Samstag, 28. Januar 2012

Banker, die nichts gelernt haben

Zumindest nichts aus dem Finanzdesaster der vergangenen Jahre. Gewöhnt an hohes Einkommen und Boni für Aktivitäten, von denen man nicht weiß, ob sie die Welt noch ein bisschen mehr an den Abgrund bringen, stellen sie weiterhin dreist ihre Forderungen. Sie verlangen vielleicht nicht mehr so viel, aber gemessen an den Durchschnittsgehältern ist die Vergütung im Hinblick auf den bisher angerichteten Schaden immer noch astronomisch hoch.

Stephen Hester ist Vorstandsvorsitzender der Royal Bank of Scotland (RBS). Nachdem der allseits jahrelang bewunderte Fred Goodwin diese Bank in eine desaströse Pleite getrieben hatten, von der sie nur mit Hilfe von Milliarden Steuerzahlergelder gerettet werden konnte, hat er als ein weiterer forscher und vermutlich uneinsichtiger Finanzmanager die Sanierung der Bank im Auftrag des größten Anteilseigners, des britischen Staates, übernommen. Hester verdient im Jahr bei der RBS 1,2 Millionen £ (ca 1,4 Millionen €). Zudem bekam er 10,4 Millionen Aktien der RBS, die zwar zur Zeit nur etwa 0,75 € das Stück wert sind, aber eine Summe bilden, die auch nicht zu verachten ist.

Hester ist reich genug, um auch sonst nicht zu verarmen. Seinen ersten Job nach einem Studium in Oxford hatte er als Assistent des Aufsichtratsvorsitzenden der Credit Suisse First Boston. Mit 35 Jahre wurde er der jüngste Direktor der Bank. Danach war er Leiter der Finanzabteilung sowie Chef der Abteilung für Rentenfonds. Er wurde entlassen als John Mack die Leitung der Bank übernahm. Die Boni, die er in dieser Zeit erhielt, waren aber großzügig genug, um ihm ein schönes Leben zu genehmigen. Er besitzt ein Chalet in den Schweizer Bergen, ein Haus in London und ein Landgut in Oxfordshire von 141 Hektar komplett ausgestattet mit Parks. Er reitet gerne – seine Frau ist Expertin in der Fuchsjagd –, liebt Tennis und das Schießen.

Trotzdem die RBS den Steuerzahler Milliarden Steuergelder gekostet hat, soll Hester jetzt wieder einen Bonus bekommen. Es soll nur die bescheidene Summe von 963.000 £ sein, trotzdem eine hohe Belohnung für ein Pleiteunternehmen. Die Wellen in Großbritannien schlagen an seinem Beispiel hoch über Banker, die immer noch das Geld nachgeworfen bekommen, obwohl sie für das Desaster der letzten Zeit verantwortlich sind. Vorsichtige Stimmen weisen allerdings daraufhin, dass das “Banker-Bashing” in einem einzelnen Fall nur davon ablenke, dass in der Finanzwelt die Zahlung von durch nichts zu rechtfertigenden Boni und Gehältern System hat. Der New Statesman schreibt dazu: “Objektiv gesehen sollt Hester keinen solchen hohen Bonus bekommen. Aber es ist das System, das die Erwartung für solche Entschädigungen stärkt und deshalb sollte man nicht auf die Zahlungen an einen Mann, in einem Jahr, sehen. Damit löst man das zugrundeliegende Problem nicht. Wir sollten uns darüber Sorgen machen, dass niemand gewillt zu sein scheint, den Versuch zu unternehmen, den Finanzsektor so zu restrukturieren, dass für Fairness gesorgt und einem erneuten Finanzdesaster vorgebeugt wird.”

Siehe auch:
Fred the Shred - Versager in der Finanzkrise

Informationsquelle:
New boss earns credit as he sets out on his mission to save RBS – The Guardian
Why Stephen Hester's £963,000 bonus is a distraction – New Statesman

Freitag, 27. Januar 2012

Allianz für ein sozialliberales Rumänien

Die Parteienlandschaft in Rumänien ist immer noch sehr ungefestigt. Meistens ist nicht ganz erkennbar, wo die Parteien eigentlich programmatisch stehen. So mag es einen Außenstehenden doch verwundern, dass sich zu Beginn des vergangenen Jahres zwei Parteien zu einer Allianz zusammen gefunden haben, die theoretisch eigentlich eher Kontrahenten sind. Es handelt sich um die “PARTIDUL SOCIAL DEMOCRAT (PSD)” und die “ALIANȚA DE CENTRU DREAPTA PARTIDUL NAȚIONAL LIBERAL – PARTIDUL CONSERVATOR (PNL-PC)”. Die deutschen Bezeichnung lauten “Sozialdemokratische Partei” und “Allianz des rechten Zentrums Nationalliberale Partei – Konservative Partei”. Vom Namen her eigentlich die typischen Opponenten in westlichen Demokratien. Ihre Allianz nennen sie nun “Uniunea Social Liberală (USL)”, auf Deutsch “Sozialliberale Koalition”. Wer weiß, ob die deutsche Geschichte hier Pate stand!

Am 5. Februar 2011 unterzeichneten die beiden Parteien ein gemeinsames Protokoll über ihre Zusammenarbeit. Sie bilden derzeit die größte Oppositionsgruppe im rumänischen Parlament. Die PSD, man könnte sie auch Postkommunisten nennen, hat bereits mehrfach die rumänische Regierung gestellt. Die herausragenden Vertreter der USL sind auf der einen Seite der ehemalige Ministerpräsident Adrian Nastase und Victor Ponta, Parteivorsitzender der PSD und auf der anderen Seite Crin Antonescu, der Vorsitzende der PNL. Gemäß dem vorerwähnten Protokoll ist das Ganze ein Bündnis auf Zeit bis 31. Dezember 2020. Die Allianz hat zwei Präsidenten, jeweils einen von der PSD und einen der PDL. Die gemeinsamen Entscheidungen werden auf dem Weg der Konsultation und im Einvernehmen getroffen. Die USL wird gemeinsame Kandidaten für die Wahlen vorschlagen und keine der beiden Parteien wird eine Koalition mit der Regierungspartei PDL eingehen, auch nicht wenn das bedeutet, dass die USL wegen fehlender Mehrheit nicht die Regierung stellen kann.

Inzwischen gibt es – nach den vielfältigen Protesten und Demonstrationen in den Städten Rumäniens – im Land auch so etwas wie eine außerparlamentarische Opposition, von der die USL gerne profitieren möchte. Vor ein paar Tagen hat sie deshalb den am Protest teilnehmenden Nichtregierungsorganisationen (NGO) ein Pakt vorgeschlagen, den sie einen Pakt der Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft nennt. Die USL will unter anderem die Tätigkeiten der NGO’s aus öffentlichen Mitteln fördern. So ganz auf Begeisterung bei den Organisationen der Zivilgesellschaft stößt die USL dabei nicht. Einige sehen die Annäherung als Versuch an, sie und ihr Wohlverhalten gegenüber der USL zu kaufen. Dabei gibt die USL doch nur an, sicherstellen zu wollen, dass die Bemühungen, die Demokratie auf eine breitere Basis zu stellen, nicht an Geldmangel scheitert. Im Angebot fehlt aber das, was den Rumänen am meisten Sorgen macht: Ein rigoroser Kampf gegen die Korruption, die Unterstützung der Antikorruptionsbehörden, der Schutz der Richter. Sie fordern deshalb für ein gemeinsames Projekt die Fortsetzung des Kampfes gegen die Korruption, den Schutz von Richtern, die Polizisten verhaften ließen und verurteilt haben, die Unterstützung der Antikorruptionsbehörden ANI und DNA, die Eliminierung der politischen Vorteilsannahme, Entpolitisierung des Verwaltungsapparates und Transparenz bei den Einstellung von öffentlich Bediensteten nach festgelegten Kriterien, die in Zusammenarbeit zwischen Organisationen der Zivilgesellschaft und Organisationen der Wirtschaft erarbeitet werden sowie eine ständige Überwachung über die Vergabe von Finanzmitteln an den privaten Sektor.

Das ist wohl starker Tobak zumindest für die PSD, die schon in viele Korruptionsskandale verwickelt war. Ob es der Zivilgesellschaft gelingt, diese Parteien auf den rechten Weg zu bringen?


Informationsquelle:
Uniunea Social-Liberală, un nou pol de putere pe scena politică
EXCLUSIV RL. Cum încearcă USL să cumpere susţinerea societăţii civile. DOCUMENT SENZAŢIONAL

Donnerstag, 26. Januar 2012

Plastikbeutelkrieg in São Paulo

Auch Brasilien stöhnt unter überbordenden Plastikmüll. Dabei hat man die Einkaufsbeutel aus Plastik, die man in brasilianischen Supermärkten zu Hauf und gratis bekommt, als Mitschuldige für den Müll ausgemacht. São Paulo will deswegen der Plastiktasche an den Kragen. Seit gestern gilt ein Verbot für die Ausgabe von Plastikbeuteln in den Supermärkten. Die Maßnahme wurde auf Grund einer Vereinbarung zwischen dem Bürgermeister von São Paulo, Gilberto Kassab, dem Gouverneur des Bundesstaates, Geraldo Alckmin und der Vereinigung der Supermarktbetreiber von São Paulo (Apas) beschlossen. Danach soll es keine umweltschädlichen Plastikbeutel mehr geben, sondern nur noch “ökologische”, für die man bezahlen muss.

Was anderswo durchaus möglich ist, scheint in São Paulo zu einem kleinen Volksaufstand zu führen. Die Gewerkschaften der chemischen Industrie haben zu Protestdemonstrationen gegen das Verbot aufgerufen. Sie sind der Ansicht, dass das Verbot nur die Gewinne der Supermärkte steigere und für die Umwelt nichts bringe. Zur ersten Protestaktion, die vor einer Supermarktkette stattfand, kamen etwa 1.500 Personen. Sie sollen in Zukunft im wöchentlichen Rhythmus erfolgen. Auch die Konsumenten sind wenig erfreut über die Maßnahme und teilweise empört, weil die Supermärkte nicht bereit sind, die Kosten des Ökobeutels im Rahmen des bezahlten Einkaufs zu übernehmen.

Auf die Seite der Skeptiker stellt sich auch das “Nationale Institut zu Verteidigung der Konsumenten” (Instituto Nacional de Defesa do Consumidor). Sie bezweifelt positive Effekte für den Konsumenten und ist der Ansicht, dass wenn der Käufer sich weigert einen Ökobeutel zu erwerben, es Sache des Handelsunternehmens ist, die Ware transportfähig zu machen.

Umweltargumente scheinen nur schwer in die Köpfe der Plastikverschwender zu gelangen. Die Ökobeutel sollen der brasilianischen Kompostindustrie neue Möglichkeiten eröffnen. Eine Zeitung aus São Paulo erklärt es seinen Lesern so: “Die Kompostierung ist ein industrieller Prozess zur Zersetzung von organischem Material wie Reste von Lebensmitteln. Die Kompostierung wird verursacht durch Mikroorganismen, die dadurch Humus und Dünger für die Landwirtschaft produzieren. Der neue Ökobeutel ist geeignet, solches Material aufzunehmen und für die Kompostierung zu nutzen.

Informationsquelle:
Químicos de São Paulo iniciam série de protestos contra proibição de sacolinhas plásticas – BrasilAtual
Nova sacolinha estimula reciclagem de lixo orgânico – Folha

Donnerstag, 19. Januar 2012

Bürgermeisterin von Valencia im Sumpf der Luxusgeschenke

Deutschland hat seine Affäre “Wulff”, in der kleine Aufmerksamkeiten, die aber in gehäufter Form erfolgt sind, den Bundespräsidenten ins Schwitzen bringen. Valencia’s Bürgermeisterin Rita de Barberá hat ebenfalls die Medien am Hals. Seit neuestem wollen diese wissen, wie viele Luxus-Handtaschen sie in ihrer Amtszeit geschenkt bekommen hat.

Die 64-Jährige ist seit 1991 Bürgermeisterin der drittgrößten Stadt Spaniens. Sie ist Mitglied und hochrangige Funktionärin der Partido Popular, der derzeitigen Regierungspartei in Spanien. Stadt und die autonome Region Valencia, deren Hauptstadt Valencia ist, sind so gut wie pleite und müssen inzwischen von der Zentralregierung am Leben erhalten werden. Region und Stadt sind schon seit längerem in der Hand der Partido Popular. Zahlreiche Korruptionsskandale haben zwar zu Rücktritten geführt, aber zu keinem Machtwechsel. Gehen musste der Präsident der autonomen Region, Francisco Camps. Er hatte sich zu viel von zwielichtigen Personen schenken lassen, darunter waren vor allem italienische Maßanzüge.

Dass solche Geschenke in Valencia gang und gäbe sind, hat nun die Bürgermeisterin selbst bestätigt. Denn im Prozess gegen Camps hat ein Zeuge zugegeben, dass es für ihn üblich war, Luxustaschen von Louis Vuitton an hochrangige Persönlichkeiten verschenkt zu haben. Da Männer vermutlich weniger an solchen Taschen interessiert sind, konzentriert sich der Kreis der Beschenkten eher auf die weibliche Seite. Deshalb insistieren die spanischen Medien, bei der Mächtigsten, bei Rita Barberá. Am vergangenen Freitag ging sie deshalb in der Form in die Offensive, indem sie erklärte, man solle nicht so scheinheilig tun, solche Art von Geschenken gehörten doch zum üblichen Brauch. Das könnte man als indirektes Eingeständnis nehmen, dass sie somit auch zum Empfängerkreis gehört. Ans Tageslicht kam jetzt auch, dass sie sich für ein “Geschenk” bei einem Herrn bedankte, der in einen Finanzskandal um die Kläranlage von Valencia verstrickt ist. Noch hat man nicht herausgefunden, um welches Geschenk es sich handelt, es soll sich aber auch um Luxusgüter handeln. Für sich entschuldigend erklärte sie, dass jeder Angestellter der Stadt üblicherweise Geschenke annehme. Ein empörter Bediensteter stellte danach Strafanzeige gegen seine Chefin wegen Verleumdung.

Bisher hat das Volk von Valencia der Dame alles verziehen und auch die andern Politiker, die nichts dabei gefunden haben, Geschenke anzunehmen, sind bisher gut weggekommen. Ob das so weitergehen wird, ist fraglich. Da jetzt auf Teufel komm raus gespart werden muss, werden die Bürger und Bürgerinnen den Politikern nicht mehr so alles durchgehen lassen. Denn sie müssen mit erheblichen Einschnitten leben. Das Gesundheitssystem arbeitet ohnehin schon auf Sparflamme, die Steuer werden erhöht, Personal wird entlassen, im Bildungsbereich wird gespart. Sogar auf die Politik “der großen Veranstaltungen” will man verzichten. Dazu gehört der “Große Preis von Valencia” in der Formel I. Der Vizepräsident der Regierung hat bereits einen Bettelbrief an Bernie Ecclestone geschrieben und um Entlassung aus den Verträgen gefleht.

Siehe auch:
Der spanische Wasserkrieg treibt seltsame Blüten
Gürtel reisst die Maske ab

Informationsquelle:
Barberá, ofendida por las preguntas sobre sus regalos – Publico.es
El Consell sube impuestos y recorta 440 millones en gasto sanitario – El Pais

Mittwoch, 18. Januar 2012

Barcelona vergällt Alkoholliebhabern die frische Luft

Die Stadtverwaltung Barcelona plant eine Änderung ihrer Verordnung über “ziviles Verhalten”. Nach dieser Vorschrift war es bisher untersagt, in der Öffentlichkeit Alkohol in Flaschen und Blechdosen zu sich zu nehmen. Diese Beschränkung auf die Art des Behältnisses schaffte aber vielfache Ausweichmöglichkeiten, denen jetzt auch an den Kragen gegangen werden soll. Alkoholische Getränke dürfen demnächst ungeachtet des Behältnisses, in welchem sie genossen werden, in der Öffentlichkeit Barcelona’s nicht mehr zu sich genommen werden.

Der Sprecher des zuständigen Bürgermeisters für Sicherheit, Joaquim Forn, rechtfertigte die geplante Maßnahme damit, dass kein Behältnis diskriminiert werden dürfe. Die bisherige Beschränkung auf Blechdosen und Glas habe keinerlei Sinn gemacht. Es müssten auch Plastikflaschen und Verbundverpackungen mit einbezogen werden. Im Jahr 2011 habe es 27.000 Anzeigen wegen Alkoholgenusses in der Öffentlichkeit gegeben, was zeige, dass eine solche Verordnung funktioniere. Sinn der Verschärfung solle sein, dass die Bürger Barcelonas bald in Ruhe schlafen könnten.

Die Opposition im Stadtrat hat sich gegen eine Verschärfung ausgesprochen, weil sie dies für unnötig hält und sicher ist, dass sich daraus absurde Situationen ergeben werden.

Auf jeden Fall kann die Stadt Barcelona, die ja auch finanziell klamm ist, auf diesem Weg ihre Stadtkasse aufbessern. Man stelle sich vor, die vielen Touristen auf der “Rambla”, die von der Verordnung keine Ahnung haben, aber ihr Bier gerne beim Flanieren genießen möchten. Oder die vielen Bierdosen schwenkenden ausländischen Fußballfans bei Champions-League-Spiele des FC Barcelona? Das kann teuer werden!

Informationsquelle:
Barcelona prohibirá el consumo de bebidas alcohólicas en el espacio público en cualquier tipo de envase –El Periódico

Dienstag, 17. Januar 2012

Demonstranten, Vandalen und die rumänische Regierung

Friedliche Demonstrationen in Bukarest sind in den vergangenen Tagen aus dem Ruder gelaufen. Gewalttätige Hooligans vor allem aus dem Fußballbereich haben die Demonstrationen benutzt, um ihre Zerstörungswurt auszutoben. Die Polizei hat die Gelegenheit genutzt, alles zu verprügeln, was auf der Straße war. Die Protestierer hatten vor allem gegen die geplanten Privatisierungen im Gesundheitsbereich demonstriert.

Rumänische Kommentatoren sind entsetzt über die Tatsache, dass auf diese Weise keine “Demonstrationskultur” im Land entstehen kann, wenn diese sofort von irgendwelchen Chaoten missbraucht wird. Die Regierenden können bei dieser Gewalttätigkeit leicht die Protestaktionen verdammen und die Protestbewegungen diskreditieren. Die Kommentatoren befürchten, dass es den westlichen Regierungen leicht fallen wird angesichts der Zerstörungen, sich mit der Regierung in Bukarest zu solidarisieren. “Wenn die Vandalen nicht existiert hätten, hätte man sie erfinden müssen. Zum Glück existieren sie bereits”, schreibt Ovidiu Nahoiu von der Zeitung Adevarul.

Cristian Patrasconiu beschreibt seine Stimmung auf “hydepark.ro” so: “Was ist das, was wir jetzt in der Mitte des Monats Januar 2012 haben? In einem klaren Wort: Es ist der “Protestierer”, die Persönlichkeit des Jahres 2011 nach Meinung der internationalen Presse. In Rumänien wird er zu Beginn des Jahres 2012 zur Persönlichkeit. Ohne Heuchelei und ohne zu übertreiben: Die Demonstrationen zu Beginn des Jahres, die bei uns stattgefunden haben, haben einen guten Grund dazu gehabt. Die Reform des Gesundheitswesens hat unnötige Gräben aufgerissen.” Nach Ansicht von Patrasconiu haben aber einschlägige politische Kreise und Medien die Gelegenheit genutzt, um die Stimmung anzuheizen. Er schreibt weiter: “Demos zur Prime-Time, garantierter Multiplikationseffekt durch das Fernsehen, insbesondere durch Antena 3, eine wahrhafte Kommandozentrale der Protestieren, Mobilisierungen in den sozialen Netzwerken, Aufrufe durch die Opposition, direkte Attacken gegen Präsident Basescu, der Teufel der Saison und politische Splittergruppen, die sich dadurch mehr Aufmerksamkeit erhoffen.

Gabriel Bejan von der Romania Libera beschreibt die Situation folgendermaßen: “Hunderte von zivilisierten Erwachsenen und Hunderte gut erzogener Jugendlicher haben am Samstag und Sonntag auf dem Universitätsplatz laut protestiert und Plakate geklebt. Sie haben sich dabei heftig, obszön oder beleidigend gegen Traian Basescu und die Regierungsmitglieder geäußert. Die verbale Aggression und der manifestierte tiefe Zorn ging nicht nur von den Hooligans aus, die nur gekommen sind, um Unordnung zu stiften und sich mit den Polizisten zu prügeln, sondern auch von gut beleumundeten Bürgern, die ihr ihnen verfassungsmäßig zustehendes Recht zu Demonstrationen wahrgenommen haben. Diese Protest zeigen uns, wo die soziale und politische Debatte in Rumänien angekommen ist. Ist Traian Basescu für die Aggressivität auf der Straße verantwortlich?” Bejan bejaht die Frage: “In den letzten Jahren hat der Präsident eine aggressive Haltung gegen seine politischen Feinde und paradoxerweise dadurch auch gegenüber einem großen Teil der Bevölkerung eingenommen. Zum Beispiel hat er jedes Mal, wenn es um Pensions- oder Gehaltkürzungen von Staatsbediensteten ging, diesen unterstellt, dass “sie alles, was passiert, verdient haben, weil sie verantwortlich für die Haushaltskrise des Landes sind”. Er hat dabei keinerlei Zeichen des Bedauerns gezeigt oder dafür geworben, dass sie auf Grund der Wirtschaftskrise dieses Opfer auf sich nehmen müssen. Nein, kein Wort des Bedauerns”. Bejan sieht die Zukunft düster: “Was sich am vergangen Wochenende abgespielt hat ist nur der Anfang. Wir befinden uns in einem wichtigen Wahljahr und so werden wir jetzt häufig solche Konfrontationen haben. Wohin werden wir noch kommen, wenn wir jetzt schon in einer Situation sind, wo  keiner einen Schritt zurück machen will?”

Informationsquelle:
Vandalii. Mod de întrebuinţare – Adevarul
Violenţa străzii şi violenţa lui Băsescu – Romania Libera
Absmurdistan si suspendarea lui Traian Basescu – Hydepark

Samstag, 14. Januar 2012

Der FIFA sind die Brasilianer zu gemütlich bei der WM-Vorbereitung

Noch 2 1/2 Jahre bis zur Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien. Aus diesem Anlass wird der Generalsekretär der FIFA, Jérôme Valcke, dieser Tage zu einem offiziellen nach Brasilien kommen und sich über den Stand der Vorbereitungen informieren. Schon jetzt hat er erkennen lassen, dass Brasilien beim geplanten Gesetz zur Weltmeisterschaft (Lei Geral da Copa) einen schnelleren Gang einlegen sollte. Das Gesetz befindet sich immer noch im Entwurf-Stadium, das Parlament trödelt noch rum.

Das Gesetz werde zur “Basis für den brasilianischen Erfolg” bei der WM werden, erklärt Valcke. Der Gesetzentwurf enthält einige Bestimmungen, um die noch gestritten wird. Es geht vor allem um die Eintrittspreise, einmal für die Brasilianer und auf der anderen Seite für Ausländer und um reduzierte Preise für Rentner und Studenten. Zudem geht es auch um die Möglichkeit des Verkaufs von alkoholischen Getränken in den Stadien. Dazu gab es öffentliche Anhörungen in den jeweiligen brasilianischen Bundesstaaten und dem Parlament, dem Kongress. Weil es zu viel Differenzen gab, wurde die Beschlussfassung verschoben, sie soll jetzt in der ersten Hälfte dieses Jahres stattfinden.

Das geht Valcke zu langsam. Er warnt die Brasilianer, dass ihnen die Zeit davon läuft und sie sobald wie möglich das Gesetz verabschieden sollten. Er fügt hinzu: “Ausdiesem Grund werde ich mit verschiedenen interessierten Gruppierung zusammentreffen, um die Fragen von Angesicht zu Angesicht zu lösen und um sicherzustellen, dass wir dieses Kapitel bis März schließen können”. Abgesehen von den sonstigen Differenzen steht schon seit Dezember fest, dass ungefähr 300.000 Eintrittskarten (10% des Gesamtvolumens) zu populären Preisen – ungefähr R$ 50 (ca. 22 €) – für Indigene, Quilombolas (Schwarze, die von ehemaligen Sklaven abstammen) und Sozialhilfeempfänger reserviert sind. Zwei Drittel der Eintrittskarten werden in anderen Ländern verkauft werden. Halbe Preise für Studenten sollen nicht machbar sein, weil die FIFA es nicht schafft, diese Regelung für den Internetverkauf umzusetzen.

Ex-Stürmer Ronaldo, Mitglied des brasilianischen Organisationskomitees, der Valcke begleiten darf, ist schon einmal beglückt, dass die FIFA dem Verkauf von Alkohol in den Stadien zugestimmt hat. Der wichtigste Termin der Valcke-Reise wird am 19. Januar in Rio stattfinden, wo das offizielle Maskottchen der WM und der Terminplan für den Konföderationen-Pokal 2013 vorgestellt werden wird.

Siehe auch:
Brasilien im Würgegriff der Fußball-Weltmeisterschaft 2014
Cariocas protestieren: Hände weg vom Maracanã!
Fußball-WM 2014 bringt nicht nur eitel Sonnenschein

Informationsquelle:
Fifa quer rapidez na aprovação da Lei Geral da Copa – BrasilAtual

Freitag, 13. Januar 2012

Sevilla ist eine Stadt, wo man leicht betrogen und ausgetrickst wird

Das ist nicht meine Meinung, sondern die eines alten Hochschullehrers, der seit 47 Jahren in Sevilla lebt und sich an der Universität Sevilla einen Ruf als Spezialist für moderne Geschichte gemacht hat. Es handelt sich um Professor Álvarez Santaló. Er ist jetzt 73 Jahre alt und wurde in Jerez geboren. Er ist somit ein waschechter Andalusier. Eines seiner bekanntesten Werke ist eine Arbeit über “Soziale Marginalisierung und Mentalität in West-Andalusien (Marginación social y mentalidad en Andalucía Occidental).

In einem Interview mit dem Diario de Sevilla wurde er unter anderem gefragt, was seine Sicht von Sevilla sei. Seine Antwort lautete: “Es gibt zu viele Flaschenparties auf offener Strasse (botellones) und eine Decke von schlechter Erziehung, dieselbe, die es auch im Rest des Landes gibt. Überall gibt es Leute, die herumschreien. Was hier aber einzigartig ist, ist die Menge an Tricks, wir sind sehr geneigt über Tricks weiter zu kommen. Sevilla ist eine Stadt, die von Betrügereien lebt. Sevilla steht für keinerlei Avantgarde. Und wenn wir es auch einmal mit einer Geste von Avantgarde probieren, so haben wir zum Schluss genug Erfahrung, um zu wissen, dass die Sache passieren, weil sie halt passieren. Ich bin vom Sevillaner Stil nicht begeistert.”

Gefragt, ob das schon immer so war: “Hier gab es Leute, die diejenigen als “Glaubensmenschen” bezeichnet haben, die Anstoß zu freien Institutionen der Erziehung gegeben haben. Das ist technisch unmöglich, weil sie Intellektuelle des Verstandes und nicht des Glaubens waren. Denken wir einmal an einen Schlüsselmoment unserer Geschichte: Der Versuch im 16. Jahrhundert das freie Denken vom Kloster San Isidoro del Campo und von der Kathedrale von Sevilla aus zu fördern. Sie wurden von der Inquisition massakriert. Viele, die umgebracht wurden, waren Kanoniker, Prediger, Mönche. Im Gegensatz dazu setzte Holland darauf, die Türen für die Denker zu öffnen und ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre Bücher in Freiheit zu verteilen. Sie wollten sie lieber haben als nicht haben. Zwei auseinandergehende Wege, die in den folgenden Jahren uns und sie getrennt haben.”

Auf diese heftige Kritik wurde er gefragt, welcher Trugschluss ihn am meisten ärgere und seine Antwort ist: “Der Spruch “wie haben jetzt eine besser ausgebildete Jugend” ist eine Beleidigung für diejenigen, die ihn lesen oder in der Kommunikationsmedien hören.” Da bleibt nur noch Resignation, die er mit seinem Schlusssatz auf die Frage “Was können sie jetzt noch für diese Stadt tun” zu erkennen gibt: “Ich kann Sevilla nicht ändern. Ich weiss auch nicht, ob ich dies gerne tun würde. Auch wenn ich glaube, dass im Laufe der Zeit Veränderungen kommen werden. Ich bin in Rente, in meinem Alter bleibt mir nur übrig zu lesen, nachzudenken, etwas zu schreiben, Fernsehkanäle zu zappen in Suche nach irgendeiner guten Sendung und das ist es dann auch.”

Siehe auch:
Das Botellódromo von Granada
Informationsquelle:
"Sevilla es ciudad tramposa y muy proclive a los trucos" – Diario de Sevilla

Mittwoch, 11. Januar 2012

Brasilien will eine neue Mobilität

Brasilien ist die aufstrebende Wirtschaftsmacht in der Welt und hat alle Chancen demnächst unter den ersten fünf Wirtschaftsmächten der Welt aufzutauchen. Abgesehen davon, dass die soziale Lage weiter Teile der Bevölkerung sich noch nicht in dieser Spitzenstellung widerspiegelt, bringt auch der steigende Wohlstand erhebliche Probleme, die die Brasilianer inzwischen zu spüren bekommen. Es geht um die Mobilität, den Verkehr, der bisher hauptsächlich durch den Individualverkehr geprägt ist. Das Auto ist auch des Brasilianers liebstes Kind. Die Folge sind tägliche Staus in den brasilianischen Metropolen. In São Paulo und Rio de Janeiro kommt der Verkehr immer mehr zum Stehen statt dass er die Fortbewegung gewährleistet.

Aus diesem Grund hat die brasilianische Regierung jetzt einen Mobilitätsplan beschlossen, der sich “Política Nacional de Mobilidade Urbana (PNMU)” (Nationaler Plan für urbane Mobilität) nennt. Das Ziel des Plans ist, die Ausweitung des öffentlichen – nicht motorisierten – Nahverkehrs zu fördern, um die Mobilität in den Großstädten zu gewähren. Nach Aussage eines brasilianischen Spezialisten für Verkehr ist der “Individualtransport weder für eine flüssige Beförderung noch zur Einhaltung des Umweltschutzes geeignet und die zunehmende Autoflotte hat zu einer starke Reduzierung der Mobilität in den Städten geführt”.

Der neue Plan sieht Mechanismen vor, um die Qualität der öffentlichen Transportmittel zu verbessern, aber auch um einen bezahlbaren Preis für die Nutzer zu garantieren. Dazu gehört auch, dass die Verkehrsmittel von bestimmten Bevölkerungsgruppen (z.B. Rentnern) gratis genutzt werden können. Die Verkehrsmittel sollen zudem besser vernetzt werden. Hinzu kommen, dass man jetzt auch Fahrgastrechte stärken will, wozu in Brasilien bisher nicht selbstverständliche Informationen zur Fahrtstrecken, den Fahrzeiten, den Fahrpreisen und Umsteigemöglichkeiten gehört.

Aber da das alleine nicht reicht, will man nun auch dem Individualverkehr, dem Auto, an die Gurgel. Abschreckungswirkung soll durch Verkehrsrestriktionen und Gebühren für die Nutzung städtischer Straßen erzeugt werden.

Die vorgesehenen Maßnahmen des PNMU, das in Kürze in Kraft treten wird, sollen Orientierungshilfen für die Stadtverwaltungen geben, die dann die Regeln für ihren städtischen Nahverkehr ausarbeiten. Die Bundesregierung kann aber die Freigabe von Zuschüssen mit der Bedingung verbinden, dass sie für den öffentlichen Nahverkehr im Rahmen des Nationalen Mobilitätsplanes verwendet werden.

Siehe auch:
Mais Amor, Menos Motor! - Brasilianer gegen Autowahn
Autolawine sorgt in Recife für Dauerchaos
Mit Eisenbahnlinien gegen die Armut

Informationsquelle:
Lei da mobilidade urbana avança ao incentivar transporte público e coletivo – BrasilAtual

Montag, 9. Januar 2012

Will England Schottland schnell los werden?

Großbritanniens Premierminister David Cameron reitet einen scharfen Galopp. Nachdem er sich in der Europäischen Union auf stramme Art und Weise ins Abseits gestellt hat, will er jetzt die Unabhängigkeits-Nörgler in Schottland los werden. Der schottische Ministerpräsident Alex Salmond bereitet nämlich ein Referendum zur Unabhängigkeit Schottlands vor. Allerdings lotst er seit längerem den günstigsten Augenblick dafür aus. Diese Möglichkeit will ihm jetzt der forsche Herr Cameron aus der Hand schlagen. Ultimativ hat er die schottische Regierung aufgefordert, ein Referendum in den nächsten 18 Monaten abzuhalten. Das Ergebnis würde die britische Regierung anerkennen. Sollte das Referendum aber erst nach den 18 Monaten abgehalten werden, werde die Regierung diese nur als Volksbefragung ansehen ohne bindende Wirkung für eine Umsetzung.

Die Schotten reagieren leicht allergisch auf die Londoner Allüren, ihnen das Tempo für ihre Unabhängigkeit vorschreiben zu wollen. Die stellvertretende Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon erklärte, dass Cameron versuche sich in die demokratischen Rechte des schottischen Volkes einzumischen, indem er ihm seine Bedingungen zum Umfang und Zeitpunkt des Referendums aufzwinge. Sie ist der Ansicht, dass alleine die schottische Regierung zu bestimmen habe, wann und wie das Referendum abgehalten werden. David Cameron versteht die Aufregung nicht: “Wie diktieren das nicht. Wir haben zuallererst die gesetzliche Ungewissheit zu klären und dann zusammen mit der schottischen Regierung dafür zu sorgen, dass es ein faires, klares und endgültiges Resultat gibt.”

Vor allem möchte London den Schotten die Möglichkeit aus der Hand schlagen, dass es zwei Fragen gibt, die die schottischen Wähler zu entscheiden haben: Einmal über die vollständige Unabhängigkeit und zum andern über eine abgestufte Loslösung vom Vereinigten Königreich in Form einer lediglich finanziellen Unabhängigkeit. Das Lieblingsdatum für das Referendum wäre für die schottischen Nationalisten das Jahr 2014 aus Anlass der 700-Jahrfeier der Schlacht von Bannockburn. Am 23. und 24. Juni 1314 fand eine der entscheidenden Schlachten in den Schottischen Unabhängigkeitskriegen statt. Im Sumpfland von Bannockburn in der Nähe von Stirling errang das schottische Heer unter der Führung von Robert the Bruce einen entscheidenden Sieg gegen ein erheblich größeres englisches Heer unter Eduard II. Eine gute Gelegenheit es den Engländern noch einmal zu zeigen.

Auf der Kommentar-Seite der Zeitung “The Scotsman” im Internet geht es hoch her und zu. Der Schuss aus London hat heftige Reaktionen ausgelöst. Stellvertretend sei dieser Kommentar erwähnt: Die “LibDems beschimpfen die Schotten, die Tories bevormunden uns und Labour lügt über unsere unabhängige NHS Verwaltung (Gesundheitswesen) und unsere Justiz. 3 Jahre mehr von diesem britischen Nationalismus zeigen, warum sie es nun plötzlich so eilig haben mit dem Referendum über uns. Was gibt es denn für Pläne für Schottland von Seiten der britischen Union für 2013 bis 2016? EDF-Atomkraftwerke für Londons Energie-Sicherheit? Trident-Raketen-Basen für Londons Sicherheit? Stillgelegte uraniumverseuchte Schiessplätze für Londons koloniale Ambitionen? Höhere Steuern und Herunterfahren lebensnotwendiger Leistungen für die Kranken und Ärmsten, die Behinderten und die Obdachlosen, um die Infrastruktur für den überhitzten Südosten zu finanzieren!

Informationsquelle:
Scottish independence referendum: Cameron denies ‘dictating’ to Scotland – The Scotsman
Alex Salmond in battle with David Cameron over Scottish referendum – The Guardian

Sonntag, 8. Januar 2012

Spanischer Industrieminister gibt sich als Atomminister

José Manuel Soria López, geboren 1958, gehört der Regierungspartei Partido Popular an. Seit 1999 war er Regionalpräsident der Kanarischen Inseln. Er hat einen Hochschul-Abschluss als Betriebswirt. Nach dem Regierungswechsel wurde er am 22. Dezember zum neuen Minister für Industrie, Energie und Tourismus ernannt. In dieser Funktion ist er auch für die spanische Atompolitik zuständig.

Vorsichtig lässt die neue Regierung nun bezüglich ihrer zukünftigen Politik zur Nutzung der Atomenergie die Hüllen fallen. Soria gibt in ersten Gesprächen entsprechend seinem Hintergrund als Betriebswirt bezüglich der Atomkraft das Motto aus, man muss die Zitrone auspressen, solange es sie noch gibt. Atommeiler sollen also laufen bis sie auseinanderfallen oder ein paar Landstriche unbewohnbar gemacht haben. Laut Soria will man zwar auf eventuelle Sicherheitsbedenken des handzahmen spanischen Nuklearsicherheitsrat (CSN) hören, aber man ist sich doch sehr sicher, dass der wie gewünscht jedes Risiko runterspielen wird. Die neue Regierung will die Strompreise senken. Dafür braucht man die alten Schrottmeiler. Es ist nicht zu übersehen, dass für die neue Regierung der Profit vor Sicherheit geht.

Unter diesen Umständen, soll der älteste Atommeiler Spaniens, das AKW Garoña, das eigentlich bereits 2009 abgeschaltet werden sollte, noch bis 2019 verlängert werden. Soria erklärt: “Die neue PP-Regierung will keine Energieform verteufeln, auch nicht die nukleare Energie, denn es gibt 8 Atomkraftwerke, die gemäß dem Nuklearsicherheitsrat weiterhin unter bestimmten Bedingungen Energie produzieren können. Unter diesem Aspekt können Laufzeiten verlängert werden, wenn der CSN damit einverstanden ist und die AKW-Betreiber dies wünschen.” So habe der CSN ja auch 2009 entschieden, dass Garoña noch sicher genug sei, um bis 2019 weiterlaufen zu können. Soria bedauert, dass die Vorgängerregierung beschlossen habe, das AKW 2013 zu schließen und sie damit “die Energieform verteufelt habe, die die billigste sei.”

Immerhin: Neue Atomkraftwerke will die spanische Regierung nicht mehr bauen. Das ist auch Soria zu teuer. Hier schlägt bei ihm der Kostenfaktor positiv durch.

Siehe auch:
Greenpeace blockiert spanisches Atomkraftwerk
Atomalarm in Almaraz, was tun?

Informationsquelle:
Soria, sobre Garoña: "Este Gobierno no va a cerrar una nuclear"

Donnerstag, 5. Januar 2012

Milliardär erpresst Rumänien mit Bulgarien

Ioan Niculae, geboren 1954, ist ein rumänischer Geschäftsmann. Ihm gehört die Firmengruppe “InterAgro”. Wikipedia (rumänisch) beschreibt seine Situation wie folgt: “Er besitzt Unternehmen mit einem Umsatz von 1,3 Milliarden Euro (Zahlen von 2007). Er besitzt ungefähr 50.000 Hektar landwirtschaftliche Fläche und ist einer größten Getreideanbauer Rumäniens. InterAgro verfügt über eine Silo-Lagerkapazität von 700.000 Getreide sowie 450.000 Tonnen in Lagerhallen. Des weiteren besitzt er 170 Hektar Weinberge. Die von Nicuale seit 2004 in der Landwirtschaft realisierten Investitionen in Rumänien werden auf 100 Millionen Euro geschätzt.” Niculae soll ehemaliger Securitate-Offizier sein. Auf der Forbes-Liste der reichsten Personen der Welt im Jahr 2010 belegt er den 880. Platz und ist damit der dritte Rumäne, der auf dieser Liste erscheint. Einem rumänischen Journalisten hatte er einmal erzählt, dass er sein Vermögen dadurch gemacht habe, dass er die vor der Revolution 1989 gemachten Erkenntnisse, die er im rumänischen Außenhandel erworben habe, für Spekulationen genutzt habe.

Niculae’s Geschäfte haben mehrfach Fragen aufgeworfen. Vor allem im Erdöl-Geschäft soll er mit unsauberen Praktiken aufgefallen sein. Auch im Zigarettengeschäft soll er mit der Firma “Galaxy Tobaco” Steuer hinterzogen haben. Und jetzt steht er im Verdacht, mit korrupten Angestellten der staatlichen Gas-Gesellschaft Romgaz seine Firma InterAgro begünstigende Verträge ausgehandelt zu haben. Romgaz-Angestelle sollen das Gas demzufolge unter dem Marktpreis verkauft haben. Zur Firmengruppe von InterAgro gehören auch die Chemiefirmen Amurco, DonauChem, GaProChemical und Amonil, die zu den größten Gasverbrauchern Rumäniens gehören. Es wurde in diesen Tagen ein Strafverfahren gegen 40 Personen eröffnet unter anderem auch gegen Niculae. Der Schaden für Romgaz und damit für den rumänischen Staat wird auf 126 Millionen Dollar beziffert.

Niculae ist jetzt unsterblich beleidigt und droht mit Abwanderung nach Bulgarien: “Die fast täglich neuen Maßnahmen der Regierung überraschen mich nicht. Im September werden ich den sozialen Sitz meiner Gesellschaft InterAgro nach Bulgarien verlegen. Ab dann unterliegen wir der bulgarischen Gesetzgebung und ich werde dort einen Sitz für die Firma suchen. Ich ziehe es vor die 10 % Vermögenssteuer und die sonstigen Steuern dem bulgarischen Staat zu zahlen und hier werde ich nur noch die Grund- und Gebäudesteuer bezahlen. Ich habe die Schnauze voll von den Maßnahmen der Regierung und auch auch von den fantastischen Aggressionen der Geheimdienste gegen die Geschäftsleute. Ich möchte nicht mehr zu jeder Tages- und Nachtzeit verhört werden, nur weil ich rumänischer Unternehmer bin.”

Der rumänische Staatspräsident, Traian Basescu, schlägt zurück: “Ich habe in den vergangenen Tagen einen Herrn getroffen. Er nennt sich Niculae, ein Herr aus Braşov / Kronstadt, Milliardär, der sagt, dass er nach Bulgarien umziehen werden, weil da die Steuern niedriger sind als die 10% Vermögenssteuer bei uns. Er scheint eine impertinente Person zu sein, dass er solche Erklärungen abgibt. Gut, Herr Niculae, jahrelang haben sie Gas zu Vorzugspreisen bekommen, schämen sie sich nicht? Willst du das billige Gas mit nach Bulgarien nehmen? Dort musst du 380 Dollar pro Kubikmeter bezahlen”.

Blufft Herr Niculae? Will er mit seiner Drohung den Staat gefügig machen? Sind 10% Vermögenssteuer für einen armen Milliardär wirklich zuviel des Guten?

Siehe auch:
Rumänischer Mais für unsere Autos

Informationsquelle:
Războiul declaraţiilor. Ioan Niculae: "Îmi mut afacerile în Bulgaria". Traian Băsescu: "Nu ţi-e ruşine?" – Adevarul

Montag, 2. Januar 2012

Düstere Aussichten für Strandbewohner

Die Universität São Paulo forscht über das Ansteigen des Meeresspiegels an der Küste des brasilianischen Bundesstaates São Paulo. Professor Paolo Alfredini hat jetzt erste Forschungsergebnisse vorgestellt, die auf erhobenen Daten von 1944 bis 2007 beruhen. Danach ist der Meeresspiegel in einem Jahrhundert um 74 cm gestiegen. Dabei wurde eine Beschleunigung in den letzten Jahrzehnten festgestellt, die Alfredini auf die Klimaerwärmung zurückführt. Wenn es so weitergehe, werde das Meer noch in diesem Jahrhundert um 1 Meter steigen.

Mit verheerenden Folgen für die Küste von São Paulo. Ein Strandstreifen von etwa 100 m wird verschwinden. Das bedeutet, dass Bauwerke, die in der Nähe des Strandes gebaut wurden, in Gefahr geraten. “Die Brandung wird näher an die Strandstraßen heranrücken und städtische Siedlungen gefährden. Sie wird Befestigung schwächen und Mauern zerfallen lassen. Abwasserkanäle und –rohre in der Nähe des Strandes können abgedeckt werden oder brechen”, warnt Alfredini.

Eine weitere Gefahr droht nach der Studie für die küstennahen Bauten durch immer höhere Wellen in der Brandung und Meeresstürme. Letztere kommen immer häufiger vor. Das wird die Erosionen an der Küste verstärken. Durch einen höheren Meeresspiegel wird auch die Trinkwasserversorgung gefährdet. Das Meereswasser dringt immer weiter in die Flussmündungen. Trinkwasserfassungsanlagen versalzen und verkomplizieren oder blockieren die Wasseraufarbeitung. Der Forscher schließt damit, dass sich die betroffenen Städte auf die neue Situation vorbereiten müssen. Zum Beispiel bei den Bebauungen in Küstennähe. “Die Gemeindeverwaltungen, insbesondere die in Risikogebieten, müssen ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass diese Gefährdung inzwischen Realität ist”, erklärt Alfredini.

Hoch oben im brasilianischen Nordosten kann man im Großraum Recife die gefahrenblinde Bebauungspolitik in Küstennähe gut beobachten und auch die Panik, die jetzt die Bewohner von Hochhäusern langsam beschleicht. In der südlichen Gemeinde Jaboatao im Großraum Recife hat man gleich auf eine Strandallee verzichtet und die hochgeschossigen Wohnblocks direkt an den Sandstrand gebaut. Inzwischen ist das Meer dabei, den Hochhäusern das Fundament abzugraben. Die Gemeinde hat inzwischen für das kommende Jahr viele Millionen Reales für Küstenschutzmaßnahmen vorgesehen. Hier kann man schon einmal beobachten, was der Klimawandel kosten wird.

Siehe auch:
Chaos und Panik in Recife dank Flutwelle und Internet

Informationsquelle:
Nível do mar sobe cada vez mais rápido no litoral norte de São Paulo – BrasilAtual

Wenn nur noch ein Nuklearfriedhof das Dorf rettet

Das Dorf Villar de Cañas in der Region Mancha hat die ehrenvolle Aufgabe, das vorläufige spanische Atommüll-Endlager (ATC) zu beherbergen. Das hat die spanische Regierung in den letzten Tagen des vergangenen Jahres entschieden. Eine Entscheidung, die der Bürgermeister in der einzigen Bar des Ortes wie ein Sieg feierte: “Wir haben in der Lotterie gewonnen, aber für jeweils 60 Jahre”, freut er sich.

Beim Bauern Segundo Rubio hält  sich die Freude über die Entscheidung sehr in Grenzen. Er lebt von der Landwirtschaft im Ort. Eine schwierige Arbeit, die immer mehr zur Landflucht beiträgt. So hat der Ort in den letzten 20 Jahren ein Viertel seiner Bevölkerung verloren. Segundo Rubio äußert sich deshalb sarkastisch zum Glück des Ortes, den Atom-Friedhof zu bekommen: “Sie sagen, dass wir den Nuklear-Friedhof bekommen. Einen Friedhof haben wir hier schon, weil der Friedhof, das ist das einzige, was hier funktioniert: Immer mehr Todesfälle und nur noch eine Geburt im Jahr”. Die Angst vor einem Dorf ohne Einwohner hat die Gemeinde dazu getrieben, um den ATC zu kämpfen. Und das gegen den Willen der Präsidentin der autonomen Region Castilla / La Mancha, María Dolores de Cospedal. Beide gehören derselben Partei, der Partido Popular an, die inzwischen auch die Regierung stellt. Den Bürgermeister ficht der Widerstand aber nicht an: “Es ist mein Pflicht als Bürgermeister, es gibt keinen anderen Weg, um das Dorf zu retten”. Die Bewohner des Orte feiern ihn und sehen mit dem ATC das Paradies auf das Dorf zu kommen: Millionen an Zuschüssen für die Gemeindekasse, 300 Arbeitsplätze, leerstehende Häuser, die wieder bewohnt werden.

Noch hat kein Regierungsmitglied sich bemüßigt, den Bürgermeister anzurufen und ihm die frohe Botschaft direkt zu überbringen. Lediglich die Medien rennen ihm die Tür ein. Ihnen gibt er bereitwillig Auskunft zu den schönen Aussichten des Dorfes: “Die Umweltschützer sollten nicht dagegen sein. Das ist nicht so schlecht…. alles hat seine Gefahr im Leben, aber mir hat keiner gesagt, dass das gefährlich ist”.

Fukushima und die Gefahren der Nuklearenergie sind weit entfernt für die Dorfgemeinschaft. Sie setzen auf das persönliche Glück, den ihnen dieses Endlager vermeintlich bringen wird. Sie sehen ihre Zukunft gerettet. “Sogar die Sozialisten sind dafür”, sag man im Dorf. Die ersten bereiten schon mal ihre Bewerbungsunterlagen auf die in Aussicht gestellten Arbeitsplätze vor.

Bietet Spanien nicht die Lösung für die Endlagerung des europäischen Atommülls? Sterbende Dörfer, wenig besiedelte Gebiete und eine Bevölkerung, die für ein wenig Wohlstand gerne die Risiken der Zukunft auf sich nimmt.

Siehe auch:
Yebra will den Atommüll

Informationsquelle
Villar de Cañas albergará el próximo almacén de residuos nucleares – publico.es