Mittwoch, 28. Januar 2015

Was unterscheidet “Podemos” von “Syriza”?

In Spanien hat sich durch die Protestbewegung der letzten Jahre eine neue Partei herauskristallisiert, die große Chancen hat, bei den nächsten Wahlen in Spanien einen ähnlich durchschlagenden Erfolg wie Syriza in Griechenland zu haben. Es ist die Partei “Podemos” (Wir können), die inzwischen unter Führung des jungen Politikprofessors Pablo Iglesias die politische Landschaft in Spanien umkrempelt. Verglichen mit den im Korruptionschaos versinkenden regierenden Konservativen sind es wahre Lichtgestalten, die hier versuchen von unten und unter Beteiligung der Bevölkerung etwas Neues zu schaffen. Da viele in Resteuropa schon bei Syriza’s Erfolg mit hysterischen Anfällen zu kämpfen hatten, ist es wichtig zu wissen, was will Podemos und was unterscheidet diese Partei von Syriza. Der Journalist Aitor Riveiro hat auf der Internetseite von “Eldiario.es” versucht diese Unterschiede aufzuzeigen. Hier seine Beobachtung in Übersetzung:

Einige der spanischen Medien versuchen zu behaupten, dass Syriza das “griechische Podemos” ist. Ist es wirklich so? Welches sind die Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen den beiden? Hier nun etwas über die größten Unterschiede:
Unterschied 1: Syriza ist eine Abkürzung für die Koalition der radikalen Linken. Die Partei von Alexis Tsipras liegt genau im klassischen rechts-links Schema, das Podemos ausdrücklich von Beginn an abgelehnt hat. Pablo Iglesias hat mehrfach erklärt, dass nach seiner Meinung die klassische Differenzierung zu keinem politischen Führungsanspruch führe, sondern im Gegenteil, dass sie teile.

Unterschied 2: Eine Suppe von Splittergruppen oder Partei? Der Namen von Syriza hinterlässt hier Zweifel. Die Partei startete 2004 mit einer Koalition von mehr als einem Dutzend politischen Gruppen der Linken, eingeschlossen eines Teils der KKE, der griechischen kommunistischen Partei. Juristisch war Syriza bis zum Juni 2012 eine Koalition, die sich dann in eine Partei umformte, weil das griechische Wahlrecht Koalitionen bestraft.
Podemos auf der anderen Seite hat von Anfang an die Bildung einer Koalition abgelehnt. Das politische Dokument, das die Mannschaft geführt von Pablo Iglesias einer Versammlung im vergangenen Oktober vorlegte und das mit überwältigender Mehrheit angenommen wurde, macht klar: Podemos wird sich nicht an einer “Suppe von Splittergruppen oder einer Verhandlung zwischen Parteien” beteiligen.

Unterschied 3: Die internationale Zuordnung. Syriza ist nicht nur im Inland eine klassische linke Partei. Sie ist es auch auf internationalem Gebiet. Die Partei gehört zur Partei der Europäischen Linken (El). In ihr sind zu einem großen Teil Gruppen versammelt, die der gemäßigten Linken und den Erben des Eurokommunismus angehören.
Podemos hat sich bis heute keiner internationalen politischen Formation angeschlossen, obwohl sie im Europaparlament mit Syriza und den Mitgliedern der PIE eine parlamentarische Gruppe teilt.  Ihre Europa-Abgeordneten bilden zusammen mit der Europäischen Vereinten Linken und der Nordischen Grüne Linke (GUE-NGL) eine gemeinsame Fraktion.

Unterschied 4: Aufsteigen in der Wählergunst. Syriza und Podemos sind Beispiele für eine schnell wachsende Zustimmung der Wähler und trotzdem gibt es einen wichtigen Unterschied: Die Spanier haben sich schon nach weniger als einem Jahr ihrer Gründung bei den Umfragen an die Spitze gesetzt, etwas wofür die Griechen viel mehr Zeit brauchten.
Die Europawahlen waren die ersten Wahlen, an denen Podemos teilnahm. Zwischen Januar und Mai 2014 gelang es der Partei von Iglesias 1,2 Millionen Wählerstimmen zu gewinnen und damit 5 Abgeordnete in das EP zu entsenden. Heute geben die Umfragen Podemos bereits den ersten Platz und übertreffen damit die etablierten Parteien PP und PSOE.

Unterschied 5: Die politische Karriere von Alexis Tsipras und Pablo Iglesias. Tsipras und Iglesias gehören derselben Generation an. Die Situation, die ihre Länder in den letzten Jahren durchleben mussten, waren ähnlich: Eine Militärdiktatur, eine Übergangszeit, der Eintritt in die EU, ein durch den Eintritt in den Euro gefördertes Wirtschaftswachstum und eine große Schuldenkrise.
Das Verhältnis zwischen Iglesias soll nach dem, was von Podemos zu hören ist, sehr gut auf persönlicher Ebene mit direkten Kontakten untereinander sein. Der Spanier hat auch am Wahlkampfabschluss in Griechenland teilgenommen. Beide erwähnen sich oft gegenseitig auf Twitter.
Weniger Ähnlichkeit gibt es dabei, wie beide zu ihren Ämtern gekommen sind. Tsipras kam von der Universität, wo er ein Studentenführer war, als Mitglied der griechischen kommunistischen Partei. Er wurde sehr schnell zu einer wichtigen politischen Figur: Er führte die Jugendorganisation einer Partei, die sich dann in Syriza integrierte, führte eine Einheitsfront für die Bürgermeisterwahl von Athen und wurde dann in das griechische Parlament gewählt.
Iglesias hatte nicht einen solch meteorhaften Aufstieg. Ohwohl der Führer von Podemos immer in der einen oder anderen Form politisch tätig war, war für ihn auch seine eigene Arbeit immer wichtig. Iglesias war Mitglied der Union der kommunistischen Jugend in Spanien, trat aber bald aus dieser aus. Danach konzentrierte er sich mehr auf seine Studium als auf die institutionelle politische Arbeit, obwohl er aktiv in den Kampagnen der Vereinten Linken (Izquierda Unida) beratend teilnahm, aber immer auf nachrangigen Posten. Die Öffentlichkeit lernte Iglesias selbst erst 2012 kennen; am Anfang noch sehr begrenzt und erst 2014 machte er seine Absicht bekannt, seine politischen Aktivitäten kräftig zu erhöhen.

Gemeinsamkeit 1: Einverständnis über das Problem der Schulden. Das Problem der öffentlichen Verschuldung ist eine der Hauptbelastungen, die die spanische und griechische Wirtschaft zu ertragen haben. Obwohl der Umfang nicht vergleichbar ist (Spanien hat Schulden in Höhe von ungefähr 100% seines BIP, Griechenland fast 175%) teilen Syriza und Podemos eine ähnliche Analyse über die Lösungsmöglichkeiten. Und beide haben ihre Vorschläge vorgebracht: Von der Zahlungsunfähigkeit und dem Schuldenerlass zu einem “Moratorium” und Anpassung der Rückzahlung an das Wirtschaftswachstum, so dass mehr Mittel zur Stimulierung der Wirtschaft übrig bleiben.
Gemeinsamkeit: Ende der Austeritätspolitik. Podemos und Syriza teilen ihre Haltung gegenüber den Auflagen der Troika und den Haushaltskürzungen, die Europa und der IWF den Ländern im Süden Europas auferlegt hat. Sowohl Iglesias als auch Tsipras haben sich gegen den “Tod durch Austerität” und die Folgen, die diese für die Bevölkerung haben, ausgesprochen.


Informationsquelle
Podemos y Syriza: cinco diferencias y dos similitudes

Montag, 26. Januar 2015

Der Schweizer Franken treibt viele Rumänen noch weiter in die Armut

Am Sonntag haben sich in Bukarest etwa 600 Personen zu einem Protestmarsch versammelt. Organisiert wurde die Demo von der “Gruppe der Kunden mit Krediten in Schweizer Franken”, die etwa 16.000 Mitglieder hat und sich vor allem über Facebook organisiert und austauscht. Viele Rumänen haben sich Kreditverträge in Devisen von den Banken aufschwatzen lassen und sehen sich jetzt nach der Freigabe des Frankenkurses einer 20%-Aufwertung des Schweizer Franken gegenüber. Was für sie bedeutet, dass sie plötzlich auch 20% mehr gerechnet in der Landeswährung Leu an ihrem Kredit abzustottern haben. Aus ganz Rumänien waren Demonstranten angereist, was vermuten lässt, dass Devisen-Kreditverträge auch in großen Teilen Rumäniens üblich war.

Die Demonstranten trugen Transparente mit folgenden Schlagzeilen “BNR+Banken+Kunden = Schuldige!”, “Warum werden wir bestraft?”, “Bank=von der BNR und dem Staat legalisierte Geldverleiher”, “Wir wollen kein Geld vom Staat, wir wollen ein reglementiertes System”, “BNR reglementiert nur so wie es ihr von den Banken diktiert wird”, “Ich möchte eine Rückzahlungsrate, die ich zahlen kann, wie soll ich sonst meine Kinder unterhalten?”, “Je (suis) verkaufter Swiss Schuldner”, “Kreditraten zum historischen Kurs”, “Ich bin ausgebildet, wurde aber desinformiert. Die Bank hat mich an der Nase herumgeführt”. Die BNR ist die rumänische Nationalbank. Die Demonstranten fühlen sich also vor allem von den Banken verschaukelt. Sie verlangen, dass ihre Kredite zum alten Franken-Kurs in die Nationalwährung umgerechnet werden und dass gegen die Anwendung von Aufschlägen und Kommissionen durch die Banken vorgegangen wird.

Der Journalist Gabriel Bejan nimmt sich in der Zeitung “Romania Libera” des Themas an. Für ihn stammt der Ursprung der Franken-Krise aus den Zeiten 2007 – 2008. Zu der Zeit war der Calin Popescu-Tariceanu von der Nationalliberalen Partei Ministerpräsident. “Ich glaube, dass wir uns wieder einmal “die fröhlichen Zeit der Jahre 2007 – 2008 in Rumänien in Erinnerung rufen sollen. Es ist genau die Zeit, in der die meisten Kredite in Schweizer Franken vergeben wurden”, erklärt Bejan und er fährt fort: “2007 haben Bauern im Speckgürtel von Bukarest mit Bauland das große Geld gemacht. Es war die Zeit, wo in den nördlichen Regionen Bukarests der Quadratmeter Boden auf 250 bis 350 Euro stieg, eine Wahnsinnssumme für ein so arme Land wie es Rumänien war. Es fallen mir wieder die Worte eines Gemeinderats ein, der nichts dabei fand, dass plötzlich bescheiden lebende Menschen einen Haufen Geld hatten. “Was sind schon ein paar Hunderttausend Euro heutzutage”, war seine Meinung. Wie ist eine solche Aussage möglich in einem Land, in dem der Durchschnittslohn nicht höher als 300 Euro ist? Viele werden sich jetzt daran erinnern, dass damals entlang der DN1 (Hauptstraße Bukarest Richtung Norden) auf den nichtasphaltierten Gemeindewegen BMW’s und Mercedesse wie Pilze nach dem Regen aus dem Boden schossen, aber es gab keine Kanalisation und kein fließendes Wasser. 2007 und 2008, das war ein schönes Leben in Rumänien, das Geld sprudelte nur so, die Regierung sprach davon, dass wir der neue “Tigerstaat” in Europa” sind, wir hatten ein Wirtschaftswachstum von über 7%, aber die Bürgermeister bezahlten mit dem vom Staat zur Verfügung gestellten Schuldengeld Springbrunnen und Parks, die niemand brauchte. Rumänien war nicht plötzlich das El Dorado, nein, wir waren dasselbe Land wie zuvor, ohne Straßen und Kanalisation, aber die Menschen packte der Konsumrausch.”

Weiter erinnert Bejan daran, dass die Banken mit einer fröhlichen Leichtigkeit Kreditverträge vergeben hätten. Er erinnert sich an einen rational denkenden Freund, der statt eines von der Bank angebotenen Großkredites nur einen Teilkredit nahm und dafür von den Bankberatern für “blöd” erklärt wurde. In dieser Zeit explodierte durch den entstandenen Immobilienboom der Abschluss von Kreditverträgen in Schweizer Franken. Damals hätten bereits vernünftige Menschen darauf hingewiesen, dass es nicht gut gehen könne, wenn man sich in einer exotischen Währung verschulde. “Es ist richtig, dass auch Angestellte der BNR über die Risiken gewarnt hatten. Das Problem war aber nicht im wesentlichen die Franken-Kredite. Das Problem bestand darin, dass es keine Richtlinien gab, die Menschen davon hätte abhalten können, solche Kredite aufzunehmen.  An der Spitze des Staates hat niemand Interesse diesen verrückten Zustand aufzuhalten. Wir sollten uns in Erinnerung rufen, dass der damalige Ministerpräsident Călin Popescu Tăriceanu der Bevölkerung geraten hat, Häuser in den von der Krise betroffenen USA zu kaufen. Dabei hat er die Bevölkerung nicht gewarnt, dass Rumänien auf dem Weg war, ebenfalls in den Finanz-Tsunami zu geraten.” Soweit Bejan. Er fügt noch hinzu, dass Grundstückbesitzer – in der Regel Politiker im Insiderwissen – den großen Reibach gemacht und die Bevölkerung sich hoch verschuldet habe.

Auch hier zeigt sich wieder einmal, dass zu Beginn des Jahrhunderts die Bevölkerung weltweit gnadenlos von der internationalen Finanzwirtschaft zu deren Gunsten in die Verschuldung getrieben wurde. Für die rumänischen Franken-Schuldner schlägt hier die Katastrophe zum zweiten Mal zu.

Informationsquelle
Criza francului elveţian vine din „veselia” imobiliară de pe vremea lui Tăriceanu

Freitag, 23. Januar 2015

Palomares – Stellvertretend für nukleare Verantwortungslosigkeit

Am 17 Januar vor 49 Jahren kollidierte ein Tankflugzeug mit einem Superbomber B52 der US-Streitkräfte über der Region Palomares in der spanischen Provinz Almeria. 11 Besatzungsmitglieder starben und es gingen 4 Atombomben verloren. Zwei davon gerieten nach dem Aufschlag auf dem Boden in Brand und verteilten das in ihnen enthaltene Plutonium im Umfeld. Eine Bombe ging verloren und wurde erst viel später gefunden. Die durch den Unfall entstandene atomare Verseuchung hält bis heute an.

Nach dem Unfall wurde alles versucht, um die Tatsachen zu verschleiern. Diktator Franco erließ entsprechende Sprachregelungen und verbot jeden Bezug auf die Bestückung der Flugzeuge mit atomaren Waffen. Dieses Totschweigen funktionierte bis zum 19. Februar, danach hörten ein spanischer und britischer Journalist wie Dorfbewohner aufgefordert wurden sich unter dem Hinweis auf radioaktive Strahlung vom Gebiet des Absturzes fernzuhalten. Ein von den Journalisten befragter US-Militär gab dann unumwunden zu, dass in dem Flugzeug Atombomben waren. Die New York Times veröffentlichte dann den Bericht. Franco soll stinksauer gewesen sein und ließ Meldungen in der spanischen Presse zensieren sowie die Verteilung ausländischer Pressemedien mit Bezug auf das Unglück verbieten. Die US-Regierung brauchte dann 40 Tage, um das Geschehene zuzugeben und hatte alle Hände voll zu tun, den Diktator zu beruhigen.

Damals dachte niemand daran, die Bevölkerung im Umkreis der Unfallstelle zu evakuieren. Die US-Streitkräfte waren lediglich interessiert unter möglichst strikter Geheimhaltung die Reste der Bomben zu beseitigen. In einem Abkommen zwischen den USA und Spanien wurde 1966 das Institut CIEMAT gegründet, dass wissenschaftlich im Strahlenschutz forschen sollte. Dabei hatte es die Aufgabe den Gesundheitszustand möglicher Geschädigter zu überwachen. 2009 lief das Abkommen aus, seither ist CIEMAT in alleiniger spanischer Zuständigkeit verantwortlich. Ergebnis der Prüfungen: Alles ist bestens, die Strahlendosis liegt weit unter den Grenzwerten. Da beruhigt aber die Bevölkerung keineswegs.

Bis 2004 wurden keinerlei Schutzmaßnahmen oder Einschränkungen verfügt. Die belastete Erde wurde landwirtschaftlich genutzt, bewässert wurde mit verseuchtem Wasser. Erst 2004 wurde von CIEMAT eine dreidimensionale Karte erstellt und das betroffene Gebiet eingezäunt. Es bleibt jetzt nur noch die Dekontaminierung des betroffenen Erdreichs und hier ist bisher gar nichts passiert. Die spanische Umweltorganisation Ecologistas en Acción (EA) schreibt: “Je mehr Zeit vergeht, ohne dass diese Arbeiten durchgeführt werden, um so mehr verschlimmert sich die Situation, da sich das Plutonium einerseits in Americium verwandelt, das noch stärker radioaktiv ist und andererseits sich die Verseuchung stetig in einem weiteren Umkreis durch Wind und Regen verteilt.”

EA verlangt nun, dass die USA sich zu ihrer Verantwortung bekennen und die Dekontaminierung des Gebietes übernehmen solle. Spanien verfüge über keine Installation zur Verwahrung von verseuchten Erdreichs. “Die spanische Regierung für ihren Teil zeigt eine große Nachlässigkeit bei Erfüllung ihrer Aufgaben, da sie nicht im geringsten Druck auf die USA ausübt, ihren Verpflichtungen nachzukommen und auch keine Lösungen zur Beseitigung dieser Verseuchung zeigt”, schreibt EA. 

Wenn es um die Folgen eines nuklearen Unfalls geht, dann gilt für die Verursacher die Losung, möglichst schnell das Weite zu suchen. Schließlich wissen alle, die damit zu tun haben, dass eine Beseitigung der Schäden und Versorgung des Atommülls immens teuer und auf lange Sicht nicht bezahlbar ist. Trotzdem wird weitergemacht wie bisher.

Informationsquelle
49 años del accidente de Palomares

Dienstag, 20. Januar 2015

Wasserrationierung ist ein zu unschönes Wort

São Paulo’s Wasserversorgung sieht weiterhin düster aus. Erstmals hat der Gouverneur Geraldo Alckmin zugegeben, dass es in einigen Stadtteilen bereits eine Wasserrationierung gibt. Er versucht es aber mit beschönigenden Worten zu erklären: “Die Rationierung existiert schon. Es gibt aber keine Rationierung in dem Sinn “das System schließen und morgen wieder öffnen. Das gibt’s nicht und das darf es auch nicht geben. Zum jetzigen Zeitpunkt haben wir “Restriktionen bei der Wasserversorgung”. Ja, Restriktionen hört sich nicht so einschneidend an und vielleicht kann man das Volk so noch hinhalten bis der Allmächtige die gewünschte Menge Regen schickt.

Denn der eigentlich notwendige Regen bleibt weiterhin aus. Das Talsperrensystem Cantareira, der Hauptversorger der Millionenmetropole São Paulo, liegt weiterhin an seine Minimum mit einem Restvolumen von 5,6%. Es hat zwar geregnet, aber weit unter den erwarteten Mengen. Laut Angaben von Experten betrugen die Niederschläge nur 22,5% der für Januar vorgesehen Menge. In den letzten 3 Monaten des vergangenen Jahres regnete es nur 60% der langfristig gemessenen Niederschläge. Die Experten meinen, es wäre jetzt gut, wenn die Wasserentnahme aus Cantareira reduziert werden könnte, das bedeute aber auch eine Verringerung des Konsums oder Ausweitung der Rationierung. “Eines der von Forschern erstellten Szenarios zeigt, dass es erforderlich ist, die Wasserentnahme erheblich zu vermindern, damit wir demnächst nicht in eine sehr gefährliche Situation geraten”, erkärt die Hydrologin Adriana Cuartas vom Institut für die Überwachung und Alarmgebung bei Naturdesastern (Cemadem).

Wenn sich an den Niederschlägen in nächster Zeit nicht grundlegend etwas ändert, dann hat São Paulo noch eine Galgenfrist bis Juni. Bis dann wird das sogenannte “tote Volumen” von Cantareira noch reichen. Unverständlich, dass die Regierenden statt zu handeln, das Volk mit beschönigenden Sprüchen hinhalten. Dem hat jetzt ein Gericht einen Riegel vorgeschoben: Vergangene Woche hat es gegen die Verhängung von Strafen bei erhöhtem Wasserverbrauch eine einstweilige Verfügung erlassen. Geklagt hatte der brasilianische Verbraucherverband mit dem Argument, dass die Wasserrationierung per Rechtsvorschrift angeordnet werden müsse, bevor ein Tarif über Einschränkungen festgelegt werde.

Bereits im März vergangenen Jahres erklärte der Präsident des Weltrates für Wasser, der Brasilianer Benedito Braga, auch Professor für Umwelttechnik, der Webseite “Terra”: “Wir stehen vor einer absolut nie dagewesenen und tragischen Situation. Jetzt müssen wir die Wasserhähne schließen und beten”. Damals standen die Wasserreserven noch bei 14 %.

Siehe auch
São Paulo droht Wassernotstand und die Politik zeigt sich furchtlos
Die Wasser-Zocker von São Paulo

Informationsquelle
Governador de São Paulo admite racionamento de água pela 1ª vez
Com chuvas abaixo da média, Cantareira pode secar em quatro meses

Sonntag, 18. Januar 2015

Vielseitige Chinesen machen sich in Sevilla breit

Die Zusammensetzung des Ausländeranteils in Sevilla verändert sich. Waren es bisher die Südamerikaner, die den größten Anteil an der Zahl der Ausländer stellten, sind es nun immer mehr die Chinesen, die diesen Part übernehmen. Die Südamerikaner gehen wegen der seit 2008 um sich greifenden Arbeitslosigkeit in Spanien zurück in ihre Heimatländer. Auch die Zahl der aus dem Maghreb, insbesondere Marokko stammenden Ausländer geht zurück. Lediglich die Rumänen halten da noch mit den Chinesen mit, obwohl auch ihr Prozentanteil in den letzten Jahren gesunken ist.

Was treiben nun die Chinesen in Sevilla? Angefangen haben sie mit den obligaten Restaurants. Später sind sie auch in den Handel eingestiegen. Bazare werden nicht mehr von Arabern betrieben, sondern von Chinesen. Inzwischen treten sie aber auch als Frisöre auf, haben Modegeschäft und machen sogar Tapa-Bars auf. Besonders stark sind sie in den in der Nähe des Flughafen liegenden Stadtvierteln vertreten. Dort gibt es die meisten Industriehallen, die infolge der Wirtschaftskrise nicht mehr industriell genutzt werden und in dem die Chinesen nun ihre Bazare betreiben.

Wenige Schritte vom Stadion des FC Sevilla, dem Estadio Sánchez Pizjuán, tut sich für Spanier in der Straße Marqués de Pickman eine völlig andere Welt auf. Die Internetseite Eldiario.es beschreibt die Situation wie folgt: “In dieser Straße kann man eine große Bandreite an Geschäften finden, die neue Farben nach Sevilla bringen. Reklametafeln machen auf ein Frisörgeschäfte und ein Schönheitszentrum aufmerksam, eine medizinische Praxis für traditionelle chinesische Medizin und Akkupunktur, ein Autoschule, Supermärkte, Restaurants, Kleidergeschäfte… Orientalische Schriftzeichen überschwemmen eine vielfältige Einkaufslandschaft, die von jungen Spaniern und Chinesen frisiert nach Justin Bieber auf  Skateboardern durchquert werden.”

Informationsquelle
Los chinos ganan terreno a los marroquíes en el padrón municipal

Freitag, 16. Januar 2015

Weniger Straßenhunde in Bukarest, dafür Nachschub für Zoophile in Westeuropa?

Die Stadt Bukarest hat eine Behörde zur Überwachung und zum Schutz der Tiere (abgekürzt ASPA). ASPA ist auch zuständig für die Einsammlung der Straßenhunde in der Stadt. Vor kurzem hat der zuständige Leiter des Programms, Răzvan Băncescu, in einer Pressekonferenz eine Bilanz über die bisherigen Resultate des Programms gezogen. Seinen Angabe zufolge wurden in der rumänischen Hauptstadt seit Oktober 2013 bis heute 51.000 Hunde eingesammelt. Davon wurden 30.000 eingeschläfert. Im gleichen Zeitraum wurden 23.000 Hunde “adoptiert”. Im Dezember 2014 zählte man in Bukarest die wenigsten von Hunden gebissenen Menschen innerhalb der letzten 30 Jahre. Angeblich soll es jetzt nur noch 4.000 Straßenhunde in Bukarest geben, die noch auf der Straße leben. Im städtischen Tierheim befinden sich noch 1.400 Tiere. Es soll aber noch ungefähr 24 illegale Tierheime in Bukarest geben, die bisher von ASPA nicht überprüft wurden.

20.000 Tiere wurden “exportiert”, davon sollen 4.000 “Adoptionen” in ihren Bestimmungsländern überprüft und bestätigt worden sein. 15 Teams, zusammengesetzt aus 90 Personen, sammeln herrenlose Tiere in Bukarest ein. 60 Veterinärmediziner sind beschäftigt, es gibt 3 Tierheime und 45 Angestellte im Programm ASPA. Băncescu appelliert an die Bevölkerung, das Programm weiterhin zu unterstützen. Die Bevölkerung kann über eine Telefonnummer rund um die Uhr Informationen an ASPA weitergeben. Auch das Adoptionsprogramm, die Sterilisierung von Hunden, die nicht herrenlos sind, und die Überwachung illegaler Tierheime soll fortgesetzt werden.

Băncescu hat allerdings ausländische Tierschutzorganisationen, die im Bereich der Straßenhunde tätig sind, beschuldigt, exportierte Tiere für Tierschutzzwecke und Zoophilie statt zu Adoptionszwecken zu vermitteln. Wörtlich erklärte er: “Ein großer Anteil der Hunde geht ins Ausland und nur 10% werden tatsächlich adoptiert. 90% werden für andere Aktivitäten verwendet” und er setzt hinzu: “Wir werden die Einmischung diverser Nichtregierungsorganisationen, die nachgewiesenermaßen ein Interesse an einem permanenten Angebot von Hunden zu Exportzwecken in Bukarest haben, nicht tolerieren”. Insbesondere beschuldigte er die Organisation “Vier Pfoten” aus Deutschland, die bisher weder einen Rechenschaftsbericht noch einen Bericht über ihre Aktivitäten in den letzten vier Jahren vorgelegt habe.

Diese Aussage hat “Vier Pfoten” auf die Palme gebracht. Sie will ASPA verklagen und erklärt: “Vier Pfoten hat nie internationale Adoptionen vermittelt. Seine Tätigkeit sind auf Rumänien beschränkt. Angesichts der direkten Beschuldigung von “Vier Pfoten”, verlangen wir von Băncescu, dass er diese durch die Vorlage klarer Beweise rechtfertigt. Im gegenteiligen Fall wird “Vier Pfoten” ihn verklagen”. Ist dies nun die späte Rache des ASPA-Chefs dafür, dass “Vier Pfoten” ihn im Juli letzten Jahres angezeigt hatte, weil er eine junge Tierschützerin, die Hunde vor der Gefangennahme bewahren wollte, auf offener Straße verprügelt hatte?

Siehe auch
Bukarest: Hilflos den Straßenhunden ausgeliefert
Was machen, wenn streunende Hunde 3.000 Kinder im Jahr beißen?

Informationsquelle
SITUAŢIA câinilor fără stăpân în Bucureşti: Peste 51.000 de câini au fost strânşi de pe străzi, din care 30.000 au fost eutanasiaţi
Vier Pfoten îi cere lui Băncescu dovezi pentru acuzaţiile făcute şi spune că îl va da în judecată
Rumänische Behörde ASPA tötet illegal weiter Hunde

Mittwoch, 14. Januar 2015

Zynismus muss man nicht erklären oder Vorurteile unter dem Deckmantel der Satire

Silvia Pilz ist Kolumnistin bei “O Globo”, eine der größten Tageszeitungen Brasiliens. Sie verfasste vor kurzem einen Meinungsartikel mit dieser Erläuterung: “Achtung: Ätzender Humor verliert seinen Reiz, wenn er erklärt werden muss. Wenige haben Spaß und viele fühlen sich beleidigt. Das war nicht die Absicht.”

Frage ist, ob man das, was Frau Pilz schreibt, überhaupt als Humor bezeichnen kann. Damit der Leser eine Entscheidung treffen kann, hier die Übersetzung ihres Artikels über Arme im Gesundheitswesen Brasiliens:

“Alle Armen haben Probleme mit dem Blutdruck. Sei es tatsächlich oder nur eingebildet. Das ist eine beeindruckende Sache. Und alle haben eine Faszination dafür, ihren Blutdruck ständig zu messen. Der Arme, der bei der Totenwache in Ohnmacht fällt, hat zu niedrigen oder hohen Blutdruck. Bei Churrascos nicht. Gegenwärtig mit den Möglichkeiten des Gesundheitsplanes ist die Durchführung von ärztlichen Untersuchungen ein hervorragendes Programm. Komplettes Blutbild, Röntgenbild der Lunge, MRT, Ultraschall der vollen Blase. Es passiert, dass der Arme – normalerweise – behauptet, dass er, wenn er nicht seinen Morgenkaffee nimmt, eine Abfall des Blutdrucks erleidet. Da für eine komplette Blutuntersuchung 8 bis 12 Stunden Nüchternheit verlangt wird, kommt der Arme, immer gut angezogen, sehr früh ins Labor, meldet sich schon vor Aufregung schwitzend (eine Mischung von Angst und Vergnügen, wie wenn er das erste mal ein Flugzeug betreten würde) an und ist ganz versessen auf den Imbiss, den ihm das Labor gratis nach der Blutentnahme verabreichen wird. So muss die Umgebung sein: Ein Stockwerk glänzend wie Porzellan, Klimaanlage. Fernsehen verbunden mit GLOBO, uniformiertes Personal. Der Arme wird sich vermutlich wie in einem Roman fühlen.
Normalerweise zieht man sich anständig an, wenn man zu den Ärzten und Labors geht. Es ist üblich, Kinder und Babys mit riesigen Schleifen auf dem Kopf zu sehen, die mit Tennisschuhen angezogen auf dem Schoss ihrer Mütter mit glattem Haar (weil es gegenwärtig in Brasilien keine Personen mit gelocktem Haar gibt) sitzen mit einem deutlichen Bauch in einem viel zu engen Hemd.
Der Arme muss eine Krankheit haben. Probleme mit der Schilddrüse sind zum Beispiel Mode. Das ist fast schick. Vor kurzem sah ich eine Sendung von GLOBO, sie hieß “Wohlbefinden”. Die Moderatorin klebt Sachen auf eine Tafel, indem sie teilt zwischen dem, was gut tut und dem was schlecht ist, jeweils abhängig vom Fall, der vorgestellt wird. Der Normalfall ist üblicherweise der Zweifel eines Armen. Fälle des Typs “ich habe eine Zyste am Eierstock und ich möchte wissen, ob ich schwanger werden kann”. Denn die große Sorge des Armen ist die Fortpflanzung. Die Sendung ist ein Bildungsprogramm, das sogar unterhaltsam ist. Um auf die Blutuntersuchung zurückzukommen: Es ist der Mühe wert, sich zu erinnern, dass jeder Arme blöd wird, wenn man ihm das Blut abgenommen hat. Er versucht an dem Tag nicht zu arbeiten. Macht ein Drama, bleibt im Bett.
Ich glaube, dass es der Traum vieler Armer ist, einen Knoten zu haben. Ein Fortschritt der Medizin – der mir Furcht einflößt, denn ich möchte nicht 120 Jahre alt werden – eroberte das Herz der finanziell Minderbemittelten. Es ist eine Art “Glamourisierung” der Krankheit. Er macht eine Untersuchung, wartet auf das Resultat, betet, dass der Knoten kein Krebs ist. Erzählt das der gesamten Familie, zeigt die Operationsnarbe.
Ich glaube, dass ich kein Dienstmädchen kenne, die nicht ständig an Ischias leidet. Ah! Sie haben auch Cholesterol und behaupten “es mit den Nerven zu tun zu haben”, wenn der Arzt es wagt zu sagen, dass ihr Problem rein emotional ist.
Was mich fasziniert ist, dass ihr Interesse nur der Diagnose gilt. Die Behandlung ist nachrangig, abgesehen davon, dass sie auch eine gewisse Faszination für Tabletten haben.
Auch mit “Cholestorol” essen sie weiterhin Krabbenkuchen mit Käsecreme (es gibt keinen Armen auf dieser Erde, der nicht von Krabben fasziniert sind) und am Wochenende füllt sich alle Welt das Maul mit Churrasco zur Melodie “das Leben soll mich forttragen, das Leben lebe ich” bei einer Hitze von 48 Grad.
Wie glücklich sind sie. Sabbernd vor Neid.”

Soweit zum Humor von Frau Pilz. Mit ihrer Warnung am Kopf und Ende des Artikels möchte sich natürlich gerne vertuschen, dass ihr Humor eine Sauerei ist. Es geht wieder einmal um die Verbreitung von Verallgemeinerungen und Vorurteilen gegen eine Gruppe in der Gesellschaft: Hier sind es die Armen. Man kennt die Leier ja: “Die Juden, die Islamisten, die Rumänen, die Zigeuner usw.” Hier soll eine große Bevölkerungsgruppe Brasiliens unter dem Deckmantel eines “ätzenden Humors” beschimpft werden.

Nein danke, das dachte sich Davison Coutinho, Bewohner der Favela von Rocinha in Rio de Janeiro und meldete sich in der Zeitung “Jornal do Brasil” zu Wort. Hier seine Meinung:
Ich weiß nicht, ob ich einen derart vorurteilsbeladenen Text schon einmal gelesen habe. Ich schäme mich, dass es in unserer Gesellschaft Personen (ich weiß nicht, ob man sie als Personen bezeichnen kann), die ein solches Gedankengut haben, gibt. Es ist noch schlimmer: Sie reden so wie wenn sie recht hätten. Was mich noch mehr beschämt ist, dass eine so wichtige Zeitung einen solch vorurteilsbeladenen Text druckt, in der sie ihre Wut über Personen, die nicht so begünstigt sind, zeigen kann und sie benutzt die üblichen negativen Sprüche über die Armut.
Diese Dame beschimpft und schließt andere Menschen allein deswegen aus, weil sie nicht aus derselben sozialen Klasse stammen und deswegen macht sie dümmliche Erklärungen. Mitten in den Kriegsproblemen, die wir auf dieser Welt erleben, brauchen wir mehr Toleranz und Liebe. Wir sollten nicht die Zeit mit intoleranten und diskriminierenden Beschimpfungen vergeuden. Wir tolerieren nicht mehr ein Land oder eine Stadt, die vom Vorurteil regiert wird. Ich bedaure, Silvia, dass du ein Wesen bis, dem es nicht gelingt mit einem anderen menschlichen Wesen zusammenzuleben.”

Informationsquelle
O plano não cobre: Pobre não pode ter plano de saúde
O plano cobre

Dienstag, 13. Januar 2015

Alles nicht mehr wie es einmal war in der britischen Parteienlandschaft

In Großbritannien finden in diesem Jahr Parlamentswahlen statt. Bisher war klar, dass dank dem Mehrheitswahlrecht die Musik von den Konservativen (Tories) und den Sozialisten (Labour) gemacht wird und kleinere Parteien keine Chance haben. Obwohl die letzten Wahlen den Konservativen nur ein Regieren dank der Koalition mit den Liberalen (Lib Dems) möglich machte. Die britischen Wähler scheinen des alten 2-Parteien-Systems müde zu sein. Rechtsaußen taucht die UKIP (United Kingdom Independence Party) auf, die den Konservativen mit ihrer antieuropäischen und fremdenfeindlichen Politik heftig zusetzt. Links und als Konkurrent zu Labour ist es der Partei der Grünen (Green Party) gelungen 2014 ihren Mitgliederzahl um 120% zu steigern.  In den letzten Wahlumfragen tümpelt sie nicht mehr bei 1% der Wählerstimmen, sondern eher bei 6%. Ihr Stimmenanteil bei den unter 25-Jährigen ist besonders hoch. Stimmen für die Grünen gehen eher zu Lasten von Labour und den Liberalen.

Ofcom, die britische Regulierungsbehörde für die privaten Fernsehanstalten, hatte vor kurzem die Grünen von den Diskussionsrunden zur Wahl ausgeschlossen. Die Grünen wären keine “größere Partei” argumentiert Ofcom. Die BBC als öffentliche Anstalt hat einen ähnlichen Beschluss gefasst. Gegenwärtig sollen nur die Konservativen, Liberalen, Labour und UKIP an den den Debatten teilnehmen.

Damit gibt sich allerdings die britische Öffentlichkeit nicht mehr zufrieden und man diskutiert, wer nun bei den Fernsehdebatten im Wahlkampf am Tisch mitsitzen darf. Der Ministerpräsident David Cameron ist dafür, dass die Grünen mit am Tisch sitzen. Nicht weil Cameron ein Herz für die Grünen hat, sondern er hofft als guter Wahlarithmetiker, dass die grünen das Stimmenpotential von Labour vermindern. Labour wäscht seine Hände in Unschuld und verweist auf die Ofcom-Entscheidung. Aber die Grünen selbst verlangen energisch ihre Teilnahme, da sie sich zu Recht als eine aufkommende Alternative zu den etablierten Regierungsparteien sehen.

Eine andere politische Kraft pocht auch auf ihr Recht, in der Öffentlichkeit ihre politischen Positionen vertreten zu dürfen: Die Schottische Nationalpartei (Scottish National Party, SNP), die in der englischen Öffentlichkeit scheinbar immer noch nicht vorkommt.  Sie ist inzwischen die drittgrößte Partei im Land und sieht nicht ein, weshalb sie bei den Diskussionen in den Fernsehanstalten außen vor bleiben soll. Die schottische Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon sieht es so: “Mit einer größeren Mitgliederzahl als die Liberalen und UKIP zusammen und mehr gewählten Parlamentsabgeordneten als UKIP kommt man nicht darum herum, die SNP zu beteiligen. Der Leiter der SNP-Wahlkampagne hat Ofcom deshalb aufgefordert, seine undemokratische und unlogische Entscheidung zu überprüfen. Die Anstalten und die Regulierungsbehörden haben eine Pflicht zur Neutralität in der Wahlkampfberichterstattung. Ein Ausschluss von SNP würde diese demokratischen Pflichten verletzen”.

Und nicht zuletzt verlangt auch Plaid Cymru, die Vertretung der Waliser im Parlament, eine Beteiligung. Die Partei war in den letzten 4 Legislaturperioden mit Abgeordneten im Parlament vertreten. Die Führerin von Plaid Cymru, Leanne Wood, fordert: “Plaid Cymru muss beteiligt werden. Das gehört zu den grundlegenden Elementen der Demokratie. Es geht nicht so sehr darum, dass meine Partei Aufmerksamkeit im Wahlkampf haben will, sondern darum, dass die Leute eine Möglichkeit haben uns zu beurteilen und dass sie Zugang zur vollen Bandreite der möglichen Informationen haben, um eine bewusste Wahl treffen zu können.”

Es ist in der Tat nicht zu verstehen, warum eine Partei wie UKIP, weil sie den meisten Lärm macht, die Öffentlichkeit bekommt, die sie wünscht und andere Parteien dafür unter den Tisch fallen. Auch hier verändert sich was im Vereinigten Königreich auf das die etablierten Londoner Medien eingehen müssten.

Informationsquelle
The Greens, SNP and Plaid Cymru: why we should be in the leaders' debate

Sonntag, 11. Januar 2015

Französisches AKW unterstützt Sylvesterfeuerwerk mit Knallen und Zischen

In der Sylvesternacht spitzten einige Tausend Einwohner von Pierrelatte die Ohren. Ein merkwürdiges Pfeifen und Knallen weckte sie auf. Viele verbanden das mit dem örtlichen Sylvesterfeuerwerk. Dem war aber nicht so, das Zischen und Knallen kam aus dem Atomkraftwerk Tricastin, wo es innerhalb von 24 Stunden zu vier Gasausbrüchen durch Überdruck kam. In der verharmlosenden Sprache des Betreibers EDF handelte es sich um ein Dichtungsproblem bei den Ventilen im 2. Kreislauf außerhalb des nuklearen Teils der Anlage.

Die Pressemitteilungen von EDF bei Pannen in den atomaren Anlagen genießen auch in Frankreich nicht viel Vertrauen. Zumal dann am 5. Januar morgens beim Reaktor 4 der Anlage eine Schnellabschaltung vorgenommen werden musste. Der altgediente Kämpfer gegen die Atomindustrie Olivier Cabanel schreibt dazu in seinem Blog: “Um es einfach zu sagen, nicht nur das alte AKW Tricastin macht Sorgen: “In den vergangenen Jahren gab es Brände und die Explosion bei einer unterirdischen Gasleitung im Jahr 2011, unkontrollierter Austritt von radioaktivem Tritium, am 28. Februar 2018 eine Explosion und so weiter, das war jetzt der tausendste “Zwischenfall”, den es auf dem Gelände des AKW Tricastin seit seiner Errichtung gab. Aber die Sorgen begrenzen sich nicht nur auf Tricastin. In Bugey wurde der Reaktor Nr. 2 am 3. Dezember abgeschaltet und am 7. wieder hochgefahren, am 15. gab es wieder eine Schnellabschaltung und am 17. wurde er wieder hochgefahren und am 2. Januar gab es wieder eine Schnellabschaltung. Alles wenig beruhigende Dinge, die wir hier aus dem ältesten AKW Frankreichs hören. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich war 1971 schon bei ersten Demo gegen die Atomkraft in Bugey dabei. Die “Zwischenfälle” in den alten Atomkraftwerken mehren sich und das ist klar auf die Überalterung der Anlagen zurückzuführen.”

Auch bezüglich der Schließung von Fessenheim ist Cabanel pessimistisch: “Hollande hat die Schließung von Fessenheim für Ende 2016 versprochen. Das wird ganz offensichtlich nicht geschehen aus einem ganz einfachen Grund. Das Verwaltungsverfahren für eine endgültige Schließung dauert 5 Jahre und wenn dieses erst jetzt in Gang gesetzt wird, was bisher nicht der Fall war, kann Fessenheim nicht vor 2019 geschlossen werden.” Und so sieht es generell auch mit der Schließung anderer Schrottmeiler aus: Das soll erst angegangen werden, wenn der neue Europäische Druckwasserreaktor EPR von Flamanville arbeitet. Dessen Fertigstellungstermin, geplant für 2012, wird ständig verschoben. Derzeit soll das 2018 geschehen.

Und so geht das atomare russische Roulett auch in diesem Jahr weiter.

Informationsquelle
Ça chauffe au Tricastin

Samstag, 10. Januar 2015

Kronstadt ist beliebtestes Reiseziel für Ausländer in Rumänien

Kronstadt, auf rumänisch Brașov genannt (ungarisch Brassó), ist das beliebteste Reiseziel der Ausländer, die nach Rumänien kommen. Kronstadt wurde von den Ritterbrüdern des Deutschen Ordens im frühen 13. Jahrhundert als südöstlichste deutsche Stadt in Siebenbürgen unter dem Namen Corona gegründet. Die Stadt hat ihren mittelalterlichen Charme erhalten und mit der 1477 gebauten “Schwarzen Kirche” (Biserica Neagră) ein markantes Wahrzeichen. Aber attraktiv ist nicht nur die Stadt selbst, sondern es gibt im Umland einige beliebte Ausflugsziele wie das Schloss Bran im gleichnamigen Ort (deutsch: Törzburg), die so gemeinhin als die Dracula-Burg gilt und die Festung von Rosenau (Râșnov) oder die Kirchenburg von Tartlau (Prejmer). Im Winter ist es die Schulerau (Poiana Brașov), die bekannteste Ski-Station der Karpaten, die Rumänen und Ausländer anzieht.

Bereits 2013 war Kronstadt das meistbesuchte Reiseziel von Ausländern in Rumänien. So nun auch wieder im Jahr 2014. Die größte Besuchergruppe – wen wundert’s – sind die Deutschen. Schließlich gibt es viele Siebenbürger Sachsen, die jetzt in Deutschland leben und ab und zu gerne ihre alte Heimat besuchen. An zweiter Stelle stehen die Italiener gefolgt von Franzosen, Ungarn und Israeli. Nach Bran, das vom Dracula-Geschäft profitiert, kamen letztes Jahr 600.000 Besucher. Das Schloss gehört jetzt wieder einem Habsburger, nachdem es 2009 vom rumänischen Staat an die ehemaligen Eigentümer zurückgegeben wurde. In Kronstadt ist bei den Touristen die Schwarze Kirche und das alte Rathaus besonders beliebt.

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Obiective turistice în Braşov, oraşul preferat al străinilor

Freitag, 9. Januar 2015

Dicke Luft in Madrid

Madrid befindet sich seit einem Monat in einer dicken Smog-Wolke. Die spanische Umweltorganisation “Ecologistas en Acción” (EA) schreibt: “Es handelt sich um eine genauso schwerwiegende wie vorhersehbare Situation. Madrid hat die Gesetzgebung über die Reinhaltung der Luft bezüglich Stickstoffdioxid, die 2010 in Kraft trat, während all der Jahre seither nicht erfüllt. Der Plan zur Reinhaltung der Luft der Stadt Madrid für 2011 bis 2015 ist krachend gescheitert.”

Am 7. Januar wurde an der Messstation Sanchinarro mit 18 Überschreitungen des Grenzwertes ein Maximum erreicht, der entsprechend dem Gesetz nur gerechnet auf das ganze Jahr zulässig wäre. Auch an anderen Messstationen wurde ähnliche Überschreitungen gemessen. Mit dem Plan zur Luftreinhaltung für 2011-2015 hatte die Stadt Madrid versucht, die EU zu beruhigen, die Madrid bereits mehrfach verwarnt hatte. Mit dem erneuten Fehlschlag ist erwiesen, dass der Plan das Papier nicht wert ist, auf dem er geschrieben wurde. Laut EA sollte damit nur erreicht werden, dass die EU die Auflagen zur Einhaltung der Grenzwerte verschiebt. Die EU gab sich allerdings nicht zufrieden, die Verantwortlichen in der Stadt haben das aber auf die leichte Schulter genommen. Das Problem gibt es vor allem im Winter nicht nur in Madrid, sondern auch in anderen europäischen Hauptstädten. Paris, Hamburg oder Oxford haben deshalb zum Beispiel einschneidende Einschränkungen beim Autoverkehr vorgenommen. Auch die Stadt Pontevedra in Spanien hat wenigstens eine Geschwindigkeitsreduzierung für Fahrzeuge auf 30 km/h angeordnet, um die Schadstoffemissionen zu senken.

Der Hauptfaktor für die gesundheitsschädliche Luftverschmutzung ist der Verkehr und im Winter die Heizöfen. Bei ersterem sind es besonders die mit Diesel betriebenen Kleinlaster. Die Regionalregierung der autonomen Region Madrid hat deshalb für dieses Jahr ein Programm für die Ersetzung der Kleinlaster mit der schlimmsten Umweltbilanz aufgelegt. Dafür sollen 1 Million Euro zur Verfügung gestellt werden. Die Oberbürgermeisterin von Madrid, Ana Botella, beliebt aber wieder einmal die Realität zu verleugnen, wenn sie behauptet, dass die Luft in Madrid besser sei wie vor 4 oder 5 Jahren. Dann folgt nach dem Motto “Angriff ist die beste Waffe” eine Attacke auf die EU, die es nicht schaffe, die Autoindustrie auf niedrigen Schadstoffausstoß zu verpflichten. “Die EU verlangt viel von den Städten, aber nicht viel von der Autoherstellern”, ist ihre Meinung. Ansonsten wird abgewiegelt: “Es handelt sich um eine kurzfristige Wettersituation, die Spitzen bei den Stickstoffen verursacht, aber in keinem Fall war das so schwerwiegend, dass die Notwendigkeit für die Anordnung außerordentlicher Maßnahmen bestand”, erklärt die Umweltbehörde der Stadt.

Es ist die bereits zur Genüge bekannte Methode des Nichtstuns und Verniedlichung der Umweltschädigung, das die Regentschaft von Ana Botella auszeichnet. Die Gesundheit der Einwohner Madrids ist und war nie besonders wichtig.

Siehe auch
Dicke Luft in Madrid und Barcelona
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Nitrogenazo en Madrid: 119 superaciones en 7 días

Mittwoch, 7. Januar 2015

Willkommen im IV. Reich: Eine spanische Sicht der Dinge auf Deutschland

Der Schriftsteller und Journalist David Torres schreibt in seinem Blog ausgehend von den Büchern und Gedanken von Günter Grass, der als einziger vor der deutschen Einigung gewarnt habe, über die neueste Entwicklung in der deutschen Europapolitik insbesondere im Hinblick auf die deutsche Politik gegenüber Griechenland. Der Titel seines Beitrags lautet “Willkommen im IV. Reich” (Bienvenidos al IV Reich). Hier ein Auszug aus seinen Ausführungen:

Was den Nazismus in seinem herausragenden Merkmal charakterisiert, ist nicht der Rassismus noch der Antisemitismus, sondern der Kult der brutalen Gewalt und der Verachtung für den Schwächeren, genau so lautet die Melodie der nicht endendenden Gesänge, die Angela Merkel unter dem Dirigentenstab der Bundesbank intoniert. In ihrem Ultimatum an die Griechen, in ihrer grenzenlosen Verachtung für die Demokratie, hat Merkel mit dem verpesteten Atem eines Bismarck, eines Kaiser Wilhelm und eines Hitler gesprochen, der 3 Diktatoren, die direkt von der Walhalla aus dem Schlamm der ungezähmte Walküria entstiegen sind.
Mit Banken anstelle von Panzern, mit Banknoten anstelle von Granaten scheint diese Bedrohung noch seltsamer, wenn der Präsident des Wirtschaftsforschungsinstituts von München, Hans-Werner Sinn, nicht mehr viele Lösungen für die Griechen sieht. Nach Sinn belaufen sich, egal ob sich Griechenland aus dem Euro verabschiedet oder bleibt, die Kosten für die deutsche Wirtschaft auf 76 Milliarden Euro. Man kann es drehen und wenden wie man will, hier steht der “Feldwebel Rámirez”. Es scheint, dass die wahre Option in den Händen der Griechen liegt, die die Wahl zwischen Austerität und der Armut haben, oder andersrum ausgedrückt, zwischen Sklaverei und Freiheit. In diesen heiklen Fällen ist es passend auf die Klassiker zurückzugreifen und Tacitus gab dafür einen ausgezeichneten Rat: “Im Risiko gibt es Hoffnung”.

Auch wenn die Kommentare zum Artikel von Torres gemäßigt sind: Die Abneigung gegen das Merkel-Deutschland steigt in Europa. Zu klar steht der pure Egoismus für die deutsche Politik in der Eurokrise und ein herausragender Schwätzer ist in dieser Sache der Wirtschaftsprofessor aus München mit dem Namen Sinn, der vom Ausland als ein akademischer Spezialist angesehen wird und dessen dümmliche Kommentare leider oft verdecken, dass es in Deutschland noch viele andere Meinungen zu diesem Thema gibt und ein großer Teil der Bevölkerung durchaus Solidarität auch mit den Griechen wünscht.

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Bienvenidos al IV Reich

Dienstag, 6. Januar 2015

Wenn Wasser zum kostbaren Gut wird

Die Stadt Itu liegt im Innern des brasilianischen Bundesstaates Sao Paulo. Die Stadt hat 155.000 Einwohner. Ihre größte Bedeutung hatte Sie im vergangenen Jahrhundert als Zentrum der Kaffee- und Zuckerrohrindustrie. Inzwischen gibt die Keramikindustrie den Ton an. Wegen der riesigen Souvenirs, die man dort kaufen kann, wird Itu auch Stadt der Übertreibung genannt.
 
Itu hat zur Zeit ein riesiges Problem: Der Stadt geht das Wasser aus. Die in der Region São Paulo herrschende Trockenheit hat die Stadt voll getroffen. Hinzu kommt, dass die Wasserversorgungsgesellschaft der Stadt sich Investitionen in die Wasserversorgung gespart hat. Deswegen wurde sie auch mit hohen Strafen belegt. Die Stadtverwaltung verfügte im September letzten Jahres eine Wasserrationierung und erlaubte das Bohren von Brunnen. Trotzdem blieben seither viele Wasserhähne trocken. Die Bewohner verschwenden viel Geld auf der Suche nach Wasser. Die Preise für Wasser sind erheblich gestiegen. Da aus den Wasserleitungen nur noch selten etwas kommt, haben Lastwagen mit Zisternen Hochkonjunktur. Aber auch die erscheinen nur selten in vielen Stadtvierteln.
 
Die Folgen: Die Bewohner der Stadt sind durch das Fehlen des Wassers schweren nervlichen Belastungen ausgesetzt. “Man schläft nicht mehr. Wir sind in ständiger Erwartung, dass Wasser aus den Wasserhähnen kommt und wir es verpassen. Wer tagsüber arbeitet muss in der Nacht ständig bereit sein. Wer kein Auto hat, ist auf das Wohlwollen der anderen angewiesen”, erklärt die Hausfrau Solange Rodrigues Belon. Sie weist auch daraufhin, dass es sehr schwierig ist Lastwagen mit Wasser-Zisternen zu finden, da die Wassergesellschaft nicht informiert, wo und wann diese auftachen. Die Notlage macht aber auch erfinderisch: Garagen werden ausgeräumt und Wassertanks eingebaut, Wasser wird getrennt nach solchem zum Trinken, Waschen oder für die Reinigung. Das wenige Wasser, das noch geliefert wird ist von schlechter Qualität und kaum mehr genießbar. Ladengeschäfte und Restaurant müssen teilweise schließen.
 
Kurz vor Weihnachten erklärte der Bürgermeister die Rationierung für beendet. Leider ist es ihm aber nicht gelungen mit diesem Machtwort die Wasserkrise zu beenden. Trotz des bürgermeisterlichen Problembeseitigung geht der Wassermangel weiter. In bis zu 12 Vierteln soll über Weihnachten oder Neujahr bis zu 6 Tagen Wasser gefehlt haben. “Es ist eine Schande. Ich bin seit 3 Tagen ohne Wasser”, erklärt der Frisör Caetano Silva und weist daraufhin, dass er deswegen immer mehr Kunden verliert. “Der Bürgermeister ist ein Lügner. Der weiß doch nicht, was in seiner Stadt passiert. Mal haben wir Wasser, mal haben wir keines und wenn welches kommt, dann kommt es nicht bis zum Wassertank auf dem Dach”, erklärt eine Hausfrau.
 
Itu steht für die generelle Wassernot im Bundesstaat São Paulo und die düsteren Aussichten, falls sich nicht bald etwas grundlegend ändern sollte. Und es gibt schon viele, die ein apokalyptisches Szenario wie sie in einigen Hollywood-Filmen geschildert wird, für möglich halten: Auseinanderbrechen des sozialen Zusammenhaltes in der Gesellschaft, die Polizeikräfte ziehen sich zurück und überlassen die Region ihrem Schicksal: Es wird ein Heulen und Zähneknirschen herrschen, schreibt ein Kommentarschreiber der Zeitung Folha de São Paulo.
 
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Após fim do racionamento, cidade de Itu volta a enfrentar falta de água
Itu, interior de São Paulo: seca e descaso sem tamanho