Montag, 25. Juli 2011

Was Barcelona Stuttgart voraus hat

Morgen wird der Tunnel, in dem der Hochgeschwindigkeitszug AVE Barcelona queren wird, auf seiner letzten Stelle durchbrochen. Der Tunnel führt durch die Stadt und wird Barcelona an das französische Hochgeschwindigkeitsnetz anschließen. Er ist 5,6 km lang und hat “nur” 179,3 Millionen Euro gekostet.

Dabei war er nicht unumstritten. Er führte zum Beispiel unter Gebäuden von Weltruhm wie die Kathedrale “Sagrada Familia” durch. Es gab einigen Protest in Barcelona und auch Versuche, das Projekt über die Gerichte zu stoppen. Um so verwunderlicher das Triumphgeheul der Journalistin Cristina Buesa von der Lokalzeitung El Periódico. Ihr Bericht klingt wie vom ausführenden Unternehmen bezahlt. Sie stellt fest: “Die Katastrophen-Weissagungen der Anwohner und was noch schlimmer ist, von verantwortlichen Politikern und kirchlichen Würdenträgern wurden endgültig von der Realität widerlegt: Der Tunnel für den AVE unterhalb des Stadtteils Eixample wurde in weniger als einem Jahr gebohrt ohne das geringste Sicherheitsproblem”.

Kein einziges Gebäude sei auch nur ein einziger Millimeter abgesenkt worden. Alles sei unter vollständiger Kontrolle. Vielleicht kann man auch sagen, noch hat sich kein Loch aufgetan. Die Geschichte der Schnellbahnstrecke auf ihrer südwestlichen Zufahrt auf den Hauptbahnhof Sants war schließlich auch eine Geschichte von Pannen. Im Oktober 2007 stürzte eine Mauer beim Bau der AVE-Strecke ein. Der Zwischenfall führte zu einer erheblichen Störung des Zugverkehrs in Barcelona. In demselben Monat gab es im Stadtteil Bellvitge mehrere Absenkungen und Erdrutsche in der Baustelle, die den Bahnverkehr erneut erheblich durcheinander brachte.  Laut dem ausführenden Bauunternehmen war der Regen schuld. Dann beklagte sich eine Hauseigentümerin über Risse in ihrem an der Strecke liegenden Gebäude. Das ausführende Unternehmen stritt ab, dass das was mit der Bautätigkeit zu tun habe, erklärte sich aber bereit, die Risse zu beseitigen.

Insofern sind die Ängste von Bürgern zu verstehen. Schließlich wird unter ihren Füssen im dichtbesiedelten Stadtzentrum ein Hohlraum entstehen, der sicher nicht so risikolos ist wie unsere Journalistin das glauben machen möchte. Sie schüttelt den Kopf, dass man “bewährten Ingenieuren” das Leben so schwer gemacht habe. Sie glaubt der ausführenden Firma Adif, dass man “keinerlei Risiko” bei der Bohrung eingegangen sei. Sie schwärmt, dass es eine “absolute Kontrolle” gebe. Die Stänkerer und Kritiker würden nun gnadenlos widerlegt. Sie sollen sich schämen, wenn sie morgen beim Signal für den letzten Durchbruch, den der Minister für öffentliche Arbeiten geben werden, innerhalb des Ehrenkomitees zuschauen würden. Und sie sollten sich mal überlegen, was ihre Behinderungsversuche der öffentlichen Kasse gekostet habe.

Noch ist das Ganze ja noch nicht fertig. Die Probe aufs Exempel steht noch bevor. Manche Leser der Zeitung können sich den Jubelarien auch nicht anschließen. Ein Leser berichtet von Wassereinbrüchen im Stadtteil Carmel. Leser Santiago mahnt: “Alles benötigt seine Zeit. Wer kann uns garantieren, dass im Laufe der Jahre keine Schäden auftreten. Eine Sache sind die Tests und ein andere ist die Erprobung durch die Praxis. Alles unterliegt der Abnutzung, das kann man nicht vermeiden”.

Informationsquelle:
Al final del túnel – El Periódico

Sonntag, 24. Juli 2011

Die bärtigen Fundamentalisten von Odessa

Vor kurzem kam es zu einem Zwischenfall an der Grenze zwischen der Republik Moldau und der Ukraine. Leidtragende waren nicht nur Moldauer, sondern auch rumänische Staatsbürger, die zur Einweihung einer orthodoxen Kirche in das ukrainische Dorf Camîşovca reisen wollten. Das Dorf hat eine mehrheitlich rumänischsprachige Bevölkerung. Der ukrainische Zoll hinderte etwa 100 Personen am Grenzübertritt. Darunter waren Journalisten und Angehörige von rumänischen Nichtregierungsorganisationen. Nach mehreren Stunden Wartens konnte die Gruppe dann einreisen.

Orthodoxe Kirchen sind Nationalkirchen, so z.B. die russische Orthodoxie, die griechische oder die rumänische orthodoxe Kirche mit ihrem Patriarchen in Bukarest. Obwohl die bärtige Männergesellschaft der Kirchenhierarchie bei allen gleich aussieht und das Primborium ebenfalls dasselbe ist, scheint jeder einen anderen Gott zu haben. Sie nennen sich zwar alle Christen, aber in erster Linie sind sie Nationalisten. Und als solche sucht man nicht die Gemeinsamkeiten, sondern die Unterschiede.

Kirchenrechtlich zuständig für den Bereich des Dorfes Camîşovca ist der Bischof der russisch-orthodoxen Kirche von Odessa. Die rumänisch-orthodoxe Kirche in diesem Dorf konnte nur nach vielen Verzögerungen infolge der Behinderungen durch die Behörden gebaut werden. Am 16. Juli ist sie nun unter dem politischen Theaterdonner der ukrainischen Grenzer eingeweiht worden .

Der Pressesekretär des christlichen Oberhirten, des Bischofs von Odessa, hat sich jetzt bemüßigt gesehen die Vorgänge zu beschönigen. Er ist der Ansicht, dass der Gottesdienst in der rumänischen Kirche des ukrainischen Dorfes keinerlei “religiösen Charakter” habe. Es ist also ein Gottesdienst der Gottlosen, da dabei im Mittelpunkt die Interessen Rumäniens stehen würden, das territoriale Absichten in der Region habe. “Die rumänische Kirche des Dorfes Camîşovca gehört zum sogenannten Metropoliten von Bessarabien. Das Dorf liegt aber auf dem Territorium des kanonischen Rechts der Orthodoxen Kirche von Russland und wir können die Existenz jenes Gebäudes nicht anerkennen, noch die Gottesdienste, die dort abgehalten werden, die keinerlei religiösen Charakter haben”, erklärte der Sprecher des Patriarchen und fährt fort: “Vom politischen Standpunkt aus stehen die rumänischen Interessen Rumäniens, das hier territoriale Ansprüche hat, im Mittelpunkt”.

Minderheiten werden mit den abstrusesten kirchenjuristischen Argumenten an der Ausübung ihrer Rechte gehindert. Religionsfreiheit scheint auch unter demselben Glauben ein leeres Wort. Der Vorfall zeigt wieder einmal, dass christliche Kirchen nicht dazu beitragen können, um Frieden in einer Gemeinschaft zu stiften. Der Gott der Orthodoxen ist entweder Russe oder Rumäne oder vielleicht auch Grieche.

Informationsquelle:
Eparhia Odessa afirmă că slujbele de la biserica românească din Camîşovca nu au putere divină – Romania Libera

Samstag, 23. Juli 2011

USE–es ist Zeit für die Briten sich abzusetzen

Iain Martin von der Online Ausgabe der britischen Zeitung Daily Mail kreiert eine neue Abkürzung. USE, das sind für ihn die “United States of Eurozone”, die “Vereinigten Staaten der Eurozone”. Der neueste Griechenland-Pakt der EU hat ihn in höllische Aufregung versetzt. Zwar anerkennt er, dass die Griechenlandunterstützung dringend erforderlich war, da sonst eine gewaltige Rezession in den EU-Ländern zu befürchten gewesen wäre, aber so wie es nun ablief vermutet er deutsch-französischen Unrat.

Für ihn ist es klar, dass jetzt die Länder der Eurozone politisch mehr zusammenrücken werden. Für Mr. Martin bedeutet das, dass Deutschland und Frankreich nun den andern Ländern ihre Wirtschaftspolitik aufdrücken werden im Ausgleich dafür, dass sie die ärmeren Staaten Südeuropas unterstützen. Dafür müssten diese dann nach deutschen Regeln leben, mit harten Einschränkungen bei den Ausgaben. “Das ist eine Wende von historischer Bedeutung, dies ist der Weg, den die beiden mächtigsten Führer in Europa, Nicolas Sarkozy und Angela Merkel, gewählt haben. Die Deutschen zahlen den Musiker, dafür müssen die andern dann nach deren Melodie tanzen”, ist seine Ansicht. Wundert es noch, wenn im “The Telegraph” ein anderer Kämpe für Britanniens alte Größe titelt: “Die Eurokrise wird Deutschland das Reich geben, von dem es immer geträumt hat”.

Also Schreck lass nach, die Briten sind wieder einmal auf dem Weg zu imperialer Größe nicht dabei. Daraus zieht Mr. Martin nun denn Schluss, dass Großbritannien einen Weg aus der Europäischen Union suchen sollte. Diese Gelegenheit ist für ihn fast ein Ereignis wie die Sonnenfinsternis, man hat diese Chance nur einmal in einer Generation. Großbritannien kann endlich Souveränitätsrechte von der EU zurückholen, wenn die eigenen Minister nicht zu sehr die Weicheier spielen. Der ganze Brüsseler Regulationskram kann man mit einem Schlag los werden. Die Wiederherstellung der vollen Kontrolle über die eigenen Grenzen ist eine Pflicht.

Das Zauberwort heißt “renegotiation”, die “Wiederverhandlung” der Verträge mit der EU. Angeblich spekulieren auch Tory-Hinterbänkler mit diesem großartigen Gedanken. Diese meinen, dass es eine günstige Gelegenheit wäre, abgegebene Rechte von der EU zurückzuholen. Dass die Regierung scheinbar nicht solchen Träumen nachhängt und der Schatzkanzler George Osborne sogar dafür ist, dass sein Land sich noch mehr in die EU integrieren sollte, treibt Mr. Martin den Schaum vor dem Mund. Die “Tories”, da ist er sich sicher, würden gerne wieder nur für sich selber zuständig sein, aber der Koalitionspartner “LibDem”, diese fanatischen Pro-Europäer, wehren sich mit Händen und Füßen dagegen.

Der ganze Abhörskandal bei der Murdoch-Presse und die Verwicklungen in der britischen Politik ist für Mr. Martin ein Ablenkungsmanöver. Seine klare Schlussfolgerung: “Diese Gelegenheit verlangt nach einer kühlen, visionären Antwort wert eines Churchill oder einer Thatcher. Aber man sieht nicht, dass unsere Führer diese Gelegenheit ergreifen – gefesselt durch die Koalition und beschäftigt mit der Abhöraffäre und der Maßregelung der freien Presse.”

Ein Teil der Briten und vor allem die Journalisten der Tabloid-Meute möchte zurück zu ihrem Empire. Damals hatten sie genüsslich mehrere Jahrhunderte anderen Ländern ihre Souveränität gestohlen, sie versklavt und ausgebeutet und alle mussten nach ihrer Musik tanzen. Damals war die Welt für sie noch einfach und man brauchte sich bisher auch nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, was man damals getan hat. Es wäre gut, wenn dieser Teil der Briten einmal über ihre Geschichte nachdenken würden, begreifen, dass alles vorbei ist und die alte Herrlichkeit nicht mehr zurückkommen wird. Das wäre ein guter Start für eine neue Einstellung, die vielleicht dazu führt, dass man in der EU nicht nur einen Selbstbedienungsladen sieht, sondern ein Projekt, bei dem man aktiv mitmachen kann. Aber eben nur als einer unter vielen.

Informationsquelle:
Britain has a once-in-a-generation chance to break free from Europe – Mail Online

Donnerstag, 21. Juli 2011

ENSIger Versuch störrische Deutsche zu überzeugen

Dr. Georges Pillen spricht wie ein Pferdeflüsterer auf die Mitglieder des Kreistages Waldshut-Tiengen ein. Er ist Direktor im ENSI, dem schweizerischen Institut für Nuklearsicherheit. Er soll den deutschen Nachbarn verkaufen, dass die an der Grenze liegenden Schweizer Kraftwerke die sichersten der Welt sind, denn der Kreistag ist im Begriff eine Resolution gegen die Schweizer Atomkraftwerke zu beschließen. Während die Dampffahne des Waldshut gegenüberliegenden Atomkraftwerks Leibstadt sich in den Fenstern des Kreistages spiegelt, versucht Dr. Pillen nun das Unmögliche. Assistiert wird er von Dr. Schulz und dem vom ENSI engagierten Medienprofi Andrea Müller. Anhand einer beruhigenden Präsentation schildert Piller wie scharf das ENSI auf die Schweizer AKW’s aufpasst. Seine Behörde ist sich sicher, dass die AKW’s in der Schweiz die sichersten auf der der Welt sind. Aus Fukushima habe man sofort gelernt und die Sicherheitsanforderungen hoch gesetzt. Dass er damit zugibt, dass die AKW’s vorher also doch nicht so sicher waren, versucht er mit Scherzen zu vertuschen.

Aber immer wieder muss er darauf zurückkommen, dass das ENSI ein Behörde ist, die innerhalb des ihm gegebenen Gesetzesrahmens für die Sicherheit der nukleartechnischen Anlagen in der Schweiz zuständig ist. Damit lässt er auch offen, ob die Gesetze tatsächlich so formuliert sind, dass seine Behörde eine hundertprozentige Sicherheit verlangen kann. Der assistierende Dr. Schulz spricht von Probabilitäten und statistischen Wahrscheinlichkeiten. Die Kreisräte lassen sich allerdings damit nicht beruhigen. Quer durch die politische Bank kommen kritische Fragen, die zeigen, dass man dem ENSI nicht das grenzenlose Vertrauen entgegenbringt, das dieses gerne hätte.

Dem ganzen Atomkomplex bläst der Wind ins Gesicht. Zulange waren auch die Sicherheitsbehörden beim Herunterspielen und Verniedlichen der Gefahren Kumpane der Atomwirtschaft. Das ENSI hat die Schlussfolgerung daraus gezogen, dass man “besser mit der Bevölkerung kommunizieren” muss. “Bereits vor dem nuklearen Unfall im japanischen Fukushima hat der ENSI-Rat entschieden, den Kommunikationsbereich auszubauen und direkt dem ENSI-Direktor Hans Wanner zu unterstellen”, steht auf der Webseite des ENSI und weiter: “Am 1. Mai 2011 hat der 56-jährige Medienprofi Andrea Müller seine Aufgaben als Public-Affairs-Beauftragter und Kommunikationsberater des Direktors und des ENSI-Rats im Rahmen eines Teilzeitmandats aufgenommen”. Eine neue Erkenntnis des ENSI, die man jetzt per Profi-Kommunikation den Ängstlichen im Lande und über der Grenze vermitteln will, dass “Sicherheit kein Zustand ist , Sicherheit ist ein Prozess”. Gemäß dieser Maxime befindet sich auch das ENSI in einem ständigen Lernprozess.

Eine Atomaufsichtsbehörde hat kein leichtes Leben mehr heutzutage. Eigentlich müsste sie ja garantieren, dass das was nie passieren darf, nie passieren wird. Da sie das nicht kann versteckt sie sich hinter für den Normalbürger unverständlichen Wahrscheinlichkeitsrechnungen, dem Winken mit “strengen” Kontrollen in Atomkraftwerken und der Drohung auch einmal ein AKW bei Sicherheitsbedenken kurzfristig lahm zu lagen. Den Verzicht auf eine erkennbar unbeherrschbare Technik zu fordern, auch weil es genügend Alternativen gibt, dazu ist eine Atomaufsichtsbehörde nicht in der Lage. Man muss sich deshalb irgendwie durchwursteln und hoffen, dass der ständige Lernprozess schneller wie Unbilden der Technik und Unberechenbarkeit der Elemente ist. Sonst bleibt, wie Dr. Piller schon sagte, nur der Rückzug übrig: “Wir sind ja nur eine Behörde”.

Der Kreistag von Waldshut-Tiengen ließ sich von den Ausführungen des ENSI nicht beeindrucken. Am Ende verabschiedete er eine Anti-Atom-Resolution, in der nicht nur ein schneller Ausstieg der Schweiz gefordert wird, sondern auch die sofortige Stilllegung des französischen Atomkraftwerks Fessenheim.

Dienstag, 19. Juli 2011

Brasilianischer Tabak macht arm und krank

Brasilien produziert 700 Tonnen Rauchwaren im Jahr, mehr als 80% sind für den Export bestimmt. Die Tabakindustrie hat einen Umsatz von 15 Milliarden R$ (ca 6,5 Milliarden Euro). Das wenigste davon bleibt bei den kleinen Tabak-Produzenten Brasiliens hängen. 9 vpn 10 Tabakbauern pflanzen den Tabak auf eigenen Äckern an. Die Hauptproduktion konzentriert sich auf Südbrasilien und in der Regel auf Flächen, die nicht größer als 20 Hektar sind.

Die Bauern erhalten ihre Aufträge von einem Agenten der Tabakindustrie, der Instruktor oder Koordinator genannt wird. In der Regel beginnt eine fatale Abhängigkeit des Tabakanbauers von der Tabakindustrie in dem Moment, in dem er einen “Ankauf-Verkauf-Vertrag” unterschreibt. Damit akzeptiert er, dass er nur diejenigen Samen sät, die er von seinem Vertragspartner erhält. Er muss ein “technologisches Paket” mit den vom Agenten  zusammengestellten Pestiziden übernehmen.  Mit der Unterzeichnung des Vertrages mit dem Tabakunternehmen verliert der Tabakbauer sein Recht über das, was er anbauen und wie er es anbauen will. Es gibt dann nicht mehr das Verkäufer-Käufer-Verhältnis, sondern er rutscht in ein Verhältnis Arbeitgeber – Angestellter. Er muss dem Agenten eine Vollmacht ausstellen, mit der von diesem in seinem Namen Samen und Pestizide finanziert werden. Bezahlen muss er dann mit der Ernte. Die  Finanzierungen haben Kreditlinien von 10,15 und 20 Jahren. In dieser Zeit bleibt der Tabakbauer in Abhängigkeit der Tabakindustrie. Nach der Ernte kommt der Agent wieder und taxiert die Qualität des Tabaks. Auch hier hat der Bauer die schlechteren Karten. In der Regel hält er so wenig, dass die Einkünfte kaum zum Überleben reichen. Die Tabakunternehmen arbeiten im Stil eines Kartells, so dass der Produzent keine Möglichkeit hat, seine Ernte anderswo zu einem besseren Preis zu verkaufen.

Dabei ist der Tabakanbau eine schwierige und gefährliche Arbeit. Die schlimmste Zeit ist die der Ernte und des Trocknens der Tabakblätter. Dies geschieht mitten im Hochsommer. Viele Bauern beklagen, dass die Schutzkleidungen die Haut verbrennen. Aber ohne sie würden sie der Grünblätter-Krankheit der Tabaks ausgesetzt. “Spätestens nachmittags werden die Beine schwach, man bekommt Angstanfälle. Ein schreckliches Unwohlgefühl. Es macht dir den Schlaf kaputt, die ganze Nacht liegt man schlaflos da”, erklärt ein betroffener Bauer. Der Geruch der Tabakpflanzen dringt in die Nase und verursacht im Mund einen sauren Geschmack. Das freigewordene Nikotin verursacht Fieber, Ohnmachtsanfälle, Schüttelfrost. Am Ende eines Arbeitstages war der Bauer eine Dosis von 54 Miligramm Nikotin ausgesetzt, was dem Nikotingehalt von 36 Zigaretten entspricht. Die schwierigste Arbeit ist das Trocknen der Blätter. Jede Stunde der Nacht muss der Bauer aufstehen und Holz für das Feuer nachlegen. Das passiert 8 bis 10 mal in der Nacht. Wenn das Blatt langsam gelb wird, ist der Bauer mit seinen Kräften völlig am Ende. Aber es beginnt dann der Stress mit der rechtzeitigen Fertigstellung der Lieferung an den Agenten. Einige Wochen lang verpackt er seinen Tabak in Pakete von 60 kg, die er dann zum Tabakunternehmen bringt. Dort wird eine Probe von jedem Paket gezogen, auf Grund der der Unternehmer bestimmt, wie viel er zahlen wird. Der Bauer kann dann nur noch hoffen, dass der Preis wenigstens so hoch ist, dass er nicht ruiniert wird. Reklamieren ist nach allen Erfahrungen zwecklos.

Während der normale Landwirt wenigstens Teile seiner Produktion, sei es nun Mais oder Manjok, selbst verwerten kann, hat der Tabakbauer diese Möglichkeit nicht. Ein Bauer hat einmal ausgerechnet, was er im Strich mit dem Tabakanbau verdient. Es blieben nur 1,77 R$ (0,80 Euro) pro Tag übrig. Dieses Einkommen steht im krassen Gegensatz zu den Gewinnen der Tabakindustrie, die in Lateinamerika im Jahr 2010 einen Reingewinn von 1,6 Milliarden R$ (700 Millionen Euro) erzielt haben soll. Da die Tabakbauern Kleinbauern sind und in Familien mit durchschnittlich 4 Personen leben, können sie sich keine Angestellte leisten. Deshalb müssen ihre Kinder schon in jungem Alter bei der Anpflanzung und Ernte mithelfen.

Am Beispiel von Lídia Maria Bandacheski do Prado, wohnhaft in Rio Azul,  190 Kilometer von Curitiba, kann man ein solches Kinderschicksal erleben. Sie verlor mit 9 Jahren ihren Vater. Um ihrer Mutter zu helfen, übernahm sie bereits in diesem Alter Arbeiten beim Tabakanbau. Nach etwa 10 Jahren bekam sie große gesundheitlich Probleme. Eine gute ärztliche Versorgung konnte sich die Familie nicht leisten und alles verschlimmerte sich. “Ich war fast zwei Jahre zu Hause, ohne schlafen zu können. Ich hatte Schmerzen in den Armen, in den Beinen. Ich lief wie Gespenst durch das Haus”, erzählt sie. Lidia braucht zum gehen einen Laufstuhl, denn ihre Arme sind sehr zerbrechlich. Sie sieht kaum mehr was und verliert häufig ihr Erinnerungsvermögen. “Ich habe dem Tabakunternehmen meine Schulden bezahlt und was ich dafür bekam waren Gesundheitsprobleme”, fügt sie hinzu. Das Gesundheitszentrum der Universität von Paraná wurde auf Lidia’s Fall aufmerksam. Es untersuchte daraufhin die Lage der Tabakbauern in ihrer Gemeinde und stellte fest, dass chronische Vergiftungserscheinungen und Erkrankungen auf Grund der angewandten Pestizide weit verbreitet sind. Der Koordinator des Forschungszentrums  erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass nach Ausbringung der Pestizide die Anpflanzung 7 Tage nicht mehr betreten werden darf. Aber leider sind die Anbauflächen klein und die Häuser liegen direkt in der Nähe der Anpflanzung, so dass der gute Rat für den Bauern ins Leere geht. Die Tabakindustrie schiebt die Verantwortung für solche Probleme wieder an die Kleinbauern zurück. Diese würden die empfohlene Schutzkleidung nicht tragen. Mit der Familie von Lidia will jetzt kein Tabakunternehmen mehr Verträge machen.

Kein Wunder, dass viele Kleinbauern weg vom Tabakanbau wollen, aber nicht aus den Klammern der Tabakindustrie kommen. Die brasilianische Regierung hat sich der von der Weltgesundheitsorganisation verfassten Konvention zur Kontrolle des Tabakanbaus aus dem Jahre 2005 angeschlossen. Sie fördert deshalb eine Wende im landwirtschaftlichen Anbau weg vom Tabak hin zu Nahrungsmitteln. Eine für die Bevölkerung besonders günstige Möglichkeit ist der ökologische Landbau. Er schont die Gesundheit und bringt den Landwirten ein gesichertes Einkommen. Das einzige Problem ist die Vermarktung der Produkte, die die Bauern jetzt wieder selbst übernehmen müssen. Beim Tabak war es die Industrie, die alles bestimmte. Es gibt aber auch hier Ansätze, die den Bauern zeigen, dass es über Genossenschaften oder ähnliche Organisationen möglich ist, die produzierten Nahrungsmittel zu verkaufen.

So zerstört der Tabakhandel nicht nur den Konsumenten, sondern auch den Produzenten. Dazwischen sitzt die fette Made der verarbeitenden Industrie und des Handels. Raucher werden in den letzten Jahren mit Informationskampagnen über die Schädlichkeit des Rauchens überzogen. Sie sollten aber auch wissen, dass die ganze Produktionskette eine einzige Abfolge von Leid ist. Er sollte verstehen, dass er durch das Rauchen einen Beitrag zu erniedrigender Arbeit, miserabler Bezahlung, Vergiftung durch Pestizide und Kinderarbeit leistet.

Informationsquelle:
O passivo do fumante começa na roça – Brasil Atual

Sonntag, 17. Juli 2011

Der spanische Wasserkrieg treibt seltsame Blüten

Die Meerwasserentsalzungsanlage von Torrevieja bei Valencia ist die modernste und größte Entsalzungsanlage Europas. Sie hat eine Produktion von salzfreiem Meerwasser in Höhe von 240.000 m3 pro Tag. Die Qualität des entsalzten Wassers soll dabei so gut sein, dass es für landwirtschaftliche Bewässerung jeder Art und für die Trinkwasserversorgung taugt. Sie soll nach modernsten Umweltgesichtspunkten errichtet worden sein und mit Solar- und thermischer Energie betrieben werden. Der Betreiber Acuamed teilte vor kurzem mit, dass die Anlage völlig mit erneuerbaren Energien betrieben werden kann. Die Lagerung der Salzrückstände soll keinerlei Gefahr für die Bioflora oder –fauna bedeuten.

In den Bau der Meerwasserentsalzungsanlage wurden 300 Millionen Euro investiert, davon stammen 55 Millionen aus Zuschüssen der Europäischen Union. Seit 2007 ist die Meerwasserentsalzungsanlage fertiggestellt und hat trotzdem bisher keinen Tropfen Meerwasser entsalzt.

Grund ist, dass die Regierung der autonomen Region Valencia die erforderliche Umweltbescheinigung nicht erteilt hat. Die Regierung, Generalitat genannt, wird von der konservativen Partido Popular geführtt. Gegen den Präsidenten, Francisco Camps, laufen zur Zeit Gerichts- und Ermittlungsverfahren wegen Korruption. Eine Regierung, die sonst nicht dazu neigt, irgendwelchen Umweltgesichtspunkten Vorrang zu gewähren, legt sich plötzlich quer, wenn es sich um ein solche Großprojekt geht. Zudem sind 4 weitere Entsalzungsanlagen in der Region Valencia im Bau oder bereits fertiggestellt, denen die Generalitat ebenfalls die erforderliche Umweltbescheinigung verweigert hat. Hinter der Verweigerung der erforderlichen Umweltbescheinigung steckt somit ein System.

Es geht der Generalitat tatsächlich nicht um die Umwelt. Der Hintergrund ist der seit einigen Jahren tobende Wasserkrieg in Spanien. Valencia möchte nämlich kein Meerwasser haben, sondern die Flüsse in Nordspanien für die eigene Wasserversorgung anzapfen. Dabei steht im Blickfeld in erster Linie der Ebro. Ein solches Projekt hatte die spanische Regierung im Jahr 2005 in den hydrologischen Nationalplan aufgenommen, aber die Durchführung ist am geballten Widerstand der Ebro-Anrainer insbesondere Kataloniens gescheitert. Auch die EU hatte auf Grund von Umweltbedenken jede Beteiligung abgelehnt. Nordspanien verwies auch auf die hohe Wasserverschwendung bei der landwirtschaftlichen Bewässerung im trockenen Südosten. Der Wasserkrieg wurde in erster Linie von der damaligen PP-Regierung unter Ministerpräsident Aznar angezettelt. Man beschimpfte die Ebro-Anrainer als unsolidarisch und glaubte, dass die Energiekosten und CO2 – Bilanz für Meerwasserentsalzungsanlagen viel zu hoch seien. Damals wurde allerdings noch kaum an erneuerbare Energien gedacht.

So wie der Sachstand im Moment aussieht, geht es um die trotzköpfische Revision einer bereits verlorenen Schlacht. Dafür lässt man ein paar teure Großprojekte vor sich hin rosten. Es ist die Partei PP, die zur Zeit so gerne auf ihren wirtschaftlichen Sachverstand verweist und meint damit Spanien aus der Wirtschaftskrise retten zu können. Gerade dieses Beispiel beweist aber, dass es provinzieller nicht mehr gehen kann und diese Politiker alles andere als eine Vision haben, wie es in Spanien auch in der wichtigen Wasserfrage weitergehen soll.

Informationsquelle:
El Gobierno valenciano bloquea la mayor desaladora de Europa – El Pais

Freitag, 15. Juli 2011

Entsetzen in Frankreich: Nationalfeiertag ohne Militärparade

Dieses Entsetzen verursachte die vor kurzem zur Präsidentschaftskandidatin der französischen Grünen nominierte Eva Joly. Sie erklärte am gestrigen Nationalfeiertag beim Vorbeimarsch einer Kolonne von Militärfahrzeugen auf der Place de la Bastille: “Ich habe davon geträumt, dass man diesen militärischen Vorbeimarsch durch ein Défilé der Bürgerschaft ersetzen könnten, wo man Schulkinder, wo man Studenten, wo wir auch unsere älteren Bürger zusammen erleben könnten in einer Atmosphäre des Zusammenseins, bei dem wir die Werte feiern, die uns vereinen.” Für sie gibt es einen Widerspruche zwischen der Militärparade und den Reden, die die ehemaligen Widerstandskämpfer auf dem Platz gehalten haben. “Dies ist ein Symbol Frankreichs als Kolonialmacht. Es scheint mir an der Zeit zu sagen, dass die Militärparade keinen Platz mehr hat bei den Symbolen des 14. Juli. Ich glaube, dass die Armee ihren Platz haben soll, aber nicht beim 14. Juli auftreten sollte.” Sie verweist auf die Nationalfeiertage vieler anderer Nationen, wo der “lächerliche” Protz militärischer Machtdemonstrationen keinen Platz hat. Dagegen seien solche Paraden bei den Diktaturen durchaus beliebt.

Wenn es ein heilige Kuh in Frankreich gibt, dann ist es die Armee. Von ihr hängt Frankreichs Ruhm ab. Zumindest hat man das schon seit Urzeiten in die Köpfe der Franzosen gehämmert. Das Ergebnis des  2. Weltkrieges verstärkte diesen Drang nach der totalen Priorität alles Militärischen in Frankreich. Im zerfallenden Kolonialreich spielte die Armee eine wenig rühmliche Rolle, aber das wurde bisher immer gekonnt unter den Tisch gekehrt.

Und nun wagt es eine Frau, an diesem Tabu zu kratzen. Und diese Frau ist auch keine astreine Französin, sondern sie hat auch die norwegische Staatsangehörigkeit. Die Machthabenden, die “aufrechten” Franzosen, fühlen sich dadurch äußerst provoziert und reagieren in einer Art maßlos, die erstaunen lässt. Mit ihrer doppelten Staatsangehörigkeit glaubt man sie als eine Staatsbürgerin abtun zu können, an deren Loyalität man seine Zweifel haben darf. Originalton des Ministerpräsidenten Fillon: “Ich denke, dass die Dame nicht über die uralte Kultur der französischen Traditionen, französische Werte und französische Geschichte verfügt. Wenn wir jedes Jahr unsere Streifkräfte am Nationalfeiertag ehren, dann deshalb, weil wir einer Institution unsere Hochachtung erweisen, die die Werte der französischen Republik, der Freiheit, der Brüderlichkeit und der Gleichheit verteidigt. Ich denke, dass nur wenige Franzosen die Meinung von Frau Joly teilen”. Ein Abgeordneter der Regierungspartei UMP sieht das Problem im Pazifismus von Frau Joly: “Das sind Ideen, die 60 Jahre zu spät kommen. Joly gibt sich als glückselige Pazifistin.” Ein anderer Abgeordneter unterstellt Joly einen “Antimilitarismus, den man zusammen mit den letzten Hippie-Wohngemeinschaften verschwunden glaubte”. Für andere wieder beschimpft sie damit alle diejenigen, die für dieses Land gestorben sind. “Sie träumt wie viele ihrer Parteifreunde, von einer aseptischen Welt, wo es keinen Krieg gibt. Das ist total unverantwortlich”, meint der Sonderberater des Staatspräsidenten Sarkozy, Henri Guaino.

Rechtsauslegerin Marine Le Pen fragt sich ohnehin, warum Joly eigentlich für das Amt der Staatspräsidentin kandidieren darf, da sie doch Ausländerin sei. Sie sei nicht in Frankreich geboren und habe kein “fixes” Vaterland. Aus der rechten Ecke wird verlangt, dass Joly nach Norwegen zurückkehren solle.

Zu dem Kübel an Dreck, der jetzt über sie ausgeschüttet wird, erklärte Eva Joly heute Nachmittag: “Ich steige nicht aus meinem Wikingerboot. Ich lebe nun seit 50 Jahren in Frankreich. Man greift mich nicht an, weil ich ein Thema aufgreife, sondern man diskreditiert mich weil ich nicht genug französisch bin. Ich habe bereits länger in Frankreich gelebt als Fillon (Eva Joly ist 67 Jahre alt, Fillon 10 Jahre jünger).”

Hoppla, könnte man sagen, geht es hier um die Abschaffung der französischen Armee? Mitnichten, es geht um ein kleines Details des militärischen Auftretens in der Öffentlichkeit, der diese schäumende Wut produziert. Dahinter steckt aber eine brüchige Fassade, hinter der man die Ehre der französischen Armee verstecken will. Dabei hat auch sie, zusammen mit den mit ihr zusammenkungelnden Politikern noch genug Aufklärungsarbeit für ihre Tätigkeit in den vergangenen Jahrzehnten zu leisten. Und das scheinen die französischen Eliten zu fürchten, dass durch solche Meinungsäußerungen eine Diskussion in  Gang kommt, der ihnen nicht gefallen kann. Zitieren wir den Kommentar eines Franzosen in der Zeitung Libération: “Bravo Eva, du bist die einzige, die es wagt das zu sagen, was Millionen von Franzosen denken. Es ist komisch zu sehen, wie die ganze Bagage vor Wut aufheult”.

Informationsquelle:
Eva Joly propose de supprimer le défilé militaire du 14-Juillet – Libération

Donnerstag, 14. Juli 2011

Atomalarm in Almaraz, was tun?

Vergangene Woche sprangen in Almaraz, in der spanischen Provinz Caceres, die Lautsprecher an. Öffentliche Lautsprecher gibt es an diesem Ort für den Fall einer gefährlichen Havarie im nahegelegenen Atomkraftwerk. Vergangene Woche bekamen die Bewohner also plötzlich die Durchsage zu hören: “Nuklearer Unfall, begeben sie sich zu ihrem Sammelpunkt”. Zum Glück gingen die Lautsprecher einfach so los, “sin motivo”, ohne Grund. Aber der Fall war dann doch symptomatisch für das Verhalten nach einem wirklichen Unfall: Die Bewohner sind ahnungslos, die Kommunikationsmöglichkeiten funktionieren nur bedingt und im Ernstfall weiß keiner, was er eigentlich tun soll: Somit herrschte das Chaos.

Das Zentrum für Risikoforschung der  Autonomen Universität von Barcelona (Universitat Autònoma de Barcelona; UAB) hat im Gefolge der Atomkatastrophe von Fukushima die Notfall- und Evakuierungspläne an den Standorten der spanischen Atomkraftwerke im Hinblick auf ihre Tauglichkeit überprüft. In Spanien gibt es 6 AKW-Standorte und ein Standort, an dem ein AKW abgewrackt wird.  Bei der Untersuchung wurden die Notallpläne auf nationaler, regionaler und kommunaler Ebene mit einbezogen. Dabei wurden nur Orte im Umkreis von 10 km zum AKW berücksichtigt. Befragt wurden auch die Bürgermeister und Gemeinderatsmitglieder an den Standorten. Die Schlussfolgerung der Untersuchung ist wenig erfreulich: “Wir sind auf einen Nuklearunfall nicht vorbereitet, es ist notwendig das Evakuierungssystem und die Logistik zu verbessern”, erklärt die Leiterin des Zentrums der UAB, Anna García Hom und fügt hinzu, dass durch die Defizite bei Alarm ein Chaos ausbrechen würde.

Die Lautsprecher, die in den Dörfern die Katastrophe bekannt machen sollten, werden vom Zivilschutz gewartet und sie oft außer Funktion. Einige Standorte sind oft nicht flächendeckend mit dem Mobilfunknetz abgedeckt. Die fehlende Kommunikationsmöglichkeit ist vor allem in engen Tälern wie zum Beispiel beim Uralt-Reaktor Garoña beängstigend. Die Gemeinden erinnern sich kaum noch an eine Notfallübung. Die letzten lagen zum Teil 8 bis 10 Jahre zurück. Die UAB schlägt jetzt jährliche Notfallübungen vor, die regelmäßig an neue Situationen angepasst werden sollten. Die Verantwortlichen in den Gemeinden erhalten auch keine regelmäßige Schulung. Der Bürgermeister von Trillo erklärt: “Ich bin der Verantwortliche für 1.200 Personen, die im Umkreis der Anlage von Trillo leben und meine einzige Ausbildung in den 4 Jahren, in denen ich hier Bürgermeister bin,  war ein Kurs von 2 oder 3 Stunden.”

Im Fall eines Unfalls in einem spanischen Atomkraftwerk haben die Betreiber zu entscheiden, ob sie den internen Notfallplan aktivieren. Zusätzlich haben sie die Delegación del Gobierno (eine Art Regierungspräsidium, die dem Innenministerium unterstellt ist) zu unterrichten. Diese Behörde entscheidet über die Aktivierung des externen Notfallplans, womit dann der Zivilschutz, die Polizei, die Feuerwehr und wenn nötig die Armee aktiviert wird.

Das Innenministerium lehnte es ab, zu den unzulänglichen Notfallplänen Stellung zu nehmen und verwies auf den Zivilschutz, der für diese zuständig sei. Der Sprecher des Zivilschutzes sieht die Sache gelassen: “In 20 Jahren ist doch nichts passiert und es gibt Pläne, dass wir demnächst unsere Unterlagen überarbeiten”.

Aus diesem Holz ist die Verantwortung für Nuklearunfälle geschnitzt. Man sieht das alles ruhigen Blutes und wenn dann der Ernstfall kommt, hatte man schließlich Pläne für Pläne in der Schublade. Es wird keiner schuldig sein, jeder verweist auf den andern. Für die Betroffenen ist es halt Pech, dass da was nicht funktionierte, wie man es sich so vorgestellt hatte.

Der alte Schrottmeiler Garoña  darf bis zum 6. Juli 2013 weiterlaufen. Dies hat heute das oberste spanische Zivilgericht entschieden. Damit wurde die Klage der Betreiber, die eine Verlängerung der Betriebserlaubnis bis 2019 haben wollten, abgewiesen. Abgewiesen wurde aber auch die Klage von Greenpeace und anderer Umweltorganisationen, die eine sofortige Abschaltung haben wollten.

Siehe auch:
Strahlende Zukunft für spanische Atomkraftwerke
In Treue fest zum Atom

Informationsquelle
Los 67 pueblos nucleares no están preparados para una emergencia – Público.es

Montag, 11. Juli 2011

150 km zu Fuß gegen die Korruption

Wer kennt Piauí, wer kennt Teresina? Piauí ist flächenmäßig der drittgrößte Bundesstaat des brasilianischen Nordostens und Teresina ist seine Hauptstadt. Sein wichtigster Fluss ist der Rio Parnaiba und ein kleiner Küstenstreifen von knapp 70 km gehört auch noch Piauí. Sein Klima ist tropisch und semi-arid. Der überwiegende Teil des Staates ist staubtrocken und die Bevölkerung entsprechend arm.

Wo Armut herrscht, herrscht auch viel Unwissenheit. Die Bevölkerung kennt ihre Rechte nicht und die Herrschenden und Mächtigen sind nicht bereit, sie darüber aufzuklären. Das fördert die Selbstbereicherung und Korruption einiger Weniger. Nun gibt es im Brasilien von heute Aktionen, die versuchen, dem Volk seine Rechte nahe zu bringen und gegen die Korruption zu protestieren. Eine diese Maßnahmen ist der Marsch gegen die Korruption, der am Mittwoch von der Hauptstadt Teresina aus starten und bei dem aktive Piauienser 150 km zu Fuß in ihrem Bundesstaat zurücklegen werden.

Die Gruppe “Força-Tarefa Popular do Piauí” (Populäre Einsatzgruppe von Piauí) organisiert die Wanderung, Der Marsch soll ein Beispiel sozialer Kontrolle sein und hat das Ziel, den Missbrauch von öffentlichen Mitteln durch die Gemeindeverwaltungen aufzudecken. Der Marsch wird auch von der brasilianischen Anti-Korruptionsbehörde CGU unterstützt. Sie hat die Marschierenden mit Material über 66 Projekte versorgt , die von der brasilianischen Regierung finanziell gefördert und bei denen Unregelmäßigkeiten vermutet wurden.

Die Marschierer werden also auf ihrer Wanderung in solche Gemeinden gehen. Am Tag werden die Fakten vor Ort überprüft und am Abend die Bevölkerung aufgeklärt. Dabei wird versucht, die Bevölkerung über ihre Rechte aufzuklären und sie bei der Überwachung der Projekte mit einzuschalten.

Zuvor waren bei einer Erkundungsmission schon zweifelhafte Projektausführungen dingfest gemacht. Eine Landwirtschaftsschule, die als Bauruine herumstand und das Interesse erregte. Hier wollte man wissen , warum das nicht weitergeht und welche Mittel bereits  und wie ausgegeben wurden. Weiter wurden Straßen entdeckt, die zwar auf dem Papier gepflastert waren, aber in der Realität ohne Belag waren. Brunnen, die mit Mitteln des Bundes, gebohrt werden sollten, aber nicht existent sind. Fehlende Beleuchtung in Orten, wo Geld für eine Beleuchtung hin überwiesen wurde. “Je weiter weg von der Hauptstadt, um so mehr wurden die Mittel “umgeleitet””, erklärt ein Aktivist. Ein markantes Beispiel ist auch der Bau von Wasserreservoirs in diesen Trockengebieten. Viele Gemeinden hatten dafür Projektmittel bekommen, aber nur wenige haben tatsächlich die Reservoirs gebaut. Wasser wird mit den “caminhões-pipa” (Lastwagen mit Wassertanks) den Anwohnern angeliefert. In Wahlkampfzeiten zeigen sich die Kandidaten sehr großzügig mit Wasseranlieferungen an die arme Bevölkerung und wer lässt sich ein solches Instrument der Wählerbeeinflussung so einfach aus der Hand schlagen? Die Lokalpolitiker stecken das Geld also in ihre Tasche und aus einer Verbesserung der Wasserversorgung der Landbevölkerung wird wieder einmal nichts. “Wenn der Wasserwagen kommt, sind die Menschen dem verantwortlichen Politiker dafür dankbar. Wenn es Wasser aus dem Reservoir kommt, zahlt er und Schluss. Es gibt nicht diesen Austausch von Gefälligkeiten”, erklärt der Verantwortliche für die wandernde Kontrollgruppe.

In den staubigen Weiten von Piaui ist es auch sehr schwer, eine sachgerechte Durchführung der Projekte zu kontrollieren. Die Marschierenden werden den Regierungsstellen über ihre Erkenntnisse Bericht erstatten, aber sie wollen auch der Bevölkerung die Augen öffnen über die Verschwendung und Korruption mancher Lokalpolitiker. Der Verantwortliche der Marschierenden erklärt das Ziel: “Wir erkären der Bevölkerung pädagogisch wie sie Einblick in die Gemeindefinanzen nehmen können. Wir enthüllen die Geheimnistuerei in diesen Sachen und zeigen, dass es keine Super-Helden gibt. Sie sind Bürger wie die Verantwortlichen und können deshalb so etwas auch machen”.

Informationsquelle:
Piauienses marcham 150 quilômetros contra a corrupção – Brasil Atual

Sonntag, 10. Juli 2011

Rumänische Donaufischer zwischen Resignation und Galgenhumor

Dieses Jahr ist wieder einmal ein schlechtes Jahr für die Donaufischer. Da wo die Donau die Grenze zwischen Bulgarien und Rumänien bildet und in der Nähe der rumänischen Stadt Giurgiu und gegenüberliegend das bulgarische Russe, leben Fischer, die der Zeitung Evenimentul Zilei erzählten, wie das bei ihnen so läuft.

Marin Gheondea, auch bekannt als “Macaroane”, ist 51 Jahre alt und  besitzt ein Boot, mit dem er seit 30 Jahren den Fischen in der Donau nachstellt. Seine Einkünfte aus dem Fischfang sind im Laufe der Jahre erheblich gesunken. Dieses Jahr ist seiner Ansicht nach das schlechteste, das er erlebt hat. Er fängt Brassen, Wels und Karpfen. 3 Kilo Brassen konnte er an diesem Tag fangen. Dafür bekommt er 3 Lei das Kilo (70 Cent). In Bukarest auf dem Markt wird derselbe Fisch für 12 Lei das Kilo verkauft. Er verkauft einen Teil, einen anderen isst er selbst. Er macht sich eine Borş (gesäuerte Fischsuppe) und eine “Plachie” (Brasse mit viel Zwiebel und Pflanzenöl im Ofen gebacken). Macaroane ist ein Nostalgiker. Er trauert den kommunistischen Zeiten des Nicolae Ceausescu nach. Damals hatte er eine Anstellung bei der Fischereigenossenschaft. Den Fang verkauften sie an die LPG. Er bekam ein Basisgehalt, 200 Liter Benzin monatlich und ein Stück Land, auf dem er Mais anbauen konnte. Dann kommt er wieder auf heute zu sprechen. Er hebt eine leere Reuse und meint, dass er, wenn er in den nächsten 2 bis 3 Tage keine Fische fange, er kein Geld mehr für Benzin haben werde. Benzin sei sehr teuer und sein Einkommen gering. Er hat Probleme mit den Augen. Er hat sich mit Regenwasser vom Dach seines Hauses das Gesicht gewaschen. Das ist mit Asbestplatten belegt. Jetzt schmerzen und tränen ihm die Augen.

Clanu’ Bilcu ist 73 Jahre alt. Vor einem halben Jahr hat er die gewerbsmäßige Fischerei aufgegeben. Er lebt in Gostinu, km 479 der Donau, in der Nähe von Giurgiu. Unter Bäumen hat er einen Unterstand, wo er über offenem Feuer seine “ciorba de peşte” (Fischsuppe) macht. Clanu verfügt noch über 4 Zähne und hat 2 Söhne, Augustin und Petre, die er Spiţă und Cotoi nennt. Er fängt immer noch nebenbei seine Fische, denn er meint, dass er die Feuchtigkeit des Flusses braucht, sonst trocknet er aus. Mit seinen 4 Zähnen ist er noch zufrieden, da die Fische ja weich zu essen seien. Er brauche keinen Zahnarzt. Seine Zähne habe er verloren als er in jungen Jahren einen Stier bändigen wollte, den er auf eine Donauinsel bringen sollte. Der hat ihn mit dem Horn erwischt und die Zähne ausgeschlagen. Dabei habe er alle ausgeschlagenen Zähne verschluckt. Er zeigt dem Journalisten eine größere Reuse. Die überwache sein Sohn Cotoiu, der ein "ceauşel" wäre. Unter “ceauşel” dürfen wir verstehen, dass er in der Ceausescu-Zeit geboren wurde.

Der uralte Bilcu rudert noch wie ein Junger. Er ist der älteste Fischer in der Region Giurgiu. Er mag die Motoren nicht, denn dann kann er das Auftauchen der Fische nicht hören. Bis vor 1 bis 2 Jahren hat er noch das Donauwasser getrunken. Das geht jetzt nicht mehr, weil auch er der Meinung ist, dass es zu sehr verschmutzt ist. Er riecht, dass das Wasser nicht mehr in Ordnung ist. In der Nacht hat er 10 Kilo Ukeleien gefangen. Die sind nicht für den Verkauf. Er filetiert, salzt sie und wickelt sie in Tücher ein. Dann legt er sie zwischen Pfirsichblätter in Kisten. Das isst er dann im Winter, wenn kein Fischfang möglich ist. Mit einer Flasche Wein dazu ist das für ihn ein Feinschmeckermahl. Sein größter Fang war ein Stör von 220 kg, den er in den Jahren 1975-76 gefangen hat. Vor vier Jahren hat er noch einen mit 82 kg gefangen. Auf die bulgarischen Nachbarn ist er nicht gut zu sprechen. Die würden eine in Rumänien verbotene Fangmethode benutzen. Damit würden sie die Hechte fangen und für die rumänischen Fischer bliebe nichts davon übrig. Bilcu hat eine Rente in Höhe von 350 Lei (ca. 90 Euro). Davon muss er monatlich 80 Lei für die Bootsmiete und 50 Lei für das Material bezahlen. Er schwärmt von Zeiten vor 15 bis 20 Jahren, wo man den Fisch noch massenweise aus dem Fluss holen konnte. Dabei zieht er eine magere Beute aus dem Fluss und meint, das reiche für eine Fischsuppe. Auf der nächstgelegenen Landstelle bereitet er sie mit Geschick zu. Mit viel Pflaumenschnaps wird sie gegessen und der Reporter wird noch jahrelang von ihrer Qualität schwärmen……

Informationsquelle:
Povestea peştelui istorisită de nea Bilcu, Spiţă şi Macaroane  - EVZ

Donnerstag, 7. Juli 2011

Spanischer Wähler wird zum Verzweiflungstäter

Die Partei mit den besten Wahlaussichten für die Parlamentswahlen in Spanien, die spätestens im nächsten Jahr stattfinden werden, ist die konservative PP (Partido Popular / Volkspartei). Der Regierungspartei PSOE (Partido Socialista Obrero Español / Sozialistische Arbeiterpartei) hat die Wirtschafts- und Finanzkrise schwer auf den Magen geschlagen. Die miserable wirtschaftliche Situation wird ihr angekreidet, obwohl die Grundlage für den Absturz bereits von der Vorgängerregierung, die von der PP gestellt wurde, gelegt wurde. Gelegt insofern als der große spanische Aufschwung überwiegend auf einem Bauboom beruhte. Ganz Spanien wurde mit Bauprojekten zugepflastert bis die damit erzeugte Blase im Gefolge der Finanzkrise mit einem lauten Knall platzte. Die spanische Bauindustrie war ein Meister der Korruptionsbeherrschung. Viele Bauprojekte waren nur möglich, weil Würdenträger der damals regierenden PP kräftig geschmiert wurden. Zusammen mit der Bau- und Immobilienindustrie bildete sie einen Filz zur gegenseitigen Vorteilsnahme.

Die Spanier haben längst begriffen, dass diese Partei korrupt bis auf die Knochen ist und bisher nichts getan hat, um für Aufklärung in den vielen Skandalen zu sorgen. Das CIS (Zentrum für soziologische Forschung) hat die spanischen Bürger und Bürgerinnen zu dem Thema befragt und ein Barometer erstellt. Danach halten die Spanier die PP für die korrupteste Partei des Landes. Auf einer Skala von 10 Punkten liegt die PP mit 6,95 Punkten an der Spitze, gefolgt von der kanarischen Koalition (Coalición Canaria) mit 6,72 und der PSOE mit 6,41.

Den Schluss, den die Spanier daraus ziehen, ist, dass man trotzdem die korrupteste Partei wählt. Die kürzlichen Regional- und Gemeindewahlen haben dies gezeigt. Manch ein politischer Analyst reibt sich die Augen und versucht Gründe für ein solches Verhalten zu finden. Eine Erklärung ist, dass die schlechte Wirtschaftslage einer verbrauchten Regierung viel stärker angekreidet wird als die Korruption der aussichtsreichsten Oppositionspartei. Aber die andere Seite ist, dass die Spanier meinen, mit der Korruption leben zu müssen. Die Mehrheit ist der Meinung, dass die Korruption zur menschlichen Natur gehöre und ein Teil der spanischen Kultur sei. 85,9% glauben, dass es die Korruption gibt, weil die öffentliche Verwaltung sie erlaubt und nicht genügend verfolgt, d.h. die Politiker werden somit von Schuld freigesprochen.

Knapp 80% der Spanier finden es gut, wenn Politiker ehrlich sind, aber 24,8% würden einen effizienten Politiker vorziehen, auch wenn er korrupt wäre. Die Umfrage zeigt auch, dass sich die Spanier der Korruption bewusst sind, denn 85% glauben, dass diese im Land weit verbreitet ist. Größtenteils glauben sie, dass die Gesetze gegen die Korruption zu schwach sind. 44,1% sind für härtere Bestrafung der Korrupten und 25,8% sind dafür, dass der Korruption beschuldigte Kandidaten sich nicht mehr für Wahlen aufstellen lassen dürfen.

Eigentlich kann nur ein tief verzweifeltes Volk sich für das Schlechtere von zwei Übeln entscheiden. Spaniens Zukunft liegt wohl doch auf der Straße, bei der Jugend des M-15 und nicht beim verängstigten Durchschnittswähler, der  es noch einmal mit zwar korrupten, aber vermeintlich effizienteren Politikern versuchen will.

Siehe auch:
Wähler in Madrid belohnen ihre korrupten Politiker
Der Fall "Gürtel" - Spaniens Rechte zittert

Informationsquelle:
El PP, percibido como el partido más implicado en la corrupción – El Pais

Mittwoch, 6. Juli 2011

Brasiliens neue Vision für Straftäter

Der Rechtsanwalt und Rektor der Universität Unorp, Eudes Quintino, berichtet über die Einstellung der Brasilianer zu Straftätern, dass der überwiegende Teil des brasilianischen Volkes es für gut hält, dass Vorbeugehaft verhängt wird und die Täter in den Gefängnissen weggeschlossen werden. Er leitet diese Einstellung aus der Rechtstradition des portugiesischen Königreiches ab, wo jemand, der die Gemeinschaft schädigt, sofort ins Gefängnis geworfen wurde ohne eine Chance, eine Strafe auf Bewährung zu bekommen und frei zu bleiben. So sind die Brasilianer der Ansicht, dass bei Straftaten die sofortige Herstellung der Sicherheit an erster Stelle steht und an zweiter die exemplarische Bestrafung des Täters.

Brasilien gehört zu den Ländern mit den höchsten Kriminalitätsraten der Welt. Brasilianische Gefängnisse sind überfüllt. Ständig kommt es zu Gefängnismeutereien. Die Politiker sind ratlos, man redete zwar häufig über notwendige Reformen im Strafvollzug, aber getan hat sich nicht viel. Nun ist am vergangenen Freitag die neue Strafprozessordnung (Código de Processo Penal) in Kraft getreten, mit der immerhin ein Schritt im Hinblick auf mehr Fortschritt im Strafvollzug gewagt wird. Wichtige Teile, die die Untersuchungshaft, Kaution, vorläufige Freilassung und andere Vorsichtsmaßnahmen betreffen, wurden geändert. Mit der neuen Strafprozessordnung gibt es jetzt die Möglichkeit für geringfügige Straftaten, deren Strafandrohung unter 4 Jahren liegt, eine Bewährungsstrafe auszusprechen, wenn der Straftäter bisher nicht straffällig wurde.

Die brasilianische Gesetzgebung betrachtet den einfachen Diebstahl, das illegale Tragen von Waffen, schuldhafte Tötung im Straßenverkehr ohne Vorsatz, Bandenbildung, ungerechtfertigte Bereicherung, Schädigung öffentlicher Güter, Schmuggel, Freiheitsberaubung, Zeugenbeeinflussung während eines Prozesses, Meineid und ähnliches als geringfügige Straftaten . 

Während vor der Gesetzesänderung in diesen Fällen nur zwei Alternativen zur Wahl standen, nämlich sofortige Einlieferung ins Gefängnis, wenn der Untersuchungsrichter den Täter für ein Sicherheitsrisiko für die Gesellschaft hielt  oder die Freiheit, so können jetzt auch Maßnahmen, die dazwischen liegen verhängt werden und die Inhaftierung muss nur angewandt werden, wenn der Täter Vorstrafen hatte oder Zweifel über seine Identität bestehen.

Die Gesetzesänderung eröffnet die Möglichkeit tausende von Gefangene im Brasilien von einem auf den andern Tag aus den Gefängnissen zu entlassen. Die Entlassungen können unter Auflage der Zahlung einer Kaution oder unter Anbringung einer elektronischen Fußfessel erfolgen. Das wäre dann tatsächlich eine Reform, die ihren Ruf wert wäre, denn in den brasilianischen Gefängnissen befinden sich 183.000 Gefangene, die noch auf ihren Prozess warten. Insgesamt soll es laut Angaben des brasilianischen Justizministerium derzeit in brasilianischen Gefängnissen 496.000 Gefangene geben.

Laut Rechtsanwalt Eudes Quintino wird das Gesetz viele Vorteile für die derzeit in Untersuchungshaft sitzenden Gefangenen bringen. Man schätzt, dass mehr als 80.000 davon jetzt freigelassen werden können. Nach Eudes Quintino bringt das zwar dem brasilianischen Gefängnissystem Entlastung, aber könnte auch ein Freibrief für die Kriminalität sein und die soziale Überwachung in Gefahr bringen.

Es stimmt, einschneidende Reformen haben auch ihre Gefahren, aber vielleicht bringt dieser Weg Brasilien auch ein Stück weiter, denn seine Gefängnisse sind auch eine Brutstätte der Gewalt. Ein als zukünftige Weltmacht angehender Staat kann es sich nicht leisten, Kriminelle nur wegzusperren, er muss auch versuchen, seine straffälligen Bürger durch soziale Wiedereingliederung von neuen Straftaten abzubringen. Vielleicht ist das der beste Weg zur Bekämpfung der Kriminalität.

Siehe auch:
Strafvollzug in Brasilien: Geisteskranker wird im Gefängnis vergessen
Stadt gegen Land, eine blutige Bilanz in Brasilien
Container-Gefangene dürfen nach Hause

Informationsquelle:
Com mudança na lei, prisão para autor de crime leve só ocorrerá em última opção – Brasil Atual
Novas regras de prisão –JusBrasil

Montag, 4. Juli 2011

Abitur-Desaster in Rumänien

Seit Tagen berichten die rumänischen Medien über den Ablauf des “Bac”, das unserem Abitur entspricht. Das Abitur ist in Rumänien zentralisiert, alle Abiturienten schreiben die gleichen Arbeiten, zum gleichen Zeitpunkt und haben denselben Prüfungsstoff. Für das BAC 2011 wurden 2.600 Polizisten eingesetzt, die an den Gymnasien, wo die Prüfungsarbeiten abgelegt wurden, für Ruhe und Ordnung sorgten. Scharfe Maßnahmen gab es zur Verhinderung von Betrügereien, teilweise wurden in den Prüfungsräumen Videokameras eingesetzt.

Jetzt ist alles vorbei und Rumänien guckt fassungslos auf seine Abiturienten. In manchen Kreisen sind 60% der Schüler durchgefallen! Schlimm ist, dass diese Entwicklung seit Jahren nach unten geht. Auch diesmal heißt es wieder: Es war das schlechteste Abitur der Geschichte! In zwei Schulen in Bukarest hat kein einziger Schüler die Abiturprüfungen bestanden. “Der Gipfel der Schande”, titeln die rumänischen Medien, die jetzt eine Rumänien-Karte veröffentlichen, wo große Teile Rumäniens rot gefärbt sind. Das heißt, dass in diesen Regionen weniger als 50% das Abitur geschafft haben.

Was ist der Grund dafür, fragen sich ratlos Eltern, Medien und Politiker. Letztere stehen jetzt als die Hauptschuldigen am Pranger. Rumänien hat seit 1990 vierzehn Erziehungsminister erlebt. Nach Meinung der rumänischen Bevölkerung haben diese weitgehend versagt. Der derzeitige Erziehungsminister, Daniel Funeriu, hatte die schwere Aufgabe jetzt zu dem Desaster Stellung zu nehmen. In einer Presseerklärung sagt er dazu: “Die Prüfungsresultate zeigen uns, dass Rumänien an einer Weggabelung steht. Wir müssen uns jetzt entscheiden, ob wir auf die Seite der Ehrlichen gehen oder uns weiterhin für die Gaunereien und Betrügereien entscheiden. Als Erziehungsminister habe ich mich entschieden, dass ich bei denen bin, die Rumänien ändern wollen, die ein Rumänien mit hocherhobenem Kopf haben wollen und nicht ein Rumänien der Mutlosen.”

Der Hintergrund ist also das landestypische “es auf ungeraden Wegen schaffen”, d.h. abschreiben, betrügen, bestechen? Weil erstmals so scharfe Kontrollen gefasst haben, ist auch gleich der überwiegende Teil durchgefallen?

Der auf rumänische Erziehungs- und Bildungspolitik spezialisierte Journalist der Zeitung “Adevarul”, Eugen Chelemen, erklärt das Desaster wie folgt: “Als Journalist, der sich jahrelang mit dem Bereich der Erziehung befasst hat, habe ich des Öfteren von den massiven Betrügereien in den Gymnasien berichtet.  Ich habe journalistische Beweise gegen diejenigen gehabt. die es zugelassen haben, dass rekordverdächtig abgeschrieben wurde. In diesem Jahr hat das Erziehungsministerium entschieden, dass die Regeln für die Organisation der Prüfungen verschärft wurden und dadurch hat sich die Zahl derjenigen, die die Prüfungen bestanden haben gegenüber dem Vorjahr fast halbiert. Dieses Abitur ist dasjenige mit den schlechtesten Resultaten der Geschichte! Die Generation der Drogenkonsumenten, die Generation “cool”, die Generation der Impertinenz zeigt ihren Wert. Die Zukunft Rumäniens hängt davon ab, dass ein paar erfolglose Versager das Abitur bestehen. Wie sollen diese jene Mediziner, Ingenieure, Wirtschaftsfachleute werden, die wir suchen, damit sie unser Land aus der Armut holen? Es reicht nicht, dass wir von mal zu mal ärmer werden, jetzt werden wir auch von mal zu mal dümmer. Statt dass der junge Erziehungsminister sich jetzt in Wahlkampfparolen verausgabt, sollte er ich einmal fragen, ob es noch jemanden gibt, von dem diese Kinder lernen können. Die guten Lehrer fliehen von den Schulen wie der Teufel vor dem Weihwasser, weil sie im privaten Bereich nach ihrem Wert bezahlt werden. Die Haushaltsmittel für den Lehrkörper sind in den letzten Jahren so drastisch zusammengestrichen worden, dass die Kinder jetzt nur noch von Leuten unterrichtet werden, die das Abitur selbst nicht geschafft haben. Die Investition in Erziehung und Bildung ist eine Investition in die Zukunft. Alle Politiker reden davon, aber bisher waren es alles leere Worte. Leider steht uns wegen der Unterfinanzierung des Erziehungswesens eine düstere Zukunft bevor.”

Informationsquelle:
Bacalaureat 2011: Sinistrul din spatele dezastrului – Adevarul
Webseite Bacalaureat 2011

Samstag, 2. Juli 2011

Das gefährliche Leben einer Mauteintreiberin in São Paulo

Der brasilianische Bundesstaat São Paulo hat eine neue Einnahmequelle. Es sind dies die Mautgebühren für die Autostraßen. In den letzten Jahren wurden immer mehr mautpflichtige Autostraßen eingerichtet.

Gerade auf Gegenliebe stößt die neue Mautpolitik bei den Bewohnern der Megalopolis São Paulo und ihrem Umland nicht. Gegenüber den Geldeintreibern an den Mautstellen flippen die Fahrer der Öfteren aus. Deshalb ist es nicht gerade ein leichter Job, an den Kassen zu sitzen. Die Arbeiterin Tairini Figueiredo ist zum Beispiel an der Mautstelle Barueri, 20 km vom Zentrum São Paulo’s entfernt, beschäftigt. Hier gibt es 90 Mautkabinen. Manche Arbeiterinnen müssen aber auch auf der Straße arbeiten. Tairini’s bevorzugte Beschäftigung ist aber, den Autofahrern, die an den Kabinen Probleme haben und den fließenden Verkehr behindern, zu helfen. Geschickt schlängelt sie sich durch die nicht ungefährlichen Autokolonnen. Aus der Sicht eines Amateurs besteht die Mautstelle aus einem Meer an Asphalt und Beton. Der Krach ist infernalisch. Trotzdem meint sie: “Ich habe mich daran gewöhnt und bin doppelt vorsichtig”. Ihre Kunden sind dann Fahrer, die die falsche Maut-Kasse angefahren haben oder ganz einfach ihre Kreditkarte zu Hause vergessen haben. In einem solchen Fall geht die Sirene an und Tairini tritt in Aktion. Und das muss schnell gehen, sonst gibt es im Nu einen Mega-Stau. Staus in der Länge bis zu 200 km sind in São Paulo keine Seltenheit.

Ab 1. Juli wurden die Maut-Tarife um satte 10% erhöht. Grund genug für viele Autofahrer, ihre Empörung am Personal auszulassen. Tairini und ihre Kolleginnen und Kollegen sind sich bewusst, dass harte Zeiten auf sie zukommen. Fahrer machen sie an mit dem Vorwurf “manche überfallen mit Waffen, manche ohne”. “Ich antworte dann mit Ruhe, ohne gehässig zu werden”, erklärt eine Angestellte und “wir sind vorbereitet, jede Situation zu bewältigen”. Einige Kassiererinnen besuchen sogar Psychologie-Kurse und so geschult meistern sie “Verhalten schlechter Erziehung mit guter Erziehung und höflichem Benehmen”.

Grundsätzlich regen sich die Autofahrer nicht nur über die Tariferhöhung, sondern über die Maut an sich auf. Oft laden sie aber auch nur ihren persönlichen Frust bei den Mautkassierern ab. Kein Wunder, dass das Personal intensiver Pflege bedarf. Mindestens dreimal in der Woche finden Besprechungen statt, bei denen Aggressionen der Kunden und Unfälle mit den Leitern und Leiterinnen besprochen werden. Tairini erzählt zum Beispiel, dass sie einmal fast von einem wütenden Autofahrer überfahren wurde. Der Vorfall habe sie sehr erschüttert, aber sie habe sich wieder gefangen. “Mit dem Publikum umgehen ist nicht jedermanns Sache”, meint sie und fügt hinzu: “Das hier ist ein Mikrokosmos unserer Gesellschaft. Mit unterschiedlichen Menschen umzugehen und nützlich zu sein, gefällt mir.”

Die Kassiererinnen, in der Regel sind es weibliche Beschäftigte, arbeiten 7 Stunden in einer Kabine mit 2 qm. Aine ist eine von Ihnen. Sie berichtet über ihre Kunden und Kundinnen: “Der Hauptteil der Autofahrer sprechen an ihrem Mobiltelefon, wenn sie zur Mautstelle kommen. Ich schätze den Anteil der Ständig-Telefonierer auf 90%. Nur wenn die Polizei mit ihrer Radargeräten präsent ist, reißen sie sich zusammen.Viele Fahrer passen nicht auf. Oft vergessen sie in kürzester Zeit, ob sie bezahlt haben und welches Wechselgeld sie bekommen haben”. Aine hat 12 Sekunden bis 1 Minute, um ein Fahrzeug abzufertigen. Nach ihren Angaben schafft sie ungefähr 390 Autos pro Stunde. Auch Aine hat die Erfahrung, dass man als Mauteintreiberin viel Einfühlungsvermögen haben muss. Manchmal muss sie Fahrer beruhigen, manchmal auch medizinische Notfallhilfe bieten. Manchmal kommen auch Promi’s an ihrem Schalter vorbei: “Wir müssen uns gut erzogen verhalten und alle gleich behandeln, egal, ob der Kunde berühmt ist oder wenn wir sehen, dass seltsames im Wageninnern passiert.” Schlimm findet die angehende Psychologin die Unfälle, die oft von unachtsamen Autofahrern verursacht werden. “Manchmal gibt es nur kleine Auffahrunfälle. Manchmal sind die Fahrer betrunken”, beschreibt sie die Situation.

Erstaunlich, dass Arbeiterinnen wie Tairini und Aine ihre Arbeit bei all dem Lärm und Gestank gut finden. Sie meinen, dass die Arbeit mit unterschiedlichen Menschen interessant ist.

Informationsquelle:
Para cobrar pedágio de motorista irritado, só com bom humor – Brasil Atual