Sonntag, 29. Juni 2014

Wie sich WM-verkaterte Brasilianer wieder fit machen sollen

Brasilien hat gestern bei der Fußball-WM gegen Chile gewonnen, wenn auch recht mühsam nach Elfmeterschießen. Nach all dem Stress und Anspannung eines spannenden Spiels musste natürlich gefeiert werden und das auch in Brasilien in der Regel mit viel Alkohol. Es war Samstag, ein Tag, an dem man auch noch Zeit zum Feiern hatte. Und wie das halt so ist, so folgt auf den Rausch der Kater.

Die Internet-Zeitung Diario Online aus Belém do Para sieht sich deshalb verpflichtet, verkaterten Brasilianern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Hier nun die Erkenntnisse aus Belém: "Nach einem weiteren Spiel Brasiliens und das auch noch an einem Samstagvormittag, bedeutet dies auch, dass es danach bei vielen Menschen einen Kater gibt. Das Mitleiden beim Spiel und die lockere Stimmung müssen auch nach dem Spiel anhalten und um die Effekte des Katers zu mildern, beherzige folgende Regeln: Eier essen, Brokkoli, Paprika, Zwiebeln und Körner tun auch sehr gut,  da das in diesen Lebensmitteln enthaltene Cystin verantwortlich für den Abbau des größten Teils des Acetaldehyds,  das damit den Prozess der Erholung vom Kater beschleunigen kann. Die Bananen, Lebensmittel reich an Kalium, helfen ebenfalls, denn da die alkoholischen Getränke diuretisch sind (man macht nicht grundlos alle 5 Minuten Pipi) ist es üblich, dass die Schadstoffe zusammen mit dem Urin ausgeschieden werden. Das Kalium ist eines der Elemente, die bei diesem Prozess ausgeschieden werden und deshalb ist es von höchster Bedeutung, dass sich Personen mit Kater gut ernähren".


Wie daraus zu erkennen ist, scheint der Alkohol eine besondere Rolle bei den Siegesfeiern gespielt zu haben. Auch scheinen sich die meisten Brasilianer / Brasilianerinnen zu wundern, dass sie nach hohem Alkoholkonsum ständig pinkeln müssen.

Informationsquelle

Samstag, 28. Juni 2014

Die Londoner Elite hat die Zeichen der Zeit nicht verstanden

Denis McShane ist Mitglied der Labour-Partei und ehemaliger Europaminister Großbritanniens (2002 bis 2005). In einem Beitrag zum "Social Europe Journal" drückt er unter dem Titel "Wenn ihr europäische Politik machen wollt, dann macht doch europäische Politik" sein Unverständnis für das derzeitige Verhalten der britischen Regierung in Angelegenheiten der Europäischen Union aus.

"Eine der seltsamsten Aspekte der Seifenoper "Präsident der Europäischen Kommission" ist die Entdeckung durch viele Londoner Vertreter der politischen Medien, dass seltsamerweise politische Erwägungen in Angelegenheiten der Europäischen Union aufgetaucht sind", schreibt McShane. Man beschuldige das Europäische Parlament, dass es Macht an sich gerissen habe. McShane: "Genau dafür ist doch das Parlament da". Das Entsetzen darüber, dass eine Partei, die im Europaparlament die Mehrheit gewonnen habe und deshalb bei der Besetzung der Posten mitsprechen wolle, sei unverständlich. Würde man dem britischen Parlament oder dem Bundestag dieses Recht absprechen wäre Feuer unterm Dach!

McShane weiter: "In der EU geht es um Politik, Politik, Politik. So war es und so wird es bleiben. Es gibt keinen plötzlichen Griff des Europaparlaments nach der Macht. Der Lissabon-Vertrag von 2007 legt die Verpflichtung des Europäischen Rates fest, das Votum der Wähler bei der Entscheidung zur Nominierung des Kommissionspräsidenten zu berücksichtigen. Das liegt bereits seit 6 oder 7 Jahren auf dem Tisch und wurde offen innerhalb der Partei der Europäischen Sozialisten und der Europäischen Volkspartei diskutiert. Dieselben Kommentatoren, die sich über das Demokratiedefizit beklagten sind nun diejenigen, die einen bescheidenen Versuch die Wählerstimmen mit der Auswahl der Führer in Verbindung zu bringen, verurteilen.

Britanniens politische Parteien und die Kommentatoren in London schleppen aber ihre eigene Schubkarre mit Sand herum, damit sie bei jeder EU-Debatte darin ihren Kopf verstecken können, um nicht zu sehen oder zu hören, was los ist. Es ist Cameron's Versagen, dass er alle natürlichen Verbündeten in Europa vergrämt hat und so wird es nicht zu einer Machtanmaßung des Rates kommen in der Form, dass Juncker verhindert wird. London muss nun entscheiden, wen es als Kommissar schicken will. Das ist auch nackte Partei-Politik nach Maßstäben Cameron's mit dem ein politische Absprache getroffen wird, um einen ausrangierten Parteipolitiker zu belohnen oder zu trösten. Es ist übelste Phrasendrescherei damit zu argumentieren, dass alles was London will oder sagt nobel und unvoreingenommen ist. Die "Junckernaut Saga" war von Beginn an eine Geschichte Camerons, der die internen Probleme seiner Konservativen Partei über Europa gestellt hat. Es ging auch um eine politische Absetzbewegung von der EU. Europäische Politik ist nicht so verschieden von britischer, amerikanischer oder französischer Politik. Es geht darum wer, mit wem und wie Freunde gewinnt, Feinde abschreckt und Netzwerke schafft, um Resultate zu erhalten."


Informationsquelle:
If You Want to Do European Politics, Do European Politics

Mittwoch, 25. Juni 2014

Dunkle Wolken über Recife

Die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien nähert sich dem Ende der Vorrunde. Deutschland wird morgen in Recife gegen die USA antreten. Der Wetterbericht für Recife für heute und morgen sieht allerdings nicht so gut aus. Apac, der pernambucanische Wetterdienst, gibt eine Warnung heraus. Für heute und morgen werden Regenfälle mit einem akkumulierten Niederschlag von 50mm erwartet. Wobei die kommende Nacht und der morgige Vormittag am stärksten gefährdet sind. Schuld ist ein "Feuchtigkeitskanal" (canal de umidade) der eine instabile Wetterlage verursacht. Es ist auch mit Nebel zu rechnen. Die am stärksten betroffenen Gebiete sind der Großraum Recife und der atlantische Wald in der Küstenzone.

Manche werden bei den in Recife herrschenden Temperaturen ungläubig den Kopf schütteln, wenn sie lesen, dass der Wetterdienst die Pernambucanos aufklärt, dass mit dem 21. Juni der Winter in Brasilien beginnt. Aufklärend fährt Apec fort: "Allerdings gibt es im Nordosten Brasiliens keinen klaren Unterschied der Jahreszeiten. Man kann eigentlich nur von 2 Jahreszeiten sprechen, der Regenzeit und der Trockenzeit. In der Regenzeit werden mildere Temperaturen erwartet und stärkere und häufigere Regenfälle. Es ist wichtig daran zu erinnern, dass in der Region des Sertão die Regenzeit bereits zu Ende ist und die regnerischen Perioden sich weitgehend auf den Agreste von Pernambuco  und die Küstenregion beschränken, wo die Regenfälle jetzt sehr häufig sind".

Sonntag, 22. Juni 2014

Clorgas und eine Posphorschlamm-Müllkippe als Zeitbombe an Spaniens Strand

Spiegel-Online meldete in diesen Tagen vom syrischen Bürgerkrieg: "In den vergangenen Monaten wurden wiederholt Angriffe mit Chlorgas gemeldet. Der leicht giftige Stoff, der in der Wirtschaft in vielfältiger Weise eingesetzt wird, fiel nicht unter das Abkommen zur Zerstörung der Chemiewaffen, auch wenn er als Kampfstoff eingesetzt werden kann." Chlorgas ist also ein Stoff, an den man leicht kommen kann, der aber auch großen Schaden anrichten kann.

Die andalusische Hafenstadt Huelva ist eine Industriestadt, in der insbesondere die chemische Industrie sehr gut vertreten ist. Da das Bewusstsein für Umweltgefährdungen bisher in Andalusiens Süden nicht besonders ausgeprägt war, konnte diese Industrie sich ohne Rücksicht auf Umweltschutz ausbreiten. Heute steht man vor dem riesigen Gefährdungspotential, die Bevölkerung will sich nicht mehr alles gefallen lassen und die Verantwortlichen schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu.

Auf Fahrt nach Mazogon und die Strände der Costa de la Luz kommt man an  Palos de la Frontera vorbei mit dem Hafen, von dem damals Columbus zur Entdeckung Amerikas aufbrach. Die Straße säumen Monokulturen von Erdbeerfeldern, die Europa ab Februar mit den ersten Erdbeeren versorgen. Über den Feldern liegt oft ein stechender Geruch, der von der Ölraffinerie und dem Industriegebiet der chemischen Industrie herrühren, die an der Mündung der Flüße Rio Tinto und Odiel in den Atlantik liegen.

In diesem Industriegebiet befindet sich auch die Fabrik ERCROS, die den größten Teil des Chlor für den spanischen Markt produziert. ERCROS hat eine Produktionskapazität von bis 101.000 Tonnen Chlor. In der Nähe der Produktionsstätte befindet sich die Stadt Huelva und umliegende Gemeinden mit insgesamt etwa 250.000 Einwohnern. Für einen Chlorgasunfall gibt es keinen Notfallplan oder zumindest ist den in der Region lebenden Menschen keiner bekannt gegeben worden. Wie gefährlich ein Chlorgasunfall werden kann zeigte ein Unfall im Hafen von Málaga, wo 1974 eine Behälter mit Chlorgas auf den Boden fiel und beim Entweichen des Chlorgases 4 Menschen ums Leben kamen und eine große Zahl vergiftet wurde. Die Bürgerbewegung "La Mesa de la Ria" will die Gefährdung der Bevölkerung nicht mehr weiter hinnehmen. Sie verlangt von der andalusischen Regierung einen öffentlichen Notfallplan. Ein solcher Notfallplan wurde nach Meinung der Bürgerbewegung bisher nicht erstellt, weil für die Regierung die Interessen der Industrie wichtiger seien als das Leben der Bürger.

Das ist leider nicht das einzige Problem von Huelva und seiner Umgebung. Die Umweltsünden der Vergangenheit bedrohen auch von einer anderen Ecke her die Region. Es ist die die Düngemittelfabrik Fertiberia, die seit Jahrzehnten vor den Toren der Stadt eine riesige Müllhalde für Reste ihrer Phosphorgips-Produktion gefüllt hat. Phosphor ist giftig und leicht radioaktiv. Die Müllkippe ist ungefähr flächenmässig genau so groß wie die Stadt selbst und erreicht eine Höhe von 30 Metern. Im Jahr 2003 verfügte das oberste Gericht Spaniens, den Entzug der Konzession für die Firma Fertiberia. Trotzdem hat diese weiterhin unbeeindruckt weiter Phosphorgips-Schlamm deponiert und hält sich aber für zugute, dass sie die Produktion um 50% gedrosselt habe. Die Behörden schauen weg oder nur halb hin und so geht das Desaster für die Bevölkerung weiter.

Eine Delegation des Europaparlaments hat sich auf Grund von Beschwerden vor Ort über die Situation sachkundig gemacht und in einem Bericht aus dem Jahre 2010 als Schlussfolgerung folgendes festgehalten:
"Die Industrie, die sich in Huelva Ende der 1950er - und Anfang der 1960er - Jahre anzusiedeln begann, wurde von der örtlichen Bevölkerung begrüßt. Damals brachte sie die Verheißung von Arbeitsplätzen und Wirtschaftsentwicklung in eine Region, die diese brauchte, und die Industrie siedelte sich auf einem Marschgebiet an, das nach allgemeinem Dafürhalten von Mücken verseucht und nutzlos war.
Die stetige Entsorgung größtenteils giftiger industrieller Abfälle und die erheblichen Gefahren für die Gesundheit der örtlichen Bevölkerung führten jedoch zu wachsender Besorgnis bei der lokalen Bevölkerung.
Verschmutzte Abwässer verseuchten nicht nur das frühere Marschland, sondern auch das
Flussbett. Obwohl die Behörden letztlich auf diese Sorge einzugehen begannen, bestehen weiterhin ernstliche Probleme beim Umgang mit dieser Sachlage. (Die Einleitung eines Vertragsverletzungsverfahrens gegen Spanien am 18. März im Anschluss an die Informationsreise deutet darauf hin, dass die Kommission unsere Besorgnis teilt.)
Außerdem haben die Behörden in vieler Hinsicht keine angemessenen Reaktionen auf die
Sorge der Zivilgesellschaft und die Appelle der Bürgervereinigungen gezeigt, die sich schließlich Hilfe suchend an das Europäische Parlament wandten."

Der Bericht des Europaparlaments ist äußerst lesenswert, zeigt er doch mit welcher Ignoranz Firmen, Politik und Verwaltung in Spanien dem Umweltschutz und den Wünschen der betroffenen Bevölkerung gegenüber stehen.

Die Firma will jetzt, nachdem ein Gericht erklärt hat, dass die Verzögerungen durch nichts gerechtfertigt seien, das Gebiet zudecken und wieder aufforsten. Kaminrohre sollen die Gase ableiten. Ein Verbringen des Material sei nicht bezahlbar. Die andalusische Regierung kalkulierte letztere Methode mit Kosten von 2,5 Mrd Euro. Fertiberia hat jetzt für die "Säuberung" des Geländes einen Betrag von 21,9 Mio Euro als Garantie hinterlegt.

Die Strände von Mazogon bis Matalascañas sind nicht weit und beliebte Naherholungsorte. Erholungssuchende dürften auf Grund der Vertuschungen des Verschweigens kaum wissen, welche Umweltgefahren auf sie lauern.

Siehe auch:
Brot für heute, aber Hunger und Zerstörung morgen
Die Bucht von Algeciras wird zur Kloake 
Italienischer Giftmüll für Andalusien
CEPSA ist sich sicher mit der Sicherheit
Die Katastrophe am Guadiamar

Informationsquelle
La montaña ácida resiste
Opinión: Mesa de la Ría alerta del peligro del cloro en Huelva

Donnerstag, 19. Juni 2014

Jubelchöre für den neuen spanischen König erwünscht

Der neue spanische König, Felipe VI., wurde heute in Madrid inthronisiert. Er hat sich aus diesem Anlass bei einer Parade dem Volk präsentiert. Nun gibt es eine große Anzahl von Spaniern, die der Meinung sind, dass das Land keine Monarchie braucht. Es hat sich eine Bewegung gebildet, die eine Volksabstimmung über die Staatsform verlangt. Die herrschende politische Klasse hat aber kein Interesse, dass die Monarchie als Staatsform kritisch hinterfragt wird. Sogar die Sozialisten von der Partei PSOE wollen brav diese als gegeben hinnehmen.

Schlecht ist dabei, dass man versucht eine Diskussion über die Abschaffung der Monarchie und Rückkehr zur Republik im Keime zu ersticken. Die Meinungsfreiheit versucht man aus diesem Grund auszuhebeln. In Madrid hat die Polizei verboten, dass Teilnehmer an der Parade mit der Flagge der Republik erscheinen. Begründung: Das würde die öffentliche Ordnung gefährden. Die Situation wäre ähnlich wie bei Fußballspielen "mit hohem Risiko". Das Verbot gilt auch für andere Insignien, die nicht für die Amtseinführung vorgesehen seien.

Die Sicherheitsexperten berufen sich auf eine Expertise der Rechtsabteilung der Polizei. Erbeten wurde die Expertise, weil die Polizei davon ausging, dass es zu einer großen Ansammlung von Anhängern der Monarchie und gleichzeitig von Befürwortern der Republik kommen werde. Die Oberbürgermeisterin von Madrid, Ana Botella, hält vom Abwägen gar nichts. Sie hat in einer Bekanntmachung das Volk aufgefordert auf die Straße zu gehen, um den neuen König zu zujubeln und dabei solle das Volk seine Balkone mit spanischen Flaggen drappieren: "Ich fordere euch auf, im Namen ganz Spaniens unseren neuen königlichen Hoheiten die volle Unterstützung zu zusichern, indem ihr auf die Straße und Plätze geht und der Proklamation beiwohnt. Ebenso, indem ihr eure Balkone mit den nationalen Insignien schmückt und mit diesem ehrlichen Beweis des Patriotismus euer volles Vertrauen in die Zukunft unserer Nation an diesem denkwürdigen Tag zeigt", verkündet Frau Botella.

Kurzum: Abweichende Meinungen sind nicht erwünscht. Frau Botella will nur Jubelchöre sehen und hören. Und so verlief dann auch der königliche Weg durchs Volk, das von der Stadtverwaltung mit 100.000 Fähnchen ausgestattet wie befohlen jubelte, erfolgreich.


Informationsquelle:
Felipe VI rey: La Policía impedirá el acceso al recorrido de los nuevos reyes con banderas republicanas

Mittwoch, 18. Juni 2014

Warum die Brasilianer von einer Militärpolizei kontrolliert werden

Die "PM", "Policia Militar" auf deutsch "Militärpolizei" ist im Alltag der Brasilianer allgegenwärtig. Sie sorgt für Ordnung in militärischer Gesinnung und hat dies in der Vergangenheit und auch heute oft brutal und ganz im Sinne der besitzenden Klasse und der Militärs getan. Ihre Massaker an vermeintlichen kriminellen Brasilianern ziehen eine blutige Spur durch die jüngste Vergangenheit.

Warum sorgt in diesem Land nun ausgerechnet eine Militärpolizei für Ordnung?
Jair Krischke ist Menschenrechtsaktivist in Südamerika. Er gründete 1979 die Bewegung für Recht und Menschenrechte (Movimento de Justiça e Direitos Humanos) in Rio Grande do Sul, die wichtigste Nichtregierungsorganisation für Menschenrechte in Südbrasilien. In einem Interview für das Internet-Portal "racismoambiental" erklärt er die Gründe, warum es eine de Alltag beherrschende Militärpolizei in Brasilien gibt. Die Zusammenfassung des Interviews gebe ich hiermit wieder:

"Der demokratische brasilianische Staat führt Praktiken aus der Zeit der Militärdiktatur weiter. Darunter hebt sich heraus die Militarisierung der Polizei durch ein Gesetz der Diktatur von 1969. Die Militärpolizei ist also eine Erfindung der Diktatur. Das Gesetz besagt, dass die Militärpolizei eine Hilfskraft und Reserve für das Militär ist. In der bürgerlichen Verfassung von 1988 wurde das Diktatur-Gesetz Wort für Wort übernommen und die Militärpolizei weiterhin als Hilfskraft und Reserve für das Militär bezeichnet. Eine weitere Praktik, die sich erhalten hat, sind Ausdrücke, die von der Polizei verwendet werden wie "Widerstand gegen die Staatsgewalt", um die Tötung von Zivilisten zu begründen. In der Zeit der Diktatur wurde dieses Rechtsargumenent "Widerstand gegen die Staatsgewalt" geschaffen, um die Morde, die von der Militärpolizei begangen wurden, rechtfertigen zu können. Dieser Rechtfertigungsgrund wird weiterhin von unserer Militärpolizei, einer Polizei, die weltweit die meisten Menschen umbringt, benutzt. Durch die Unterordnung der Militärpolizei unter das Militär, gilt für sie auch die Militärdoktrin des Feindes, den man zu bekämpfen und unschädlich zu machen hat. So denkt das Militär, das hat aber nichts mit der Polizei zu tun. "

Jair Krischke setzt sich auch mit dem in Brasilien weit verbreiteten Unmut über die politischen Parteien auseinander: " Diese Verdrossenheit über die politischen Parteien ist sehr gefährlich, denn wer keine politische Partei will, der votiert für Diktatur. Auch wenn uns die politischen Parteien nicht repräsentieren, so gibt es doch einige Alternativen: Entweder wir gründen eine neue wirksame Repräsentationsform oder wir reformieren die politischen Parteien, weil die Verschlechterung des politischen Parteilebens ebenfalls eine Erbschaft aus der Diktatur ist. Es gibt wenige Sachen im Leben, die mich erschrecken, aber wenn ich die Massenbewegungen ohne erkennbare Führerschaft sehe, dann bin ich besorgt, weil politische Vorschläge auch ideologische Begründungen haben müssen. Innerhalb einer Ideologie wird dies oder auch anderes vorgeschlagen. Was ich sehe, das ist ein großes Durcheinander und die Tatsache, dass es keine Führerschaft gibt besorgt mich, weil plötzlich ein Führer erscheinen wird, in der Regel als Retter des Vaterlandes und das ist dann der Punkt, an dem die großen Tragödien der Menschheit beginnen."


Siehe auch:
Die Gewaltexplosion von Bahia und der brasilianische Karneval

Brasilianer trauen ihrer Polizei nicht

Informationsquelle
“A Polícia Militar é uma invenção da ditadura”. Entrevista especial com Jair Krischke

Sonntag, 15. Juni 2014

Das gibt es auch: Rumänische Stadt mit Vollbeschäftigung

Sebeş / Mühlbach liegt im rumänischen Kreis Alba Iulia in der Region Siebenbürgen. Es ist ein kleines Städtchen mit knapp 30.000 Einwohnern. Die rumänische Webseite "Infoportal" berichtet jetzt, dass Sebeş zu einem attraktiven Standort für ausländische und lokale Investoren geworden ist.

Zu verdanken ist dies in erster Linie dem Unternehmen Daimler. Die Ursache kann auf deren Webseite nachgesehen werden, wo mit Datum vom 4. April verkündet wurde: "Bei Daimler und dem rumänischen Tochterunternehmen Star Transmission wurde heute ein wichtiger Meilenstein mit zahlreichen Gästen gefeiert: Im Beisein des rumänischen Ministerpräsidenten Victor Ponta sowie von Vertretern beider Unternehmen wurde in Sebes der Grundstein für ein neues Montagewerk gelegt. Ab 2016 wird hier das neue Neungang-Automatikgetriebe 9G-TRONIC von Mercedes-Benz montiert.


Als Folge vermeldet jetzt Sebeş einen Rückgang der Arbeitslosigkeit auf 2%, was in der Welt der Wirtschaftsexperten soviel wie Vollbeschäftigung bedeutet. Daimler beschäftigt  allein in Sebeş und im Nachbarort Cugir etwa 1.000 Personen. Aber nicht nur die Arbeitslosigkeit ist niedrig, auch die Steuern fließen zuverlässig in die Gmeindekasse. Ein weiteres industrielles Schwergewicht neben Daimler ist das Unternehmen "Holzindustrie Schweighofer" aus Österreich mit ungefähr 800 Beschäftigten.


In der Provinz Alba gibt es aber immer noch ein ausreichendes Arbeitskräftepotential. Hier liegt die Arbeitslosigkeit noch bei 9,7%. Aber Sebeş hat ein gutes Potential zu einem wichtigen Industriestandort zu werden. Es liegt verkehrsgünstig und es gibt eine unternehmensfreundliche Kreisleitung: "Kreisratsvorsitzender Ion Dumitrel erklärte, die Behörden des Landkreises würden die Ansprüche der ausländischen Unternehmen kennen und sich anstrengen, so freundlich wie möglich diesen gegenüber zu sein."


Informationsquelle
Singurul oras din Romania unde nu vei ajunge niciodata somer


Donnerstag, 12. Juni 2014

Salvador's neue Metro: Benutzung nur mit Registrierung

Salvador / Bahia hat endlich eine Metro. 14 Jahre nach dem Beginn der Arbeiten wurde die etwa 7 km lange Teilstrecke der CCR Metrô Bahia von der Station Retiro in das Zentrum eingeweiht. Allerdings bezieht sich die Einweihung vorläufig auf einen provisorischen Betrieb zu Testzwecken. Für die Bewohner Salvadors trotzdem ein besonderer Tag. In ihrer von Autos verstopften Stadt gab es bisher keine Eisenbahn.

Zur Einweihung gab es kostenlose Fahrten auf der Kurzstrecke und 4.200 Neugierige benutzen die Gelegenheit, ihre neue Metro im "begleiteten Betrieb" - so nennt man in Salvador die derzeitige Funktionsweise der Metro - kennenzulernen. Ab heute fährt die Metro täglich, aber nur von 12 bis 16 Uhr.

Während der Spiele zur Fußball-WM in Salvador dürfen allerdings nur registrierte Fußball-Anhänger die Metro nutzen. Zur Enttäuschung einer begeisterten Schar Schüler, die diese Einschränkung so kommentiert: "Es ist das erste Mal, dass hier eine Metro fährt und schon wollen sie die Leute ausschließen".

Der 68-jährige Rentner Antônio de Jesus sitzt derweil andächtig im Zug und genießt ein neues Gefühl. Er saß noch nie in einem Zug. Andere konnten gar nicht aufhören, jede Bewegung des Zuges fotografisch festzuhalten. Manche Besucher standen verschüchtert herum, weil sie das Funktionieren einer Metro-Station nicht kennen. Angestellte der CCR verteilten Informationsbroschüren mit Erklärungen zur Benutzung und versuchten auf die Fragen der Besucher einzugehen. Manche müssen erst überzeugt werden, dass man die Bahn tatsächlich betreten darf.

Die Jungfernfahrt war der brasilianischen Staatspräsidentin Dilma Rousseff und dem Gouverneur des Bundesstaates Bahia, Jaques Wagner, vorbehalten. Zuvor wurde nicht die Bahn, sondern die Präsidentin von Bahianerinnen in traditioneller Tracht gesegnet.

So ein Aufstand für 7 km (in 14 Jahren)? Seltsam, findet auch ein Kommentarschreiber im Internet-Portal "A Tarde": "Ich bin so außer mir vor Erregung, dass ich nicht weiß, was ich sagen soll: Die Präsidentin der Republik ist hier und weiht ein Bähnchen mit einer Länge von 7 km nach 15 Jahren Wartezeit ein. Damit sind alle Probleme des öffentlichen Nahverkehrs in Salvador gelöst. Brasilien an die Spitze!"

Die Betreibergesellschaft warnt Fußballanhänger, die meinen, dass damit ihre Transportprobleme gelöst sein sollten, folgendermaßen: "Während der Spiele im Fonta Nova Stadion ist der Zugang zur Metro nur denjenigen möglich, die eine Eintrittskarte haben und die mit einem elektronischen Armband versehen sind. Die genauen Informationen für die Registrierung sind auf der Webseite der Transportgesellschaft Transalvador erhältlich. Die Metro funktioniert an den Tagen, an denen Spiele stattfinden wie folgt: 5 Stunden vor dem Spiel und bis 2 Stunden nach dem Ende der Partie. Während der Spielzeit fährt die Metro nicht!"



Informationsquelle
Portal A TARDE - Inauguração fez muita gente pegar o metrô para conhecer -

Dienstag, 10. Juni 2014

Was die Brasilianer an der FIFA und der WM ärgert

Heute Abend demonstrieren an der Copacabana in Rio de Janeiro gegenüber dem Hotel Copacabana Palace Mitglieder der Bürgerbewegung “Rio de Paz” (Rio des Friedens). Die Bürgerbewegung wurde 2007 gegründet, nachdem bei gewalttätigen Ausschreitungen 19 Menschen getötet worden waren. Das Ziel von “Rio de Paz” sind kreative gewaltfreie Aktionen zur Ermunterung der brasilianischen Gesellschaft, für die durch die Verfassung garantierten Menschenrechte zu kämpfen. “Rio de Paz” will mit der heutigen Aktion unter dem Thema “Weltmeisterschaft in einen Land des Elends, finanziert mit öffentlichem Geld ist ein moralisches Problem” auf die von den Steuerzahlern zu tragenden Kosten aufmerksam machen.

Die Bürgerbewegung hat sechs Forderungen an die brasilianischen Behörden, die FIFA und an die Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen 2014: “Dass die Union, die Bundesstaaten und die Gemeinden das Volk dafür um Entschuldigung bitten,
  • dass sie diesem vorgemacht hätten, dass die WM allein aus privaten Mitteln finanziert werden wird;
  • für die Tatsache, dass ein Vermögen aus öffentlichen Mitteln für einen sportlichen Wettbewerb ausgegeben wurde;
  • dafür dass für die WM mehr ausgegeben als veranschlagt wurde;
  • dafür dass dass die WM mit öffentlichen Mittel organisiert wurde ohne das Volk zu beteiligen:
  • die Missachtung des sozialen Gewissens des brasilianischen Volkes, das bis jetzt nicht verstanden hat, warum der politische Wille der bisher für Investitionen in Gesundheit, Sicherheit und Bildung fehlte, bei der WM plötzlich vorhanden war;
  • dafür dass zugelassen wurde, dass beim Bau der Stadien überzogene Rechnungen bezahlt wurden.

Für das ersten Spiel Brasiliens verlangt die Bürgerbewegung, dass eine Schweigeminute eingelegt wird in Erinnerung an diejenigen, die beim Bau der Stadien gestorben sind. Zudem soll die FIFA verständlich erklären, wie viel sie von dem astronomischen Gewinn, den sie bei dieser WM machen wird, in sozialer Verantwortung entsprechend den “Standards der FIFA” in Brasilien lassen wird. Das mit den Standards der FIFA ("Padrão Fifa") ist ein Reizthema bei den Brasilianern. Sie fühlen sich von der FIFA mit diesen “Standards” terrorisiert und fühlen sich dabei wie kleine Kinder behandelt, die nicht im Stande sind ein sportliches Großereignis zu organisieren.

Informationsquelle
Jornal do Brasil - Rio - Rio de Paz faz manifestação contra gastos da Copa

Montag, 9. Juni 2014

Wie Herr Cameron sich eine Europäische Union nach seinen Wünschen schustert

Michel Rocard schrieb vor kurzem an die Tory-Regierung in London gerichtet: "Tretet doch endlich aus der EU aus, bevor ihr sie endgültig kaputt macht". Seine Aufforderung kann man gut verstehen, denn  gerade der britische Premierminister lässt unmissverständlich erkennen, dass ihm die europäische Einigung ziemlich egal ist. Für ihn ist das ein lockeres Bündnis von Handelsnationen, in denen Führer verschiedener Nationen entscheiden, was für das Volk gut sein soll. Zwar wird immer aus dieser Ecke darauf hingewiesen, dass die EU ein undemokratisches Gebilde sei, aber es wird auch gleichzeitig mit aller Macht verhindert, dass die Union mehr demokratische Legitimation bekommt.

Zur Zeit ist es der Kommissionspräsident, der dem britischen Premier ein Machtpoker wert ist. Er will dem vom EU-Parlament als Wahlsieger der europäischen Volksparteien (EVP) anerkannten Jean-Claude Juncker die notwendige Legitimation zur Übernahme des Amtes des Präsidenten der EU-Kommission versagen und zusammen mit einigen anderen EU-Politikern einen Politiker nach seinem Gusto auskungeln. Dass ausgerechnet derjenige, der größtmögliche Distanz zur EU zeigt und ständig mit einem GB-Austrittsszenario droht am weitesten das Maul aufreißt, zeigt doch wie sehr die britische Regierung den Realitätssinn verloren hat. Wie Michel Rocard es formuliert hat, wäre es doch realistischer, wenn Cameron und seine Tories wenigstens aussteigen würden bevor sie die Europäische Union endgültig vor die Wand fahren.

Cameron ist heute nach Schweden fahren und hofft mit der ebenfalls dort anwesenden Angela Merkel und den Schweden einen Kommissionspräsident nach seinem Geschmack aus dem Hut zaubern zu können. Laut seinem Außenminister William Hague gibt es genügend talentierte Kandidaten und es ginge auch darum, dass verhindert würde, dass es mit "business as usual" in Brüssel weiter gehe. Das ist eine sehr gekonnte Argumentation, denn mit "weitermachen wie bisher" ist ja schließlich die britische Regierung beschäftigt. Sie will ihre heilige Kuh, das Finanzzentrum London, die "City" schützen. Hier soll sich so gut wie nichts ändern und die Schuldigen für die Wirtschaftskrise der vergangenen Jahre sollen geschont und die ganzen Betrügereien der Londoner Finanzwelt kaschiert oder vertuscht werden, damit die Geschäfte weiterlaufen wie bisher. Der ganze britische Schmarotzer-Status - Großbritannien ist verantwortlich für die ausgekochtesten "Steuerparadiese" dieser Welt soll unter Vernebelung der wahren Tatsachen erhalten bleiben. Dafür meinen britische Politiker die EU noch zu brauchen. Von Camerons Handlanger, dem schwedischen Ministerpräsidenten Reinfeldt schreibt der britische "Open Europe Blog", dass dieser Cameron schon mehrfach hilfreich zur Hand gegangen sei als es darum ging Maßnahmen zur Regelung des Finanzsektors zu verhindern.

Unter diesem Aspekt ist die Unverfrorenheit, mit der Cameron zu Werke geht, doch erstaunlich. Die ganz offensichtlich Kungelei, bei der die deutsche Kanzlerin hilfreich zur Hand gehen soll und der Rest der EU-Bagage zuschauen darf, ist an Impertinenz nicht zu überbieten. Aber letztlich ist der Premierminister Cameron nur ein innenpolitisch Getriebener, der meint immer noch das Heft in der Hand zu haben. Die Zeitschrift "New Statesman" beschreibt sein Dilemma:
"Wenn der Premierminister wirklich ernsthaft Britannien in der EU halten will, dann sollte er damit aufhören, der Idee zu frönen, dass Europa eine von anderen Ländern angezettelte Verschwörung gegen Britannien ist. Er sollte die Brüsseler Institutionen und ihre grundlegenden Prinzipien verteidigen und ohne quengelnde Warnungen die Freizügigkeit der Menschen unterstützen. Er würde dagegen kämpfen, wenn seine Abgeordneten versuchen ihn Richtung Austritt zu treiben. Er würde erklären, dass es keine sinnvolle Position der Konservativen wäre um jeden Preis "draußen" zu sein. Er würde, in anderen Worten, den Marschplan seiner Partei ändern. Aber er tut nichts von alledem und es ist fast unmöglich sich vorzustellen, dass er noch etwas vor den Wahlen (im nächsten Jahr) tut. Dann könnte es aber zu spät sein".

Informationsquelle:

A French message to Britain: get out of Europe before you wreck it | Michel Rocard | Comment is free | theguardian.com

New Statesman | Cameron is running out of time to show that he is serious about keeping Britain in the EU

Dienstag, 3. Juni 2014

Spanische Umweltschützer für Abschaffung der Monarchie

Die spanische Umweltorganisation “Ecologistas en Acción” (EA) hat sich nach dem Rücktritt von König Juan Carlos der Bewegung für eine Referendum zur Abschaffung der Monarchie in Spanien angeschlossen. Die Begründung für diese Forderung sieht so aus:

“Ecologistas en Acción betrachtet die Monarchie als eine Institution der Vergangenheit. Es gibt viele Gründe für eine Volksabstimmung über ihre Weiterführung. Ihr Charakter ist wenig demokratisch und entspricht nicht dem Gleichheitsgedanken, da der Monarch durch die Bürgerschaft nicht gewählt wird und Männer bei der Thronfolge Vorrang haben. Hinzu kommen die Korruptionsfälle, in die sie verwickelt ist, ihre Verbindungen zur Waffenindustrie und die ungerechtfertigte Verschwendung von öffentlichen Mitteln in Zeiten der Wirtschaftskrise.
Die Jagdgeschichten über die Jagd auf Bären und Elefanten, in die Juan Carlos von Borbón verwickelt war, zeigen, wie wenig Respekt der Staatschef gegenüber der Bürgerschaft, die er repräsentiert, hat und auch wie wenig Respekt er gegenüber Umwelt und Natur zeigt.
2012, kurz nachdem der Jagdunfall des Königs in Botswana bekannt wurde, hat Ecologistas en Acción sich entschieden, ihm den Preis “Stuhl des Attila” zu verleihen. Damals wurde ironisch die Auszeichnung wegen der durch seine Jagdlust gezeigte Missachtung gegenüber dem unter der Wirtschaftskrise leidenden spanischen Volk, gegenüber den Elefanten und gegenüber jedem Tier, auf das er geschossen hat, gerechtfertigt. Und zudem für seine Ablehnung, eine archaische und nutzlose Institution, nämlich das königliche Haus, abzuschaffen.
Aus diesem Grund unterstützt EA die Versammlungen, zu denen heute Nachmittag (am Tag des Rücktritts) in verschiedenen Städten aufgerufen wurde, um einen bindende Volksabstimmung darüber zu verlangen, dass ein verfassungsändernder Prozess zur Änderung einer Staatsform in Richtung einer 3. Republik eingeleitet wird.”

Informationsquelle
Reclaman un referéndum para iniciar un proceso constituyente