglichkeit haben etwas zu verwalten oder etwas zu führen, nichts anderes als eine weitere Art des “Durchwurstelns”! Sie machen auf höchster Ebene das, was wir gemacht haben, Jahrzehnte, im Kommunismus. Sich durchwursteln! Wenn eine Bankfiliale in einer Stadt gebaut wurde, hat der Direktor sich eine Villa im Hof hinstellen lassen. Nicht normal, oder? Ein leitender Steuerbeamter genehmigt die illegale Rückerstattung von Mehrwertsteuer, ohne irgendein Dokument zu unterschreiben. Als er den Strafverfolgungsbehörden auffiel, ist er in eine Partei eingetreten und die Untersuchungen wurden gestoppt. Es wurden dafür Untergebene vor Gericht gestellt. Heute ist er im Parlament. Was hat er davon gelernt? Wie man sich ohne Scham durchwurstelt!
Es ist schmerzhaft, dass die Sachen noch normal sind, fast drei Jahrzehnte nach der Revolution. Es ist der klarste Beweis dafür, dass die oben erwähnte Krankheit noch nicht geheilt ist.

Der zweite Grund weshalb ich sage, du sollst nicht auf die nächsten 50 Jahre vertrauen, damit Rumänien sich von den Wunden des Kommunismus erholt, ist:
Wir sind die Generation, die daran gewöhnt ist, dass sich nichts ändern wird!
Ich habe zu lange in einem rigiden, egalitären System gelebt, um mich daran zu gewöhnen, dass man sich auch anders fühlen kann. Wenn die Gehälter im Kommunismus erhöht wurden, wurden sie überall erhöht (im Unternehmen, in Branchen, in Ministerien). Nicht nach Kriterien der Leistung, sondern nur nach sozialen Kriterien. Alle arbeiteten, also sollten auch alle das Gleiche verdienen. Unabhängig davon, ob jemand mehr arbeitetet, ein anderer aufgeweckter was und mehr produzierte oder ob jemand auch die Arbeit seines unfähigen Chefs erledigte.
Das System war so konstruieret, dass man ständig erwartet hat, etwas zu bekommen. Wie auch immer: Behälter, Haus, Kühlschrank, Pension usw. Wir machten uns von einem allmächtigen Staat abhängig, der manchmal wohltätig, aber wenn der die Nase voll hatte, bösartig war.
Als die Demonstration, die von Ceausescu vor seinem Palast im Dezember 1989 organisiert worden war, in eine Revolte umschlug, hatte dieser sich verängstigt an seine Begleiter gewandt und geschrien: Gebt ihnen was!

Das führt uns zum dritten Grund, der verhindert, dass das Land reformiert wird.
Wir sind daran gewöhnt, dass wir einen Übervater haben!
Das ist kein Grund zu Schande, wir sind nicht das einzige Gemeinwesen mit einer ähnlichen Gewohnheit. Der Kommunismus hat nichts anderes getan, als sich an die Tradition der Voivoden und Könige zu den Bedingungen von 1945 anzupassen. Als es in der kommunistischen Welt nur einen Übervater gab, den kriminellen Stalin, gab es bei uns 3-4  kleine Überväter. Für jedes Land einen einzigen Übervater war ein Konzept, das sich erst nach dem Tod des Übervaters Stalin entwickelte. Danach ging es aber schnell und wird hatten bald Überväter auf allen Ebenen.
Der Übervater ist gut, er gibt uns alle schönen Dinge des Lebens. Wenn wir richtige Geschenke erhalten, ist es sicher, dass der Übervater nichts davon weiß. Aber wenn der Übervater wüsste……
Als der Übervater Ceausescu an einem Weihnachtstag ermordet wurde, war ich erschüttert wie viele andere und unfähig zu reagieren.  Aber glücklicherweise hat dieser Zustand nicht lange gedauert!
Danach kam der Übervater Basescu, er stellte sich zu unseren Diensten, ein Einheimischer und wir waren glücklich. Über Emil Constantinescu gibt es keinen Grund zu sprechen, die Universität schafft keine Überväter. Aber jetzt sehen wir wie Iohannis wiederauferstanden ist und auch er gerne ein Übervater werden möchte. Nur noch 2 Jahre, Genossen…..
Als ich nach 10 Jahre Arbeit für den Staat im Jahre 1994 mich bei einer ausländischen Firma anstellen ließ, habe ich geglaubt, dass ich verrückt werde. Ich musste einen Fahrzeugpark verteilt über mehrere Kreise führen und ich hatte keinen Übervater, der mir sagte, was ich zu tun hätte. Mehr noch, ein Tag bevor ich übernommen habe, haben 90% der Fahrer gekündigt und sind abgehauen. Mein Chef, ein Israeli, frisch ernannt von der Leitung der Firma, hat mir nur einen Hinweis gegeben:
Sie haben mir gesagt, dass ich die Arbeit machen muss. Wenn wir jeden Tag genügend Lastwagen haben, die Auslieferungen machen, dann bist du mein Freund. Wenn nicht, dann erschieße ich dich!
Ich war verzweifelt, ganz einfach. Ein Woche saß ich in einem Büro, hab mich am Bildschirm umgesehen wie die Firma läuft, darüber nachgedacht, was ich machen soll. Nach einem Jahr hatten wir den geringsten Prozentsatz an einem unbewegten Fahrzeugpark, unter allen Firmen der Gruppe. Der Israeli war, als er ging, mein Freund.

Ich habe viel geschrieben und ich weiß, dass die Jugendlichen nicht so viel lesen. Aber ich habe versucht zu erklären, dass wenn ihr darauf wartet, dass andere Rumänien reformieren und etwas auf die Beine stellen, ihr euch getäuscht habt! Sie werden es nicht machen und ich weiß nicht, ob sie es nicht wollen oder nicht können. Wenn es anders wäre, dann wäre es schon heute erledigt!
Ihr müsst es machen. auch wenn es euch verdammt schwer fällt. Al-Pacino hat es schön gesagt in der Rede vor dem Kollegium im “Parfum der Frauen”:”2Wenn ihr den richtigen Weg wählt, dann ist es der schwerere Weg!” Ich weiß, dass dir mein Sohn, der Film sehr gut gefallen hat.

Wichtig ist, dass ihr euch hörbar macht. Dass ihr mit lauter Stimme eure Forderungen stellt. Dass einer auf den andern hört. Denn er könnte eine andere Ansicht haben. Damit er, wenn er recht hat, auch gehört wird. Dass ihr eure Kinder in einem anderen Geist erzieht, anders als es mit uns gemacht wurde. Auch anders wie es im rumänischen Erziehungswesen gemacht wurde, eingebettet in einen schrecklichen Konformismus. Wenn es auch wenig war, du hast dich aufgemacht, du bist zur Demonstration gegangen. Vielleicht hast du nicht verstanden, wovon gesprochen wurde. Aber du hast einen wachen Geist, damit du, wenn du erwachsen bist, wenn dir etwas nicht passt, wenn etwas schreckliches passiert,  genauso wie dein Vater mit lauter Stimme protestierst.

Dein Großvater hat mir nicht viele Ratschläge mit in mein Leben gegeben. Er hatte nur 3 Klassen der Grundschule besucht, deswegen fühlte er sich minderwertig und sprach nicht viel. Aber einmal, als ich auf dem Gymnasium war, hat er mir gesagt:
Höre, mir ist es sehr wichtig , dass du so lebst, dass du am morgen in den Spiegel schauen kannst ohne das Gefühl zu haben, dir eine Ohrfeige geben zu müssen.
Das möchte ich auch dir sagen, Söhnchen. Wenn wir “ein Land wie anderswo” haben wollen, müssen wir das tun, was die auch anderswo machen. Spucken wir in die Hände und fangen mit dem Aufbau an!

Siehe auch
Rumäniens erfinderische Polit-Gauner
Informationsquelle
Scrisoare deschisa catre fiul meu. Si catre fiii vostri…

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