Donnerstag, 24. März 2011

Der Stellvertreter, die Katastrophe und die soziale Wirklichkeit

Der Stellvertreter Christi auf Erden im Vatikan hat eigentlich zu den Katastrophen, die uns in den letzten Wochen bewegen, wenig zu sagen. Am 20. März verkündete er anlässlich des Angelusgebetes ein "Gebet für einen Horizont des Friedens in Libyen", in dem er Libyen mit keinem Wort erwähnt. Zumindest, wenn man sein Sprachrohr, die Online-Ausgabe der Zeitung Osservatore Romano in der deutschen Fassung zu Rate zieht. Auch die Erdbebenkatastrophe in Japan und das sich daran anschliessende Nukleardesaster ist nur für ein paar mystische Worte gut, obwohl damit eigentlich die Schöpfung bedroht wird. Die Themen des Vatikans lauten: "Zum Abschluß der Exerzitien der Römischen Kurie - Die Obelisken Roms (Teil 23) – in der Villa Celimontana - Ein kirchlicher Pionier in den Vereinigten Staaten – zum 250. Geburtstag des hl. Johannes Nepomuk Neumann - Besuch des Papstes im Römischen Priesterseminar - Zur Frühjahrsvollversammlung der deutschen Bischöfe". Es scheint aber auch, dass die Welt von der moralischen Instanz des Papstes wenig erwartet. Mystische Bibelauslegungen, pompöse Messen und Juristerei prägen das Bild des Krichenapparates.

Diejenigen, die sich wirklich um die Probleme der Menschen kümmern, werden dafür verfolgt. Der Erzbischof von Barcelona will jetzt einen Priester exkommunzieren, weil der zwei Mädchen im Alter vom 14 und 15 Jahren geholfen hat, abzutreiben. Es handelt sich um Pater Manel, der in den Arbeitervierteln von Barcelona tätig ist. Er schildert wie er dazu kam, den Mädchen zu helfen: "Ich habe diesen Mädchen nie empfohlen abzutreiben, sondern ich habe ihnen die Möglichkeit eine Adoption aufgezeigt oder einer Hilfe bis sie 18 Jahre alt geworden wären. Sie haben aber ihrer Erzieherin geschworen, dass sie auf jeden abtreiben werden. Im letzten Moment habe ich mich entschieden, ihnen dafür Geld zu geben. Eine Einschaltung des Sozialdienstes wäre viel zu langsam gewesen und die Termine für eine Abtreibung wären überschritten worden. Ich bin nicht für Abtreibung". Die Abtreibung habe er nur bezahlt, weil er schon erlebt habe, wie ein Mädchen nach einer illegalen Abtreibung gestorben sei. Er habe das kleinere Über vorgezogen, um einen größeren Schaden zu vermeiden.

Auch bezüglich der Homosexuellen-Ehe hat er sich mit den Kirchenoberen angelegt: "Das sind Paare, die zuvor standesamtlich geheiratet haben und danach eine religiöse Zeremonie wollten, um Gott für ihre Liebe zu danken. Das ist nach kanonischem Recht nicht illegal. Die Leute haben ein Recht ihr Fest religiös zu feiern unabhängig von der sexuellen Orientierung".

Pater Manel ist sehr beliebt. Für die Bedüftigen hat er immer ein offenes Ohr und hilft ihnen, wo er kann. Für seine Arbeit spenden viele Organisationen und Künstler in Barcelona. Er kümmert sich auch um die Gefangenen in den Gefängnissen. Er befürwortet auch die Priesterweihe für Frauen und hält nichts vom Zölibat. Er lebt mit einer Frau zusammen, erklärt aber keine sexuellen Beziehungen mit ihr zu haben. Er ist der Ansicht: "Ich gehöre genauso zur Kirche wie der Papst. Vielleicht gefällt das den Rechten nicht, abe diese Leute werden mich nicht von meiner Kirche entfernen".

Hinter der Kampagne gegen ihn vermutet er die ultrakatholische Gruppierung "E-Christians" und die Bischofskonferenz in Madrid. Er ist der Ansicht, dass er, wenn er in Toledo seine Wirkungsstätte gehabt hätte, schon längst aus der Kirche geworfen worden wäre. Der Erzbischof von Barcelona lässt es auf Grund der Popularität des Paters langsamer angehen. Es ist jetzt erst einmal ein Untersuchungsverfahren gegen ihn eröffnet worden, um den Fall der bezahlten Abtreibung zu klären. Dabei wird der Pater auch gelobt: "Dieses Untersuchungsverfahren nach kanonischem Recht hindert nicht daran, die soziale Arbeit im Dienste der bedürftigsten Mitglieder unserer Gesellschaft, die der Priester seit Jahren betreibt, anzuerkennen."

Pater Manel scheint ein hoffnungsloser Fall von christilicher Nächstenliebe zu sein. Er ist immer dicht an der sozialen Realität vieler Menschen. Trotzdem ist er dem Kirchenapparat ein Dorn im Auge und vermutlich wird er die Macht der Kirchenjuristen zu spüren bekommen.


Informationsquelle:
La Iglesia inicia la excomunión de un cura que financió dos abortos · ELPAÍS.com

Mittwoch, 23. März 2011

Basescu strapaziert die Nerven von Sarkozy

Die rumänische Außenpolitik gleicht einem Wackelpudding. Oder einer Wetterstation, in der man erst testet, woher der Wind weht. Stein des Anstoßes ist der Konflikt in Libyen, der sich inzwischen zu einem Bürgerkrieg ausgeweitet hat. Präsident Sarkozy hat stramm die militärische Flagge gehisst. Frankreich ist in vorderster Front dabei, die Resolution des Weltsicherheitsrates nach einer Flugverbotszone umgehend und möglichst federführend umzusetzen. Basescu, gebranntes Kind durch den Irak-Krieg, wo man der "Koalition der Willigen" des George Bush aufgesessen war und das "alte" gegen das "neue" Europa ausspielen liess, eiert in diesem Konflikt herum, um zu sehen, wo es am günstigsten ist, mitzumachen.

Sarkozy und Basescu sind so etwas wie Intimfeinde. Basescu meckert gerne an Monsieur "Président" herum und dieser nimmt den rumänischen "Preşedinte" nicht für voll. Hinzu kommt das französische Hintertreiben des Schengenbeitritts Rumäniens zum jetzigen Zeitpunkt, das ebenfalls seine Spuren im Verhältnis der beiden Präsidenten hinterlassen hat. Beim kürzlichen NATO-Gipfel in Brüssel scheint Basescu wieder einmal die Gelegenheit beim Schopfe gepackt zu haben, um Sarkozy vors Schienbein zu treten. Diametral entgegengesetzt zur französischen Politik erklärte er, dass man in Libyen zur Zeit keine Flugverbotszone brauche und die Anerkennung der Rebellenregierung in Bengasi derzeit nicht in Frage käme.

Da nun Sarkozy vermutlich jeden Spruch von Basescu argwöhnisch beäugt, soll er auf Grund dessen Ausführungen zu Libyen eine Nervenkrise bekommen haben. Das behautpten zumindest rumänische Medien. Die Nerven Sarkozy's müssen ziemlich am Boden sein, denn bereits beim EU-Gipfel Mitte März trampelte Basescu auf diesen herum. Bereits zu diesem Zeitpunkt hat er Zweifel an der Glaubwürdigkeit der libyschen Rebellen geäussert, worauf Sarkozy - er hat die Rebellenregierung anerkannt - explodierte. Damals soll sich Angela Merkel dazwischen geworfen haben, um die beiden Streithähne zu beruhigen.

Rumänien schwimmt jetzt auf der deutschen Linie und macht in begrenztem Umfang mit. Zur Mitarbeit bei der Kontrolle des Waffenembargos gegen Libyen wird die Fregatte "Ferdinand" ins Mittelmeer entsandt.

Ob das zur Beruhigung im Elysée beiträgt? Zwei Länder, die durch die Bande der "Francophonie" eigentlich geschwisterlich verbunden sein sollten? Lachender Dritter ist Deutschland, das mit Rumänien zumindest eine gemeinsame Libyen-Politik betreibt. Dabei gerät vielleicht auch in Vergessenheit, dass auch die Bundeskanzlerin den frühzeitigen Schengenbeitritt Rumäniens zusammen mit Sarkozy hintertrieben hat.

Informationsquelle:
Mesajul războiului cu Gaddafi pentru România - Romania Libera
Cum s-a schimbat poziţia României în ceea ce priveşte situaţia din Libia

Montag, 21. März 2011

Sarrazin erklärt den Spaniern die Nazi-Genetik

Unter dem Titel "Der Fremdenhasser, der Deutschland teilt" (El xenófobo que divide a Alemania) bringt die spanische Zeitung "El Pais" ein Interview mit Thilo Sarrazin. Die Journalistin Laura Lucchini stellt Sarrazin dem spanischen Publikum als einen der erfolgreichsten Buchautoren der letzten Zeit in Deutschland vor. Sie fasst seine Ansicht so zusammen: "Er behauptet, dass die muslimischen Einwanderer weniger intelligent sind und sich schlechter integrieren lassen, aber dass sie mehr Kinder bekommen und dies Deutschland zerstören wird. Eine konfliktreiche These im Hinblick auf die Nazi-Vergangenheit des Landes." Sie berichtet auch, dass Sarrazin über "Juden-und Baskengene" im Zusammenhang mit seinem Buch schwadroniert habe, aber dabei auf Empörung bei den politisch Verantwortlichen gestossen sei.

Eine Frage wollte sie von Sarrazin genau beantwortet haben: "Auf der einen Seite zeigen sie auf eine ethnisch-religiöse Gruppe; auf der anderen Seite gibt es ihre Theorien der genetischen Intelligenz. Sollte man mit diesem Thema nicht vorsichtig sein, vor allem im Hinblick auf die Nazi-Vergangenheit Deutschlands?"

Sarrazin: "Das eine hat mit dem andern nichts zu tun. Der bekannte amerikanische Psychologe Martin Seligmann schrieb in seinem Buch "What you can change and what you can't", dass die wichtigen Forschungen der Nazis auf dem Gebiet der Genetik ungerechtfertigterweise diskreditiert wurden, zurückzuführen auf die von den Nazis begangenen Verbrechen. Das bedeutetet, dass die Frage nach der Nazi-Vergangenheit nichts mit der Welt von heute zu tun hat."

Auf die Frage nach den Rassismus-Vorwürfen gegen ihn, lehnt er rundweg ab, ein Rassist zu sein. Er hätte auch gar nichts zur durchschnittlichen Intelligenz bezüglich der Muslime in seinem Buch gesagt.

Die spanische Journalistin konfrontiert ihn auch mit seiner Weltuntergangsstimmung verbreitenden These der Selbstzerstörung Deutschland. Ihrer Ansicht nach merkt man von dieser bevorstehenden Selbstzerstörung in Deutschland gar nichts. Da ist Herr Sarrazin anderer Meinung. Als Vergleich muss die Titanic herhalten, wo auch alles in Ordnung war, die Leute tanzten und sich unterhielten und niemand warnte.

Die Resonanz der spanischen Leser ist beträchtlich. Es gibt immerhin 619 Kommentare zu dem Artikel. Eine kleine Auswahl:

Der Leser "Rex" schreibt: "Die Deutschen sind eines der egoistischsten und kältesten Länder, die ich in meinem Leben gesehen habe. Nach dem 2. Weltkrieg brauchten sie Arbeitskräfte und holten die Türken, um das Land nach vorne zu bringen. Jetzt sagen sie, dass sie sich nicht integrieren würden, obwohl sie ihnen in Wirklichkeit keine guten Arbeitsplätze geben und immer erwarten, dass sie die Dreckarbeit machen und sie als Bürger dritter Klasse betrachten. Ich hoffe, dass das eines Tage auf sie zurückfällt."

"Rosa" schreibt: "Ich lebe in Deutschland und dieser Mann war im letzten Jahr ein Thema als sein Buch erschien. Seit Monaten hört man nichts mehr von ihm oder seinem Buch. Ich weiß nicht, warum El Pais das jetzt veröffentlicht. Da ist doch schon ein bisschen Zeit vergangen, nicht?"

"Antonio" fragt sich: "Scheisse, weg mit dem Buch. Es ist seltsam ..... geschrieben von einem der sich Sarrazin nennt (sarracín, Sarrazener?) nennt. Widersprüche, die den Punkt auf etwas Bedenkliches setzen: Die vielen Anhänger, die er hatte".


Informationsquelle:
El xenófobo que divide a Alemania · ELPAÍS.com

Samstag, 19. März 2011

Rätselhafte Geschehnisse am Rio Madeira

Am Rio Madeira im brasilianischen Bundesstaat Rondonia, nicht weit von der Hauptstaat Porto Velho entfernt, wird ein Wasserkraftwerk gebaut. Das Wasserkraftwerk hat den Namen "Usina Hidrelétrica de Jirau". Der Bau erfolgt durch das Konsortium "ESBR" (Energia Sustentável do Brasil; nachhaltige Energie Brasiliens). Am Konsortium sind beteiligt die Firmen Suez Energy (50.1%), Eletrosul (20%), Chesf (20%) und Camargo Corrêa (9,9%). Das Bauprojekt genießt in den Plänen der brasilianischen Regierung zur Energieversorgung eine hohe Priorität. Zum Teil hat es zu heftigen Kontroversen geführt. Es gab Baustopps, weil Umweltvorgaben nicht eingehalten wurden.

Rondonia liegt weit entfernt von den brasilianischen Zentren und grenzt an Bolivien. So wundert es nicht, wenn Vorkommnisse in dieser Region erst spät die brasilianischen Metropolen erreichen. Einer, der als erste Wind davon bekam, ist der Reporter Rodrigo Stüpp vom Diario Catarinense. Er berichtet:

"Von einigen Umweltjournalisten dazu animiert habe ich mich in den Amazonas-Wald begeben und wurde dort durch Ausschreitungen auf einem der wichtigsten Bauplätze des Landes überrascht. Es handelt sich um den Bau des Wasserkraftwerks Jirau. Was ich hinzufügen muss: Ich war der einzige Journalist im Zentrum dieses Sturmes. Auf den Straßen lagen Steine, die das Passieren von Autos unmöglich machen sollten. Ungefähr 40 Omnibusse und 5 Unterkünfte waren angezündet und verbrannt worden. Es herrschte ein Klima der Spannung, drohende Blicke in das Auto. Arbeiter irrten umher mit Koffern an ihrer Seite. Besorgte Blicke der Verantwortlichen für das Bauwerk. 2 bis 3 km von der Straße entfernt konnte man dicke Rauchwolken sehen, die von der Baustelle kamen. Es gab bewaffnete Personen. Direktorenfahrzeuge wurden mit Steinen beworfen. Auf der Baustelle arbeiten etwa 21.000 Personen. An den Füßen der Staumauer hat sich bereits ein kleines Dorf gebildet Bei Beginn der Nacht wurden dort 2 große Fernsehsäle durch das Feuer zerstört. Die Apotheke wurde geplündert und zerstört. Von einer Angestellten habe ich gehört, dass alles, was sie besass, zerstört wurde. Der neue Kühlschrank, ihre Habseligkeiten. Alles was sie noch hatte war die Kleidung am Körper. Viele Leute schliefen im Wald inmitten von Schlangen, Spinnen und einer Hitze, die in der Nacht noch knapp bei 30° C lag."

Der Bericht stammt vom 16. März. Gestern wurde der Presse von Arbeitern berichtet, dass auf dem linken Ufer des Rio Madeira, wo es nicht soviel Zerstörungen gegeben hat, sich noch etwa 2.000 Arbeiter befinden. Diese 2.000 fühlten sich im Stich gelassen. Das Essen reiche bestenfalls noch für einen Tag. Etwa 50 Mann der Nationalgarde bewachen jetzt das leere Gelände der Baustelle. Viele Arbeiter werden mit Omnibussen nach Porto Velho gebracht, viele haben sich zu Fuß auf den Weg gemacht.

Was ist passiert? Welche Erklärung gibt es für die Vorkommnisse? Nach den Informationen von Wikipedia sind die Ereignisse auf Auseinandersetzungen zwischen den Arbeitgebern und den Arbeitern zurückzuführen. Die Arbeiten verlangen bessere Arbeitsbedingungen, höheren Lohn und mehr Sicherheit am Arbeitsplatz. Überstunden und vereinbarte Zuschläge seien nicht gezahlt worden. Die Arbeiter erklären, dass viele Arbeiter an Malaria sterben würden.

Bolivien hatte bereits mehrfach Bedenken wegen des Bauprojekts, das nur 100 km von der bolivianisch-brasilianischen Grenze entfernt liegt, geäussert. Die Bedenken bezogen sich vor allem darauf, dass der Stausee ein Brutherd für Malaria und Dengue-Fieber werden würde. Diese Befürchtungen wurden 2009 bestätigt als die Zahl der Malariaerkrankungen im Distrikt Porto Velho um 63% gegenüber dem Vorjahr angestiegen waren. Die brasilianischen Gesundheitsbehörden erklärten das aber damit, dass sich die Bevölkerung in der Region verdreifacht habe.

Seltsam: Nach Rodrigo Stüpp behauptet die Gewerkschaft, die bereits 2009 mehrere Streik organisiert hatte, dass es zur Zeit keine Probleme gäbe. Das Baukonsortium behauptet, von keinen Problemen bei den Arbeitsbedingungen zu wissen. Hinter der Hand werden Verbindungen zwischen der Zerstörungsorgie und dem Drogenhandel hergestellt. Der Standort ist knapp 150 km von der Grenzstadt Guajará-Mirim an der Grenze zu Bolivien entfernt. Die Stadt ist ein bekannter Drogenumschlagsplatz für den Drogenschmuggel nach Brasilien. Ebenfalls in der Nähe der Baustelle, ca. 30 Kilometer, befindet sich ein brasilianisches Bundesgefängnis, in dem der Drogenboss Marcinho VP, mehrere Jahre der Herrscher über den Drogenhandel in der Favela Dona Marta in Rio, einsitzt sowie auch Elias Maluco, der den Auftrag zur Tötung des Journalisten Tim Lopes in Rio gegeben haben soll.

Zur Zeit sitzen Tausende der gestrandeten Arbeiter in der Hauptstadt Porto Velho. Die Atmosphäre ist angespannt und die Sicherheitssituation verschlechtert sich von Stunde zu Stunde. Der Konsortialführer bietet zur Zeit jedem Arbeiter 100 R$ (ca. 45 Euro), wenn er bereit ist zu verschwinden.

Ein rätselhafter Krieg am Ende der Welt, bei dem keiner weiß, wer was macht und für was verantwortlich ist?

Informationsquellen:
Diraio Catarinense- Repórter relata motim de trabalhadores nas obras da usina Hidrelétrica de Jirau, em Rondônia | Geral
Wikipedia portugiesisch - Usina Hidrelétrica de Jirau

Freitag, 18. März 2011

Das Ungeheuer vom Loch ist eine nukleare Gefahr

Nach Loch Ewe, an der Norwestküste Schottlands, sollen sich Großbritanniens nuklearbetriebene U-Boote flüchten, wenn sie einen Betriebsunfall haben. Jetzt hat das britische Verteidigungsministerium per Geheimbefehl beschädigten U-Booten verboten, den schottischen Fjord weiterhin anzulaufen. Befürchtet wird, dass die Öffentlichkeit durch entweichende Strahlung geschädigt wird. Der Fjord wird etwa seit 3 Jahren nicht mehr benutzt, weil bei Übungen sich erhebliche Sicherheitsmängel herausgestellt hatten. Trotzdem hatte der britische Verteidigungsminister, nachdem das nuklear betriebene U-Boot HMS Astute im Oktober vor der Insel Skye auf Grund gelaufen war, Loch Ewe als "nutzbaren Schutzhafen" bezeichnet. Abgeordnete werfen ihm jetzt vor, das Parlament belogen zu haben.

Loch Ewe wurde bereits früher zum Stützpunkt für atombetriebene U-Boote bestimmt. Es gibt 2 Anlegestellen, eine davon an einer Boje im Fjord und ein anderer an einem Hafendamm in der Nähe des Dorfes Aultbea, wo sich auch ein Treibstofflager befindet.

In einem kürzlichen Bericht hat Radio Free Europe die britische nuklearbetriebene U-Boot-Flotte als zweitgrößte Nukleargefahr in der Welt bezeichnet. Platz 1 auf der Gefahrenskala bekam ein armenisches Atomkraftwerk. Für Fachleute ist das kein Wunder. Die Atomreaktoren in den britischen U-Booten gelten als "potentiell gefährdet" für nukleare Unfälle, weil ihnen moderne Sicherheitsstandards fehlen. Dies ergibt sich aus einem stark gekürzten, geheimen Bericht des Verteidigungsministeriums. Im Bericht warnen Experten, dass die Reaktoren im Vergleich zu Atomkraftwerken einen niedrigen Sicherheitsstandard haben und gefährliche Strahlenlecks möglich sind. Zudem soll es ein Risiko zu einem "mehrfachen Versagen" geben, wenn es dem U-Boot nicht gelingt aufzutauchen. Trotzdem werden diese Reaktoren auch in der neuen Klasse der Astute-Unterseeboote eingebaut. Man plant sie auch in U-Boote einzubauen, die die alte Flotte der Boote mit den Trident-Atomraketen ab 2028 ersetzen sollen. Die neue Astute-Unterseeboot-Flotte soll 10 Milliarden Pfund kosten. Der Ersatz der Trident, der inzwischen wegen der Sicherheitsbedenken verzögert und dadurch auch verteuert wurde, soll 60 Milliarden kosten.

Im vergangenen Jahr kam die Zeitung “The Daily Telegraph” in Besitz eines Dokumentes, in welchem nachgewiesen wurde, dass U-Boote mit defekten Sicherheitsventilen die Häfen verlassen hätten. Die Ventile haben die Aufgabe in einer Notsituation, für eine Notkühlung des Reaktors zu sorgen. 2009 stiess ein mit Atomwaffen ausgestattetes U-Boot  der Vanguard-Klasse mit einem französischen nuklearbetriebenen, ebenfalls mit Atomwaffen ausgestatteten, U-Boot zusammen. Der Vorfall wurde damals von beiden Regierungen heruntergespielt.

Informationsquelle
Rob Edwards - Revealed: the MoD’s secret safety ban on nuclear submarines
Five Nuclear Disasters Waiting To Happen - RFE

Donnerstag, 17. März 2011

Spanische Universitäten fallen vom Glauben ab

Die Krake katholische Kirche hat die spanische Gesellschaft immer noch sehr gut im Griff. Nicht allein dank des frömmelnden Diktators Franco, der dem Kirchenclan jede Art von Privilegien einräumte, gegen die auch die Demokratie bisher machtlos war. Inzwischen gibt es aber in Spanien eine Bewegung im Volk, der dieses enge Verhältnis zwischen Kirche und Staat ein Dorn im Auge ist.

Einmalig in Europa dürfte sein, dass sich in spanischen Universitäten Kapellen der katholischen Kirche befinden, in denen diese ihre Gottesdienste abhält. Vergangene Woche wurde an der Universidad Complutense von Madrid ein solcher Gottesdienst von einer Gruppe von 50 Personen gestört, die sich teilweise entkleideten und Protestparolen wie "weniger Rosenkränze, mehr chinesische Bälle" riefen. "Chinesische Bälle" sind Sexspielzeuge für Frauen. Empört berichtet das Erzbistum über die Aktion: "Respektlos sind sie in die Kapelle eingedrungen und haben mit einem Megafon Parolen rausgeschrien. Sobald sie drin waren, vesammelten sie sich um den Alter und lasen Texte und Sätze, die nach ihren Angaben, die Texte von christlichen Autoren über die Frauen waren. Zudem haben sie ein Manifest verlesen mit Behauptungen und Urteilen gegen die Kirche und ihre Lehrinstitutionen."

Er bringt aber auch einen schon lange schwelenden Streit über die Einrichtungen der katholischen Kirche in den staatlichen Universitäten wieder in die Schlagzeilen. Mehrfach gab es an den Universitäten zu diesem Thema zu Protestveranstaltungen. Deshalb hat die Aktion in Madrid bei den Konservativen in Madrid zwar für große Empörung gesorgt, aber von vielen Seiten bekommen die Studenten auch Zustimmung. Pablo Laguna, ein Student der Universität Granada, hat die laizistische Gruppe UGR Laica gegründet und ist in Kontakt mit den Universitäten Madrid, Barcelona, Zaragoza und Salamanca, weitere Protestveranstaltungen zu organisieren.  Die Gruppe hat ein Manifest für "eine öffentliche und laizistische Universität" veröffentlicht, in deren 2. Punkt steht: "Kapellen. Es darf keinen Raum für religiöse Veranstaltungen in der Universität geben." Das Manifest haben bereits 1.100 Personen unterschrieben, sowohl Studenten als auch Professoren.

An der größten Universität Spaniens, der "Complutense" in Madrid gibt es auf Grund eines Abkommens mit dem Erbistum Madrid alleine 5 solcher Kapellen. Der Rektor der Universität hatte noch bei seinem Amtsantritt erklärt, dass die Kapellen in den öffentlichen Erziehungseinrichtungen nichts zu suchen hätten. In den 8 Jahren seiner Amstzeit ist aber das Abkommen mit der Kirche nicht aufgehoben worden und dies obwohl zwei Fakultäten formell die Schliessung der Kapellen in ihrem Bereich gefordert hatten.

Der Konflikt wird sich weiter hoch schaukeln. Spanien ist dabei, ein schweres Erbe aus vergangenen Jahrhunderten und der neueren Zeit aufzuarbeiten. Die friedliche Umwandlung einer Diktatur in einen demokratischen Staat hat viele Probleme unter den Teppich gekehrt. Probleme, die man nicht angehen wollte, weil sonst die neue spanische Demokratie auf eine harte Bewährungsprobe gestellt worden wäre. Jetzt ist es aber an der Zeit, auch hier den Ballast der Vergangenheit abzuwerfen. Dazu gehört, dass die Allmacht der katholischen Kirche auf ihre eigenen Angelegenheiten zurückgeschnitten wird.

Siehe auch:
Der Vatikan, die spanische Regierung und die spanischen Bischöfe
Kinderhandel und Missbrauch im Namen Gottes


Informationsquelle:
El conflicto sobre las capillas crea tensión en las universidades · ELPAÍS.com

Dienstag, 15. März 2011

Bis dass der GAU uns scheidet

Die Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe in Japan, die sich immer mehr auch zu einer Nuklearkatastrophe ausweitet, hat eine weltweite Beschwichtungswelle der Kernkraftwerksbetreiber ausgelöst. Überall hört man, wie sicher die eigenen Atomkraftwerke seien, wie man überall vorgesorgt habe und auch ein Beben der Erde genauestens auf seinen Meiler abgestimmt habe, so dass nichts passieren könne. Wenn sich die Natur nun an die Berechnungen unserer Technik-Koryphäen nicht hält, so wie es in Japan passiert ist, dann war das halt Pech. Oder höhere Gewalt oder sonstwas, aber auf keinen Fall Schuld der Verantwortlichen.

Ein ähnliches Beruhigungsszenario versucht zur Zeit der Kernkraftwerksbetreiber Nuclearelectrica im rumänischen Cernavoda aufzuziehen. Er beruhigt die rumänische Bevölkerung derzeit mit der Mitteilung, dass Cernavoda so geplant wurde, dass es einem Erdbeben der Größe von 8 Grad auf der Richter-Skala stand halten könne. In Rumänien gäbe es Erdbeben von höchstens 7 bis 7,5 Grad. Die Sicherheitssysteme, die in Cernavoda installiert seien, beständen aus zwei Spezialsystemen, die unabhängig voneinander arbeiten könnten.

Nuclearelectrica zieht daraus den Schluss, dass der geplante Bau der Blöcke 3 und 4 deshalb ohne Gewissensbisse weitergeführt werden könne.

Das südliche Rumänien ist hochgradig erdbebengefährdet. Das Karpatenknie im Südosten, der Vrancea-Graben, ist ein ständiger Unruheherd. Von ihm ging das zerstörerisches Erdbeben von 1977 aus, das Teile Bukarests zerstörte und 1.500 Menschen das Leben kostete. Das Beben hatte eine Stärke von 7,2 auf der Richterskala und ist damit eines der stärksten aufgetretenen Erdbeben Europas. Cernavoda liegt in Luftlinie nicht viel weiter als Bukarest vom Vrancea-Graben entfernt. Im September 2010 alarmierte ein Bericht des ukrainischen geophysikalischen Institutes in Kiew die rumänische Öffentlichkeit, das davon ausging, dass in allernächster Zeit ein Erdbeben der Stärke 9 auf der Richterskala vom Vrancea-Graben ausgehen werde mit verheerenden Folgen auch für die Ukraine und Russland. Die rumänischen Erdbebenspezialisten bestreiten diese Gefahr. Sie verweisen darauf, dass die Erde sich im Vrancea-Graben jeden Tag bewege. Hochgradig besorgt werden die Fachleute, wenn plötzlich Ruhe herrscht. Dann baue sich eine Spannung auf, die über kurz oder lang sich in einem schweren Erdbeben auflöse.

Die ukrainischen Experten hatten zum Zeitpunkt ihrer Prognose noch keine Ahnung, was ein halbes Jahr später in Japan passieren sollte. Wenn es auch unwahrscheinlich ist, dass ein Erdbeben der Stärke 8 auf der Richterskala sich ereignen wird, so ist es doch nicht unmöglich. Was, wenn wie in Japan 2 Ereignisse zusammenkommen. Z.b. ein Jahrhunderthochwasser an der Donau, an der das AKW liegt, und ein Jahrhundertbeben? Zudem kommt hinzu, dass die Erdbeben der Vrancea-Zone sich nicht immer so kalkulierbar verhalten. "Die mitteltiefen Beben in dieser eng umgrenzten Region sind die Ursache für die mitunter katastrophalen Erdbebenschäden in Bukarest", beschreibt Wikipedia das Problem.

Warum wird also eine hochgradig gefährliche Risikotechnologie nicht auf die letzte Möglichkeit der Gefährdung ausgelegt? Die Antwort ist wohl einfach: Das kostet Geld. Also werden die Augen zugemacht und darauf gehofft, dass schon nichts passieren wird. Und die Politiker und Volksvertreter spielen mit.

Siehe auch:
Drittes rumänisches AKW soll nach Transsilvanien

Informationsquelle:
Centrala de la Cernavodă rezistă la cutremurele care se pot produce în România - Mediafax

Montag, 14. März 2011

Südamerikanischer Tigerstaat kämpft mit Durchfall

Brasilien ist der Tigerstaat Südamerikas. Nicht zuletzt dank der Ölfunde vor seiner Küste. Wenn es wirklich klappt mit der Ölförderung, dann kommt eine Menge Geld in die brasilianischen Staatskasten. Vielleicht könnte man dann ein Drittwelt-Problem angehen, das für die aufsteigende Wirtschaftsnation Brasilien äusserst peinlich ist.

Édison Carlos, der Präsident des Institutes "Trata Brasil", bescheibt in der Zeitung "O Estado de S.Paul" das Problem mit der Schlagzeile "Unsere alltägliche schweigende Umweltkatastrophe". Anstoss für diesen Titel ist eine Meldung aus Paraiba, einem Bundesstaat im Nordosten Brasiliens, aus dem berichtet wird, dass 17% der Haushalte von Paraiba keine Toilette haben, um ihre "Bedürfnisse erledigen" zu können. Ungefähr 180.000 Bewohner dieses Bundesstaates erledigen ihr "Geschäft" unter freiem Himmel. Edison Carlos meint, dass, obwohl dieses Situation grotesk sei, es die alltägliche Realität für 13 Millionen Brasilianer wäre.

Er fährt fort: "Wir erleben ein alltägliches, schweigendes Umweltdesaster. Weniger als 44 % der Bevölkerung ist an ein Abwassernetz angeschlossen und weniger als 30% der Abwässer aus der Kanalisation wird nach Angaben des Städtebauministeriums behandelt. Es sind Milliarden von Litern ungeklärter Abwasser, die jeden Tag in die Natur, unsere Flüsse, Seen, Buchten und das Meer abgelassen werden. Ein permanenter Herd für die Übertragung von Krankheiten. Erhebungen zeigen, dass 50% der Durchfallerkrankungen auf die unzureichende Klärung der Abwasser zurückzuführen sind. Das schlimmste ist, dass die Hauptopfer Kinder bis zu einem Alter von 5 Jahren sind. Im Jahr 2008 wurden 67.300 Kinder dieser Altersklasse wegen einer Durchfallerkrankung in das Krankenhaus eingeliefert. Das entspricht einem Anteil von 61% der Patienten mit diesen Erkrankungen."

Betroffen sind nicht nur die Armen. Im Januar gab es in der Strandregion von São Paulo 8.700 Fälle von Durchfallerkrankungen. Das Abwassernetz war wegen starker Regenfälle überschwemmt worden und das verschmutzte Wasser brachte über den Strand allen Teilen der Bevölkerung die Umweltverschmutzung in Form von Infektionen zurück.

Im Human Development Index (HDI) der Vereinten Nationen belegt Brasilien nur den 73. Platz unter 169 Ländern. Im HDI aufsteigen kann man nur, wenn ein Land Fortschritte im Bereich Gesundheit, Erziehung und Einkommen erzielt. Eine unzureichende Abwasserklärung beeinflusst diese 3 Faktoren und Edison Carlos ist der Ansicht, dass Brasilien deswegen noch weit davon entfernt ist, in die Spitzenklasse des HDI zu kommen. Und er weist noch einmal auf den Ernst der Lage hin: "Das ungeklärte Verbringen der Abwasser in die Natur ist ein Attentat gegen den Bürger, das 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr passiert. Die Abwasser stellen heute die größte Wasserverschmutzung für die Gewässer des Landes dar, vor allem in den großen Stadtregionen. Wir sind nicht in der Lage von "nachhaltigen" Städten zu sprechen, solange unser Wasser Opfer einer fehlenden Abwasserklärung ist. Der Zustand spiegelt den Zustand der politischen Prioritäten wieder, die  die Regierung in den letzten Jahrzehnten hatte."

Und Edison Carlos endet mit dem Aufruf: "Es hängt von uns ab, dass wir energisch eine Lösung für diese Situation fordern. Ich mache hiermit auch einen Aufruf an alle Umweltorganisationen und die Verantwortlichen für die Gesundheit in ganz Brasilien, damit sie dringend diese nationale Tragödie auf die Tagesordnung bringen. Unabhängig von den Themen,  die unsere Zukunft betreffen, vergiften uns die Abwässer heute, heute verschmutzen sie unser Wasser und machen unsere Kinder krank."

Siehe auch:
Brasilien Schlusslicht beim Leben im Dreck

Informationsquelle:
Nossa tragédia ambiental silenciosa de todos os dias - opiniao - Estadao.com.br

Sonntag, 13. März 2011

Fukushima zeigt der Atomindustrie ihr fehlendes Verantwortungsgefühl

Die Erdbebenkatastrophe in Japan und die noch nicht absehenden Folgen einer möglichen Nuklearkatastrophe hat die Welt erschüttert. Wieder einmal sind die Beschwichtigungsparolen der Atomenergie-Lobby innerhalb kürzester Zeit als "Parolen" entlarvt worden. War die Unfallhäufigkeit in früheren Zeiten noch mit  Sprüchen der Atomstatistiker wie "ein GAU passiert nur in ein paar millionen Jahren" zur Fast-Unmöglichkeit degradiert worden, so zeigen die Geschehnisse innerhalb kurzer Zeit, dass die Wissenschaftler, die sich damit beschäftigt haben, entweder zu dumm oder gekauft waren. Der Preis des Nachdenkens wird immer höher werden. Erneut soll wieder geprüft werden. Es wäre aber schön, wenn jetzt endlich einmal die Verantwortung übernommen wird, die die Befürwortung der Atomenergie erforderlich macht.

Was meint man anderswo, angesichts dieser sich abzeichnenenden Katastrophe. Spanien steht auf Druck der Atomindustrie ebenfalls vor einer positiven Entscheidung zur Laufzeitverlängerung der alten Atommeiler. Ein Kommentator der Zeitung El Pais schreiben heute: "Die (japanischen) Behörden versichern auf jeden Fall, dass es unwahrscheinlich ist, dass die Explosion den Reaktor zerstört habe und dass es eine Tragödie wie in Terschnobyl geben werden. Aber "unwahrscheinlich" ist ein Adjektiv, das eher dazu gedacht ist, die öffentliche Meinung zu beruhigen, und doch hat man den Nuklearalarm ausgelöst. Die Katastrophe hat sich auf jeden Fall bereits in ein mächtiges Argument für diejenigen, die sich dieser Art von Energie entgegensetzen, verwandelt. Und das ist wichtig für Spanien, wo man deren Zukunft diskutiert."

Rumänien, dem in nächster Zeit auch wieder einmal ein starkes Erdbeben droht, weiß was die Katastrophe in Japan bedeutet. Der Kommentator der Zeitung Adevarul ist aus diesem Grund völlig außer sich, wenn er fragt: "Können sie sich vorstellen, was passiert wäre, wenn dieselbe Katastrophe Rumänien getroffen hätte? Wieviele Gebäude würden hier einem Erbeben von 9 Grad stand halten. Können sie sich Politiker vorstellen, die sich die Hände halten, Bürgermeister, die mit ihrem Auto durch die Stadt fahren und den Leuten zeigen, unter welche Unterstand sie gehen können? Eine Bevölkerung und Behörden, die übermenschliches tun, um zuerst einmal Leben zu retten und anschließend nicht ruhen bis der letzte Ziegel wieder auf dem andern liegt? Wir sollten uns vorstellen, wie Rumänien nach so etwas aussieht. Heute schließen wir Krankenhäuser und bringen unsere Ärzte dazu, ins Ausland zu gehen. Die Rechnung dafür wird früher oder später kommen und viel schmerzhafter sein." Also wenig Vertrauen zur Beherrschung einer solchen Katastrophe weder in die eigenen Politiker noch in die eigene Bevölkerung. Im übrigen wird in den Medien bereits Panik geschürt: Für die Tage vom 19. bis 24. März wird für Bukarest ein Erdbeben mittlerer Stärke, 5,35 Grad auf der Richterskala, vorhergesagt. Ganz vergessen werden Rumäniens AKW im Donauknie von Cernavoda. Bei der landesüblichen Schlamperei müssten einem eigentlich vor Angst alle Haare zu Berge stehen, wenn man an dieses AKW (2 Blöcke, ein 3. im Bau) denkt, die in Luftlinie bestenfalls 100 km von dem unruhigen Vrancea-Graben entfernt liegen. Der Vrancea-Graben ist der Hauptverursacher schwerer Erdbeben in Rumänien. Cernavoda liegt an der Donau und nicht weit vom Biosphärenreservat Donaudelta entfernt. Haben wir noch soviel zu verschenken auf dieser Erde??

In Frankreich, wo man anlässlich Tschernobyl von Regierungsseite über die Folgen gelogen hat bis sich die Balken bogen, herrscht diesselbe Abwiegelungstaktik wie eh und jeh. Regierungsamtlich beruhigt man seine Bürger damit, daß der nukleare Fall-out von Fukushima weder das französische Festland noch die Überseegebiete erreichen werde. Zum Vergleich: Beim Tschernobyl-Unfall machten die radioaktiven Wolken nach Aussagen der Regierung an der französischen Grenze halt. Also: Noch keine Ahnung haben wie die Havarien in Fukushima ausgehen, aber bereits hundertprozentig wissen, dass zumindest Frankreich nichts abbekommt. Jetzt lässt sich die Regierung in einer heute veröffentlichten Mitteilung zu folgender Aussage hinreissen: "Frankreich, seit Jahren an der Entwicklung der Nuklearenergie beteiligt, hat den höchsten Sicherheitsanforderungen in der Konstruktion und dem Betrieb der Anlagen Vorrang eingeräumt. Die Regierung wird deshalb aufmerksam die nützlichen Erkenntnisse aus den japanischen Ereignissen ziehen im Bezug auf das eigene Nuklearsystem". An der deutschen Grenze steht der Uralt-Reaktor Fessenheim, der jetzt generalüberholt werden soll und dann soll er vermutlich laufen bis die letzte Röhre korrodiert ist. Die elsässische Journal d'Alsace schreibt: "Das Verwaltungsgericht Straßburg hat vergangenen Mittwoch die Klagen auf Schliessung von Fessenheim wegen Überalterung und Gefährlichkeit verworfen. Hätte das Gericht genauso entschieden, wenn das Urteil nach dem Unfall von Fukushima hätte gefällt werden müssen? Andere Frage: Hätte Fessenheim einem Erdbeben der Stärke 8,9 standgehalten? Fessenheim wurde 1977 in Betrieb genommen. Nach dem, was (der Betreiber) EDF sagt, befindet es sich weit entfernt von den heutigen Normen im Schutz gegen Erdbeben. Fukushima verlangt einer Überprüfung der AKW und ihres Schutzes gegen Erdbeben. Sofort!" EDF hat bereits mehrfach bewiesen, dass ihr jede Vertuschung und Täuschung der Bevölkerung recht ist, um die bisher von Frankreich betriebene Politik der Priorität der Nuklearernergie nicht in Gefahr zu bringen. Inzwischen spricht sich auch in weiten Kreisen der Bevölkerung herum, dass es hierbei um Leute handelt, die einen sehr niedrigen Verantwortungshorizont haben. Deswegen bekommt die Anti-Atomkraftbewegung durch Fukushima neue Fahrt.

Auch in der Schweiz, wo die Bevölkerung von der Atomlobby mit der drohenden Stromlücke terrorisiert wird, kommt angesichts des Desasters in Japan Bewegung in die bisherige Atompolitik. Betroffen sind nicht nur die Schweizer, da man das Risiko auch an die Grenze verlagert hat. Das AKW Leibstadt am Rhein würde bei einem ähnlichen Unfall die 2-3 km entfernt liegende deutsche Kreishauptstadt Waldshut-Tiengen unbewohnbar machen. Wer kann das verantworten? Das AKW in Leibstadt liegt keine 60 Kilometer vom Epizentrum des stärksten Erdbebens entfernt, das sich in historischen Zeiten nördlich der Alpen in Basel ereignet hat. Die Debatte ist hier eröffnet, aber die Naivität mancher Schweizer dank Gehirnwäsche durch die Atomindustrie entwaffnend. Der Tagesanzeiger zitiert eine Leserin mit folgenden Worten: "Ich bin AKW-Befürworterin und werde es bleiben. Wie leben in der Schweiz und nicht in einem erdbebengefährdeten Land."


Más que un tsunami · ELPAÍS.com
Cum ar arăta România după o „apocalipsă japoneză”? - Adevarul
EXCLUSIV. Efectele seismului din Japonia în România: la sfârşitul lunii ne aşteaptă un cutremur- Romania Libera
De Fukushima à Fessenheim - Journal d'Alsace
AKW Leibstadt-Verwaltungsrat Rolf Büttiker stellt neue Schweizer AKW in Frage - Aargauer Zeitung

Mittwoch, 9. März 2011

Schöne Aussichten in Spanien: Chaos in den Osterferien

Der Frühling naht und Spanien wird wieder zum beliebten Ziel inländischer und ausländischer Touristen. Insbesondere während der Karwoche herrscht erhebliches Gedränge auf dem Land- und Luftwege. Eine günstige Gelegenheit, um den Arbeitgebern und der Regierung einzuheizen. Dieser Ansicht sind zumindest die Gewerkschaften.

Die Beschäftigten der Flughafengesellschaft (AENA) haben sich deshalb zu einem Streik in der Karwoche entschlossen. Kenner befürchten ein Chaos und werfen den Gewerkschaften vor, dass sie sich einen Moment ausgesucht hätten, an dem der spanischen Wirtschaft der größtmögliche Schaden zugefügt werde könne. Es sei eine Unverantwortlichkeit gegenüber allen Bürgern. Der Kommentator der Zeitung "La Vanguardia" ist der Meinung, dass die spanische Gesellschaft keine Erpressungen mehr tolerieren sollte und schon gar nicht in Zeiten einer so schweren Wirtschaftskrise wie der aktuellen. Der Erlass eines Streikgesetzes wird gefordert.

Warum streiken die Gewerkschaften? Ende Februar begann die Privatisierung der staatlichen Gesellschaft für die spanischen Flughäfen und Luftnavigation (AENA). Die Beschäftigten erhielten Arbeitsverträge mit den privatisierten Gesellschaften. Seither kam es zu Protesten und Arbeitsniederlegungen gegen Arbeitsplatzverluste und Änderung der bisherigen arbeitsvertraglichen Regelungen. Die Beschäftigten verloren ihre Stellung als öffentliche Beschäftigte.

In den vergangenen Monaten gab es bereits einmal einen sehr weitreichenden Streik durch die Fluglotsen, den die Regierung mit Ausrufung des Notstandes und Einsatz militärischer Fluglotsen beendete.

Die spanischen Flughäfen befinden sich in einer großen Krise. Und es gibt nach Ansicht von Fachleuten keine Wahl zu einer Privatisierung, da der Staat nicht mehr in der Lage sei, Schulden und Defizite zu übernehmen. Mit dem Streik werde nur weiteres Geld verloren gehen und man könne die Privatisierung auch auf diesem Weg nicht aufhalten.

Die Stimmung im Lande spricht nicht für die Streikenden. Die Karwoche und  Ostern sind eine Zeit, in der die Spanier einen inneren Zwang verspüren, alle auf einen Schlag zu verreisen. Im Vordergrund stehen oft Verwandtenbesuche. Und wenn man ihnen dieses Vergnügen vermiest, dann sind sie sehr schlecht gelaunt. Neben den wirtschaftlichen Folgen wird der Streik zu diesem Zeitpunkt somit auch Depressionen in der Gesellschaft verursachen.

Siehe auch:
Leidende spanische Fluglotsen

Informationsquelle:
La Vanguardia- Chantaje en los aeropuertos
La Semana - Los trabajadores de AENA convocan una huelga nacional el Jueves Santo


Montag, 7. März 2011

Ion Ţiriac zeigt den Rumänen, wo es lang geht

Ion Ţiriac ist wohl einer der bekanntesten Rumänen im europäischen Westen.  Ehemaliger Tennisspieler von Weltruf und jetzt Geschäftsmann und Bankier (UniCredit Tiriac Bank)  mit einigem Erfolg in Rumänien, hat er im Gespräch mit der Zeitung "Adevarul" seine Ansichten über den Stand der rumänischen Nation bekannt gemacht. Vorab: Es gefällt ihm in Rumänien, auch wenn die Zeiten schwer sind. Er bemängelt aber, dass in Rumänien in den letzten 20 Jahren nichts für die Infrastruktur getan worden sei und dass es ein Fehler gewesen sei, sich nur nach Westen zu orientieren.

Seine Meinung in Kurzfassung:

Ab 2012 wird es uns besser gehen. Wir haben genügend Spielraum zur Wirtschaftserholung. Wenn es in Europa einen Aufschwung gibt, werden wir als aufstrebender Markt einen grösseren Teil vom Kuchen abbekommen. Die Banken sind im Moment wie erstarrt. Keiner traut dem andern, jeder sucht seinen Rettungsring. Deshalb konnten wir bisher auch nicht auf Kredite rechnen, mit den man die Maschine wieder in Gang setzen könnte. Das heißt man muss auf eigene Kappe investieren. Der Staatsbürger, der ein Geschäft betreibt, bezahlt tausende von Menschen und sorgt dafür, dass diese nicht arbeitslos werden und die Regierung dafür aufkommen muss. Das Problem sind die Rentner, die Staatsbediensteten, aber das beschäftigt mich nicht so. Was mich beschäftigt ist, dass man tausende von Möglichkeiten schafft, um Menschen Arbeit zu geben. Wenn es diese Möglichkeit nicht gibt, stehen die Menschen mit gekreuzten Armen da und man muss Milliardenkredite aufnehmen, damit sie ihren Lohn bekommen. Auf diese Art und Weise würden wir bald erledigt sein.

Der Bestechungsskandal beim Zoll wundert mich nicht: Das ist doch nur ein Strohfeuer. Wir wissen doch schon seit 60 Jahren, dass das, was beim Zoll und der Polizei passiert für die Mülltonne ist. Die Presse soll keinen Schaufensterjournalimus betreiben, sondern jeder von uns ist verpflichtet das Recht zu verlangen, das ihm zusteht und bei den Behörden auf der Einhaltung der Gesetze, die in Rumänien sehr gut sind, bestehen.

Die Regierung und die Opposition müssen sich angesichts der schweren Zeiten einmal an einen Tisch setzen. Staatspräsident Basescu soll alle einmal bei Wasser und Brot in ein Zimmer einschließen und wenn sich dann herauskommen wird der Herr PSD ein Narbe im Gesicht haben, der Herr Liberal zwei Zähne weniger und Herr PDL eine Hand weniger, aber sie werden mit einem Marshall-Plan herauskommen.

In 20 Jahren kann man keine politische Klasse wie in England, Frankreich oder Deutschland schaffen. Wie man im Fußball auch den Trainer machen lässt, soll man Politiker ihre Aufgaben erledigen lassen. Und das auch dann, wenn drastische und unpopuläre Maßnahmen erforderlich sind. Das, was mal angefangen worden ist, soll man auch ausführen.

Egal, ob ich Ministerpräsident oder Papst bin, alleine kann ich nichts ausrichten. Um es zu übertreiben: Falls ich den Ministerpräsidenten-Posten akzeptieren würde, würde ich morgen 5 Deutsche, 3 Franzosen, 2 Italiener und ich weiss nicht wieviel Engländer haben, eine Mannschaft aus 20 Menschen, die nur aus unsern Geldbeutel bezahlt würden. Was würde das Land sagen? Du hast das Land verkauft!".

Es gibt bei uns eine Sache, die man als Markt für Einflussnahme bezeichnet, aber in der überigen Welt "lobbying" nennt. Es gibt bei uns eine Sache, die man bei uns internationale Beziehungen nennt, aber bei andern sind es normale Reisen. Man darf keine Beziehungen mit seinem Gesprächs- oder Geschäftspartner haben.

Habe ich die Märkte im Osten vergessen? Ist China verschwunden? Ist Russland verschwunden? Sind die andern Republiken, mit denen wir historische Verbindungen hatten, verschwunden?"

Mein ganzes Leben war ich Ion und bin es geblieben. Mir gefällt Rumänien, auch wenn wir im Moment schwere Zeiten haben, aber ich glaube, dass Rumänien einen enormen Raum für Fortschritte hat und früher oder später ein Ministeterpräsident gewählt wird, der mit der Faust auf den Tisch haut und es erreicht, dass in Rumänien viel mehr passiert als dies bisher der Fall war.

Siehe auch:
Alter Mann analysiert die rumänische Politik

Informationsquelle:
Adevarul - Ion Ţiriac: „Mie România îmi place“

Sonntag, 6. März 2011

Kinderhandel und Missbrauch im Namen Gottes

"Mit dem Geld, das du uns gekostet hast, hätten wir auch einen Stall voll Schweine kaufen können!" Das war eine Beschimpfung, die Liberia Hernández während vieler Jahre von ihrer Mutter zu hören bekam. Irgendwann einmal hatte sie den Mut, bei ihre Mutter nachzuhacken: "Ich fragte sie, warum sie mich eigentlich adoptiert hätten, wenn sie mich nur so schlecht behandelten. Darauf erklärte sie, dass sie ihre Cousine, Schwester Maria, gebeten hatten irgendjemand zu suchen, der sie einmal pflegen könnte, wenn sie älter seien. Und den, den sie gefunden hatten, war ich". Liberia fühlte sich nie als Kind dieser Leute und diese behandelten sie auch nicht als ihr Kind. "Das war der Kaufvertrag", erklärt sie ironisch als sie den Adoptionsvertrag zeigt. Einer, der die Urkunde zeichnete, war Bernardo Acuña Dorta, ein hochdekorierter Faschist, der am Militärputsch von 1936 teilgenommen hatte und in Teneriffa Leiter der Kinderkrippe war. Liberia war in dieser Kinderkrippe und wurde mit 8 Jahren an Adoptiveltern in Alicante weitergegeben. Die Unterschrift der biologischen Mutter war in den Adoptionsunterlagen nicht vorhanden. Sie hätte auch nicht die Zustimmung zur Adoption gegeben. Noch Monate danach erschien sie in der Kinderkrippe und fragte nach ihrem Kind bis man ihr sagte, es würde sich jetzt "an einem besseren Ort" befinden. Danach wurde ihr das Betreten des Kinderhauses verboten. Geführt wurde das Kinderhaus von den "Schwestern der Mildtätigkeit" (Hermanas de la Caridad), einer katholischen Schwesternorganisation. Die Mutter musste ihre Tochter in das Kinderhaus abgeben, weil sie als Witwe erneut heiratete als sie noch schwanger war vom verstorbenen Mann. Der neue Ehemann wollte kein Kind im Haus haben, das nicht von ihm war.

Liberia erzählt von dem Kinderhaus: "Wir wurden von den Nonnen ständig terrorisiert. Es gab Kinder, die sich gegen die Wand schlugen wie es die Geisteskranken tun. Alles war ein nicht endender Alptraum. Wenn man ins Bett machte, wurde einem die Unterhose über den Kopf gezogen und man musste mit einem Schild durch die Gänge gehen, auf dem stand: "Ich habe ins Bett uriniert." Man wurde von den andern Kinder dann ausgelacht. Um uns zu bestrafen, sperrten sie uns auch in den Hühner- oder Kaninchenstall, sie sammelten Kot und klebten uns diesen mit Heftpflaster auf den Mund. Schwester Milagros hatte immer auf der einen Seite den Rosenkranz und auf der andern Seite die Schere, mit der sie die Heftpflaster zurechtschnitt. So liessen dich stehen bis sie sich wieder einmal deiner erinnerten und sagten, dass du dich waschen kannst..."

Sie erinnert sich, dass einige Kinder manchmal weiß angezogen wurde. "Dann wussten wir, dass der Tag der "Ausstellung" da war. Sie brachten uns ins Büro von Schwester Juana etwa 4 oder 6 Mädchen und stellten uns in Reihe auf. Es kamen dann Ehepaare, die unsere Zähne begutachteten und die Haut. Sie hoben dir den Rock, um nachzusehen, ob du krumme Beine hast. Es war wie wenn sie Pferde kaufen würden. Einige Tage später verschwand meistens eines der Kinder, meistens das Jüngste. Ich wurde nie ausgewählt. Durch Vermittlung einer Nonne wurde ich an deren Onkel in Alicante weitergegeben, der die Schwester um Vermittlung eines Kindes gebeten hatte. Die Nonne arbeitete damals bei einem Psychiater in Tenerifa. Sie brachten mich dorthin und sagten mir, dass ich jetzt nicht mehr Liberia Hernández Rodríguez sondern María Nácher Guerola heissen würde. Sie schlug mich solange auf den Kopf bis ich klar hatte, was mein neuer Name war."

Ein Kinderschicksal, bei dem sich buchtsäblich die Haare sträuben. Dabei hatte diese Art Kinderraub in Spanien lange Zeit Hochkonjunktur. Die Zeitung "El Pais", die jetzt dazu eine Reportageserie veröffentlichen wird, schreibt, dass während Jahrzehnte in Spanien tausende von Kindern ihren Eltern entzogen oder widerrechtlich von ihnen getrennt wurden. Die spanische Justiz ist jetzt gefordert. Sie wird in nächster Zeit versuchen, zumindest die gravierendsten Fällen aufzuklären. Bei diesen, etwa 750 Fällen, handelt es sich um Kinder, die nach der Geburt von Ärzten gegenüber den Eltern für tot erklärt worden waren, aber tatsächlich an Adoptiveltern verkauft wurden. Innerhalb von 20 bis 50 Jahren gab es in Spanien einen richtigen Kinderhandel. Es wird ein schwieriges Problem für die Polizei, diese Fälle beweisfest aufzuarbeiten.

Die Geschichte der "angeeigneten Kinder" schreibt der Blog "Niños desterrados en España" (Verstoßene Kinder in Spanien) hat seine Wurzeln in der Diktatur Franco's. Zu Beginn hatte der Raub ideologische Gründe - sie raubten die Kinder von politischen Gefangenen und republikanischen Frauen, um diese konservativen Familien zu geben - dann entwickelte sich aber eine Mafia, die nur aus wirtschaftlichen Motiven handelte und noch lange nach dem Ende der Diktatur agierte. Diese Mafia bestand aus Priestern, Nonnen, Ärzten und Beamten. Sie haben die Kinder Müttern gestohlen, die in der Regel mittellos waren. Es waren ledige, wehrlose Jugendliche, die resignierten als man ihnen sagte, dass das Kind tot geboren wurde.


Informationsquelle:
La policía investiga en el túnel del tiempo · ELPAÍS.com
"Venían matrimonios y nos miraban los dientes, las piernas.... como si compraran caballos"- El Pais

Freitag, 4. März 2011

Mais Amor, Menos Motor! - Brasilianer gegen Autowahn

In Brasilien gibt es eine Bewegung, die sich "Bicicletada" nennt. Sie wurde nach dem Beispiel einer Bewegung, die  in den 90er Jahren in San Fancisco, USA, entstanden war, gegründet. Die Bewegung in San Francisco nannte sich "Critical Mass". Es geht darum, das Fahrradfahren popular zu machen und Druck auf die Politiker auszuüben, dass den Fahrradfahrern mehr Raum auf öffentlichen Straßen eingeräumt wird. Das Fahrradfahren wird als ein ökologisches und nachhaltiges Transportmittel propagiert. Das Schlagwort "mais amor, menos motor" bedeutet auf Deutsch "mehr Liebe, weniger Motor". Es handelt sich um eine Bürgerbewegung ohne Führer und ohne Statuten. Sie fallen aber gerade in brasilianischen Großstädten mit ideenreichen Aktionen auf.

Auf ihrer Webseite erklärt die Bewegung ihre Ziel: "Wir haben keine zentrales Ziel, diese werden immer von den Teilnehmern bei ihren Aktionen formuliert. Wir machen gemeinsame Demonstrationen. Die "Bicicletada"-Bewegung dient dazu, das Fahrrad als Transportmittel populär zu machen, gute Bedingungen für die Nutzung dieses Fortbewegungsmittel zu schaffen und für ökologischere und nachhaltiger Transpormittel vor allem in den Städten zu kämpfen. Eines unserer Themen propagieren wir unter dem Schlagwort "ein Auto weniger" ("um carro a menos"), bei dem wir für mehr Respekt bei den motorisierten Verkehrsteilnehmern, die auf den großen Verkehrsstraßen der Städte fahren, werben. Ein anderes Schlagwort ist, "Wir sind der Verkehr" ("Nós somos o trânsito"). Die Idee dahinter ist, den motorisierten Fahrern klar zu machen, dass auch das Fahrrad eine Komponente des städtischen Verkehrs ist, dem Respekt gebührt.

Wie wichtig die Forderung nach Respekt für diese Verkehrsteilnehmer ist, zeigt ein Zwischenfall in Porto Alegre. In der Nacht des 25. Februar fuhr in dieser Stadt eine Autofahrer in eine Gruppe von etwa hundert Fahrradfahrern der "Bicicletada"-Bewegung. Dabei geschah dieser Unfall, bei dem es viele Verletzte gab, nicht per Zufall. Der Autofahrer ist auf die Fahrradfahrer zugefahren, bremste, gab Gas und fuhr dann in die Gruppe. Was die Fahrradfahrer und die Bewegung "Bicicletada" am meisten aufregte, war, dass Medien und die Polizei den Vorfall herunterspielen wollte. Dienstag Nacht wurde der Täter, ein Bankangestellter, 47 Jahre alt, endlich festgenommen. Inzwischen wird er in einer psychiatrischen Anstalt untersucht.

Es herrscht also Krieg auf Brasiliens Straßen. Fußgänger und Fahrradfahrer sind in diesem Spiel die schutzlosesten Verkehrsteilnehmer. Ein Mitglied der "Bicicletada"-Bewegung beschreibt den Zustand: "Der Übergang vom Bürger, der zu Fuß geht, zum motorisierten Bürger wurde in der brasilianischen Gesellschaft nie diskutiert oder in seinem ganzen Umfang verstanden. Wenn man von den Autofahrern spricht, wird nur von Privilegien und Rechten gesprochen und die Pflichten und Aufgaben vergessen. Der Autofahrer meint, eine natürliche Überlegenheit über die anderen Verkehrsteilnehmer zu haben. Damit spielt er sich gegenüber den anderen Verkehrsteilnehmern auf. Aus der Sicht des Autofahrer sind Fußgänger keine Verkehrsteilnehmern. Im Gegenteil, er sieht ihn als Gegner an und als Hindernis für ein zügiges Fahren an. Die Aufgabe des Fußgängers ist es, den motorisierten Verkehr nicht zu behindern. Die Autofahrer nehmen sich das Recht heraus, die Straße, die Bürgersteige und die Plätze als ihr Eigentum anzusehen."


Informationsquelle:
Centro de Mídia Independente - Brasil
Wikipedia portugiesisch - Bicicletada

Mittwoch, 2. März 2011

Juppé und der Völkermord in Ruanda

Der neue französische Außenminister ist auch ein alter. Alain Juppé hat die mit der Diktatoren-Elite in Tunesien kuschelnde Michèle Alliot-Marie in diesem Amt abgelöst. Man feiert ihn als erfahrenen Diplomaten, von dem man hofft, dass er die französische Außenpolitik wieder schlagkräftiger gestaltet.

Er war bereits einmal Außenminister und zwar von 1993 bis 1995. In diese Zeit fiel der Völkermord in Ruanda, wo nach UNO-Schätzungen 800.000 Tutsi und gemäßigte Hutu ermordet wurden. Juppé hat leider keine sehr erfreuliche Rolle dabei gespielt. Ruanda wirft der französischen Regierung der damaligen Zeit vor, über die Vorbereitungen des Genozids unterrichtet und bei der Durchführung beteiligt gewesen zu sein. Daran erinnern jetzt wieder zivile Gruppen aus Ruanda. Für Geschichtswissenschaftler und Zeitzeugen sei es erwiesen, dass Frankreich die damalige ruandische Regierung, diplomatisch, finanziell und militärisch unterstützt habe. Der Rest der Welt habe dabei desinteressiert weggesehen. Nach Ansicht der Ruander "hatte der Mensch, der jetzt wieder Außenminister wird, nie Gewissensbisse wegen seiner Unterstützung des Mörderregimes gezeigt noch hat er sein damaliges Handeln und das seiner Regierung in Frage gestellt".

In einer Pressezusammenfassung vom 07.08.2008 eines Artikel der Tageszeitung Dagens Nyheter wird eine umfassende Untersuchung der Rolle Frankreichs in Ruanda gefordert: “Vieles im Zusammenhang mit dem französischen Handeln in Ruanda ist noch ungeklärt, nicht zuletzt die Frage, wo die Grenze zwischen kolonialer Verblendung und verbrecherischer Unmenschlichkeit verläuft. Diese Frage kann nur durch eine vollständige Untersuchung beantwortet werden. Hier gibt es ein Vorbild: die Untersuchung des Handelns der UN in Ruanda, die [der frühere schwedische Ministerpräsident] Ingvar Carlsson 1999 im Auftrag von Kofi Annan durchführte. … Dass sich Frankreich freiwillig in der Öffentlichkeit an seine koloniale Nase fasst, ist unwahrscheinlich. Aber die Welt, und nicht zuletzt die UN, sollte klarstellen, dass nur eine unabhängige Untersuchung Fragezeichen ausräumen kann.”

Aber Juppé hat kein schlechtes Gewissen. Schuld sind die anderen, die wieder einmal nicht kapiert haben, welch diplomatisch geschicktes Spiel er damals führte. In einem Interview 2009 erklärt er: "Wir wohnen seit mehreren Jahren dem schändlichen Versuch bei, die Geschichte neu zu schreiben. Sie zielt darauf ab, das Bild Frankreich als aktiv Handelnden in das eines Komplizen des Völkermordes umzuwandeln. Die französische Diplomatie darf nicht vom Weg der Wahrheit und der Würde abweichen".

Wird Juppé unter diesen Umständen wirklich für eine Neuorientierung der französischen Außenpolitik stehen?

Siehe auch:
Das Versagen der französischen Diplomatie hat System


Informationsquelle:
Juppé, le ministre qui «rappelle de mauvais souvenirs» - Libération

Dienstag, 1. März 2011

König Cioabă hält Gericht

König Cioabă und sein Sohn haben heute das erste Roma-Gericht von Rumänien in Hermannstadt / Sibiu eingeweiht. Cioabă ist einer der Vertreter von Roma-Gruppen in Rumänien und wird als "König" bezeichnet. Deswegen nennt die rumänische Presse das Gericht auch "königliches" Gericht. Bei der Einweihung geht es darum, dass dieses Gericht erstmalig in eigenen Räumen tagt.

Bisher hatten die Roma eine eigene Gerichtsbarkeit - besser als "Schlichtungsstelle" zu bezeichnen -, die rumänisch "stabor" (Zigeunergericht) genannt wird. Die Schlichtung erfolgte bisher in den Räumen der Streitparteien. Cioabă erklärt die neue Situation: "Wir wollen dem rumänischen Staat damit keine Konkurrenz machen. Der Stabor ist ein Gericht der Roma, das schon seit hunderten von Jahren funktioniert. Wenn man es genau nimmt, ist es eine Mediation. Wir haben etwa 40 junge Roma, die Rechtswissenschaft studiert haben und jetzt eine Spezialausbildung machen, um autorisierte Mediatoren zu werden."

Der Gerichtssaal in Hermannstadt war auf jeden Fall aus Anlass der Einweihung rappelvoll mit Journalisten und Zuschauern. Sie alle wollten auch die erste Verhandlung des Gerichts, das aus sieben Richtern besteht, erleben. Zuvor mussten sie aber gestenreiche und feierliche Reden über sich ergehen lassen.

Sieben Roma-Richter hatten dann über folgenden Fall zu entscheiden: Zwei Schwager streiten sich um eine Kette mit Goldmünzen. Die Kette wurde dem Mihai Gheorghe überlassen und sollte zurückgegeben werden, falls dieser sich nicht anständig benimmt. In der Zwischenzeit ist dessen Frau gestorben und die Kette war verschwunden. "Mama ist gestorben und ich wollte diese Kette zurück haben. Ich wollte genau die, die Mama gehabt hat", erklärt der Geschädigte. Einer der Richter fragt ihn: "Wieviele Münzen waren an der Kette?" "Ich meine 35", erklärt der Geschädigte. "Der spinnt! Der hat nie im Leben soviel Münzen gesehen" regt sich der Schwager Mihai Gheorghe auf. Darauf bricht das Chaos im Gerichtssaal aus. Es geht nun um die Beerdigung der Verstorbenen, deren Kette zum Zwist zwischen Schwager und Sohn geführt hat.  "Herr Präsident, ich habe die Münzen verkauft! Ich hatte kein Geld, um die Verstorbene zu beerdigen. Sonst hätten sie ja die Hunde gefressen", erklärt nun plötzlich Gheorghe. Da explodiert nun sein Schwager: "Ich habe 100 Millionen für die Beedigung bezahlt!" Darauf macht ihn Gheorghe lächerlich: "100 Millionen, du hast sie nicht alle. Du hast noch nie in deinem Leben soviel Geld gesehen". Die Richter sind etwas ratlos. Dann stellt sich heraus, dass zwei von ihnen in den Fall verwickelt sind. Einer war Zeuge als der Frau die besagte Kette als Erbstück abgenommen wurde und ein anderer war bei der Beerdigung  dabei. Die beiden wissen nicht so richtig, was sie dazu sagen sollen. Die Lösung hat einer der anderen Richter: Er schlägt die Verschiebung der Verhandlung vor. Die andern sind zufrieden damit und somit muss der Richterspruch des ersten Roma-Gerichts noch etwas warten.

Ich nehme an, dass die staatlichen Richter befreit aufatmen, dass ihnen solche Fälle abgenommen werden. Die Roma haben ihre Eigenheiten. Der Sohn von König Cioabă erklärt es: "Es gibt viele Fälle, in denen uns die staatlichen Richter nicht verstehen. Zum Beispiel, bei uns ist es Brauch, dass eine Frau sich angesichts eines Mannes nicht schlecht benimmt. Die Gerichte werden diese Bräuche nicht verstehen und werden darüber lachen. Aber das sind die Werte unseres Volkes. Wie wollen wir dem Richter erklären, dass das ein Fehlen von Respekt ist, wenn die Frau sich vor dem Mann schlecht benimmt und erwarten, dass sie das verstehen?"

Lieber Königssohn, das werden auch viele andere nicht verstehen. Aber ob den Roma und ihren Frauen gedient ist, wenn man gewisse Bräuche, weil sie halt Bräuche sind, weiter toleriert? Die Roma-Gerichtsbarkeit sollte wohl nicht dazu führen, dass "alte Zöpfe" weiter gepflegt werden. Da setzen wir lieber die Hoffnung auf die 40 jungen, fachausgebildeten Roma, die demnächst die Streitigkeiten schlichten werden.


Siehe auch:
Ich bin kein Roma!

Tribunalul regal Cioabă | Romania Libera