Donnerstag, 30. September 2010

Wenn aus Miercurea Ciuc Csikszereda wird

Miercurea Ciuc ist so etwas wie die Hauptstadt der rumänischen Ungarn, der Szekler. Es ist die Provinzhauptstadt des Kreises Harghita in Zentralrumänien. Seit langem schwelt hier ein Streit zwischen Ungarn und Rumänen, dessen sichtbarstes Zeichen der Kampf um die sprachliche Oberhoheit in dieser Region ist. Für neue Aufregung sorgt jetzt, dass in den letzten Tagen alle Ortsschilder von Miercurea Ciuc mit der ungarischen Bezeichnung "Csikszereda" überklebt wurden und dies nicht nur in lateinischer Schrift, sondern auch in alten Szekler Runen. Was fehlt, ist die rumänische Bezeichnung.

Der Sprachenstreit schwelt schon seit längerem. Er ist auch Ausdruck für das Streben der Ungarn in Rumänien nach Autonomie. Neben dem Kreis Harghita ist auch der Kreis Covasna beteiligt. Ein Kreis wird in Rumänien Judetz genannt, er entspricht in etwa dem deutschen Landkreis. Der Verdrängungskampf um die rumänische Sprache ist schleichend. Nach und nach bekommen öffentliche Gebäude und Orte ungarische Bezeichnungen. Eigentlich ist dies entsprechend der rumänischen Minoritätenpolitik legal, aber vorgeschrieben ist, dass Rumänisch als Amtssprache vorrangig benutzt werden muss und die Minoritätensprache zusätzlich. So gibt es in Rumänien auch Orte, die rumänische und deutsche Namen haben, z. B. Cisnadie (Heltau). Während die deutsche Minderheit für die rumänische Mehrheit auf Grund der geringen Zahl keine Gefahr mehr darstellt, verschärfen sich die Konflikte zwischen Ungarn und Rumänen. Die deutsche Minderheit wird in dieser Situation oft als möglicher Vermittler zwischen den Volksgruppen angesehen.

Der Abgeordnete Mircea Duşa von der Partei PSD weist alarmiert auf die zunehmenden Aktionen zur Schürung des interethnischen Hasses und die Missachtung der Symbole des rumänischen Staates in Harghita hin. Er macht einen Appel zur Respektierung der Gesetze des Landes: "Ich mache auf die Tatsache aufmerksam, dass in Harghita in der letzten Zeit die Zahl der Ereignisse mit extremistitischem, nostalgischem, revisionistischem, autonomistischen  und anti-rumänischen Hintergrund erheblich zugenommen haben. Verantwortlich dafür sind extremistisch-chauvinistische Gruppen, die von den lokalen Behörden mit Schweigen toleriert werden. Es ist nicht einzusehen, dass, nach 20 Jahren Demokratie innerhalb eines vereinten Europas, man sich vor den Versen eines Mikloş Horty verneigt oder einen Krieg um zweisprachige Ortsschilder beginnt, wie dies gerade in Miercurea Ciuc geschieht. Solche Provokationen dienen nicht den gemeinsamen Interessen der Rumänen und Ungarn und tragen nicht zu einem zivilisierten Zusammenleben bei."

Zumindest scheinen die Ortsschild-Täter in Miercurea Ciuc einer rechtsextremen Gruppierung anzugehören, denn Szekler-Runen sind nur wenigen Ungarn bekannt. Es soll eine Gruppe von etwa 200 Personen geben, die sich "Szekler Garde" nennt, die in Covasna und Harghita Unterricht in der Runen-Schrift erteilt.

Informationsquelle: Adevarul, Braşov: Denumirea în limba română a localităţii Miercurea Ciuc a fost acoperită cu scriere runică secuiască

Dienstag, 28. September 2010

Kinderarbeiter im Wahlkampf und sonstige brasilianische Kapriolen

Gemäß der brasilianischen Verfassung und den Arbeitsgesetzen des Landes ist für Kinder bis 13 Jahre die Arbeitsaufnahme gänzlich verboten. Zwischen 14 und 15 Jahren kann man Jugendliche lediglich als Lehrlinge beschäftigen. Deren Beschäftigung ist aber an gesetzliche Schutzbestimmungen gebunden. Von 16 bis 17 Jahren ist die Arbeitsaufnahme gestattet, solange es sich nicht um gefährliche Arbeiten (Lebensgefahr), ungesunde Tätigkeiten, beschwerliche Arbeit und Nachtarbeit handelt. Dabei wird die Arbeit auf Strassen und öffentlichen Anlagen als eine der schlimmsten Arten der Kinderarbeit angesehen, da diese Orte das höchste Risiko für Gewaltanwendungen, Drogen, sexuelle Belästigung und Menschenhandel darstellen. Abgesehen davon, dass die Kinder schutzlos der Sonneneinstrahlung, Regen und Kälte, Verkehrsunfällen und hoher Lärmbelästigung ausgesetzt sind.

Brasilien will bis 2015 die Kinderarbeit im eigenen Land komplett ausrotten.

Soweit die Theorie. Im derzeitigen Präsidentschaftswahlkampf scheinen auch einige Parteien vergessen zu haben, welch hehren Zielen sie da eigentlich verpflichtet sind. Sie lassen die Dreckarbeit im Wahlkampf von Kindern machen. Diese werden beauftragt Flugblätter zu verteilen oder Plakate zu kleben. Dies hat jetzt das Arbeitsministerium auf den Plan gebracht, das die Verstösse gegen das Verbot der Kinderarbeit überwachen und verfolgen soll. Im nordöstlichen Bundesstaat Ceará scheinen die Kandidaten fast aller Parteien, Kinder für die Verbreitung ihrer Wahlpropaganda zu benutzen. Das Arbeitsministerium hat jetzt eine einstweilige Verfügung gegen diese Parteien beantragt und eine Geldstrafe für alle Parteien, die sich nicht an die Regeln halten. Die Parteien wurden noch einmal erinnert, dass sie für das Verhalten ihrer Wahlkandidaten verantwortlich sind.

Aber nicht nur bei der Kinderarbeit patzen die Parteien. Die Verantwortlichen für Arbeitsschutz am Amazonas machten in Manaus einen Rundgang, um die Einhaltung der Arbeitsvorschriften an den Wahlkampfständen zu begutachten. Sie hatten einiges zu bemängeln: Viele Arbeiter hatten keinen Sonnenschutz (Sonnenschutzcreme) bei ihrer Tätigkeit - in den Tropen ein erhebliches Manko - , keinen Zugang zu Toiletten und trinkbarem Wasser sowie keine Kenntnisse über die Dauer ihrer Arbeitszeit und es war auch kein schriftlicher Arbeitsvertrag vorhanden. Für ihre Tätigkeit erhielten sie den staatlichen Mindestlohn, gaben einige Befragte an.

Nun mag man fragen, was denn plötzlich diese peinlichen Überprüfungen der Arbeitsschutzbestimmungen sollen, in einem Land, wo sich bei der Mehrheit der Bevölkerung kein Mensch drum schert, ob die Beschäftigungsverhältnisse menschenwürdig sind. Ist es tatsächlich nur der Wahlkampf, bei dem sich manch ein Polit-Bürokrat meint, profilieren zu können. In Manaus haben auf jeden Fall der Vorsteher der Arbeitsbehörde, Alcino Vieira dos Santos und der Staatsanwalt für Arbeitsrecht, Audaliphal Hildebrando da Silva (was für ein schöner Name!), die Gelegenheit genutzt um unter grossem Pressegetümmel durch die Stadt zu marschieren und in erster Linie den Sonnenschutz zu thematisieren. So musste Audaliphal feststellen, dass viele Arbeiter einen Sonnenschutz hatten, aber diesen nicht benutzten. Er bürstete diese gewissenslosen Gesellen wie folgt ab: "Es handelt sich um eine ungesunde, schwere und schwierige Arbeit. Dafür muss man die grundlegenden Vorsorgemaßnahmen treffen".

Die Komödie ging weiter. An Wahlkampfstand eines Kandidaten für das Abgeordnetenhauses in Brasilia kontrollierte Audaliphal die vorhandene Sonnenschutzcreme, musste aber doch bemängeln, dass statt des vorgeschriebnen Sonnenschutzfaktors 30, nur Cremes des Faktors 15 vorhanden waren. Peinlichst genau erkundigte er sich vor der Pressemeute auch, wie und wohin die Strassenwahlkämpfer auf die Toilette gingen. Wobei er sehr ausweichende Antworten erhielt. Vielleicht gaben ihm aber die Probleme dieser Wahlkämpfer, von denen er unbedingt wissen wollte, wo sie ihre "Geschäfte" erledigten, zu denken: Der Leiter der Wahlkampfgruppe eines indigenen Kandidaten erkärte, dass sie 6 Personen wären und dass sie eine Unterstützergruppe hätten, die sie bei auftretenden "Bedürfnissen" nach Hause brächten. "Wir arbeiten in der Nähe unserer Gemeinde. Falls erforderlich, bringt uns unsere Unterstützergruppe dorthin".

Ob diese Auskunft den strengen Arbeitsinspektor befriedigt hat?

Informationsquelle: D24 AM, MPT flagra irregularidades no trabalho de cabos eleitorais und Ministerio Publico do Trabalho, MPT aciona partidos na Justiça para evitar trabalho infantil em campanha

Sonntag, 26. September 2010

Spanien lässt seine Jugend im Stich

Die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien war schon immer hoch, aber mit der Wirtschaftskrise ist sie geradezu explodiert. Innerhalb der Europäischen Union liegt Spanien mit einer derzeitigen Rate von über 40% auf einem der letzten Ränge. Dies ist mehr als das Doppelte des EU-Durchschnitts. Die Zeitung El Pais gibt den Jugendlichen ein Forum, auf dem sie ihren Frust los werden können und es ist interessant, was sie so zu sagen haben.

Rosalia, 27 Jahre alt, schreibt unter dem Titel "Komm nach Deutschland, Pepe!", dass sie im Moment als einzige Lösung ihrer Probleme die Auswanderung sieht. Sie hat viel studiert und ist gut ausgebildet, aber sie bekommt keine Arbeit. Die spanische Gesellschaft sei immer der Ansicht gewesen, wer gut studiert, werde auch die Belohnung bekommen. Aber alle Aussichten auf Belohnung seien verpufft und was übrig bliebe, wäre nur der billige Trost, man solle nicht den Mut verlieren. Die spanischen Politiker und die Wirtschaft seien an ihnen völlig desinteressiert. Lange Zeit habe man die Jugend geradezu auf die Universitäten getrieben und heute ist es in Spanien kein Problem, jemanden mit abgeschlossenen Studium zu bekommen, aber Handwerker wären Mangelware. Sie berichtet, dass schon ihre Lehrerin am Gymnasium gesagt habe: "Kinder, wenn ihr Arbeit haben wollt, dann seit ihr auf der falschen Schule, ihr solltet auf die Berufsschule gehen, denn auf den Spengler muss ich warten, aber wenn ich einen arbeitslosen Universitätsabsolventen brauche, dann steht gleich einer vor der Tür". Rosalia fährt fort: "Wir werden für eine Arbeit kämpfen, bei der wir unser Gehirn nutzen können und das Wissen, das wir in vielen Jahren gelernt haben. Ich weigere mich, mein Gehirn in den Abfalleimer zu schmeissen. Also bleibt nur noch übrig, dass ich gehe, weit weg von meiner Heimat, meiner Familie und meinen Wurzeln. Ich werde gehen und die Reise vieler Spanier machen, die auf der Suche nach einem besseren Leben gegangen sind. Sie haben ihr Dorf und das Elend verlassen, um etwas essen zu könen. Ich flüchte ebenso vor diesem Elend und vor dem menschlichen Interessenlosigkeit jener, die wenn sie ins Parlament  gehen, nichts tun, damit die Jugendlichen ihres Landes ein würdiges Leben führen können".

Eine andere Jugendliche, Rocío, berichtet unter dem Titel: "Wenn Spanien von mir nichts wissen will, will ich auch von ihm nichts wissen": "Vergangene Woche versuchte ich über die Arbeitsplatzbörse meiner Gemeinde einen Ausbildungsvertrag zur Verwaltungsangestellten zu bekommen. Der Mann, der mich bediente, erklärte mir, dass ich für den Arbeitsplatz "überqualifiziert" sei, ich solle meinen Lebenslauf dergestalt ändern, dass ich mein Studium darin streiche und nur die Tätigkeiten anführen solle, die ich zeitlich befristet ausgeübt hätte wie Zimmermädchen, Telefonvermittlung, Hostess....... Ich begann meinen Lebenslauf mit Tränen in den Augen zu ändern und ich hatte das Gefühl, dass ich alle Verdienste, die ich erworben hatte und nun mit der Taste "Entfernen" wegradierte, auch aus meinem Leben radierte, aus meinen Sehnsüchten und Träumen". Sie fügt hinzu: "Wisst ihr, was mir jetzt meine Eltern sagen? "Wenn wir in deinem Alter wären, wir würden auch gehen"".

Noch eine kleine Auswahl weiterer Stimmen:
Laura schreibt: "In meinem Land fühle ich mich klein, unbedeutend. Mein Universitätstitel bedeutet nicht. Man behandelt mich nicht mit Respekt und ich werde nie einen würdigen Arbeitsplatz haben, noch genug verdienen, um unabhängig zu leben oder Kinder zu haben". Sie ist in die Niederlande ausgewandert und meint dazu: "Ich bin 31 Jahre alt und ich bereichere im wissenschaftlichen Bereich ein Land, das nicht das meine ist. Ich bin eines von diesen Gehirnen, die aus Spanien flüchten...."

Unter den Titel "Der Letze macht das Licht aus" schreibt ein 32-Jähriger: "Ich bin ein Wirtschaftsflüchlting seit 8 Jahren und ich bin sicher, dass ich das auch für den Recht meines Lebens bleiben werde".

Und wenn sie eine Arbeit haben, ist sie so schlecht bezahlt, dass die Jugendlichen davon nicht leben können. Elena, 29, berichtet: "Ohne die Hilfe meiner Eltern schaffe ich es nicht bis zum Ende des Monats."

Siehe auch Blogbeitrag: Jeder dritte Journalist in Cádiz ist Mileurista

Informationsquelle: El Pais, PREparados

Freitag, 24. September 2010

Der Kampf des Dreigestirns um die Präsidentschaft

Noch 8 Tage, dann wählt Brasilien einen neuen Präsidenten oder Präsidentin. Der derzeitige Amtsinhaber, Luiz Inácio Lula da Silva, genannt "Lula", darf nach 2 Amtsperioden nicht mehr kandidieren, sonst wäre er vermutlich der sichere Sieger gewesen, denn seine Popularität kennt zur Zeit in Brasilien keine Grenzen. Seine segnende Hand breitet er über Dilma Rousseff aus, die für seine Partei, die Partido dos Trabalhadores (PT; Partei der Arbeiter), die Präsidentschaftskandidatur übernommen hat. Der aussichtsreichste Herausforderer ist José Serra, der für die Partido da Social Democracia Brasileira (PSDB; Partei der brasilianischen Sozialdemokraten), auch Tucanos genannt, kandidiert. Er ist zur Zeit Gouverneur - ein Amt vergleichbar dem Ministerpräsidenten eines deutschen Bundeslandes - des brasilianischen Bundesstaates São Paulo. Die Dritte ist Marina Silva, sie kandidiert für die Partido Verde (PV; grüne Partei). In der Zeit von 2003 bis 2008 war sie Umweltministerin in der Regierung des derzeitigen Amtsinhabers. 2008 trat sie zurück, da sie ihre Umweltziele nicht genügend innerhalb der Regierung durchsetzen konnte. Es gibt noch ein paar weitere Kandidaten wie Ivan Pinheiro von der PCB (kommunistische Partei), José Maria Eymael von der PSDC, Levy Fidelix von der PRTB, Plinio Arruda von der PSOL und Rui Costa Pimenta von der PCO. Chancen hat aber nur das Dreigestirn aus 2 Frauen und einem Mann. Dabei ist hohe Favoritin Dilma Rousseff, weil sie die Protektion von Lula genießt. Alle Kandidaten haben natürlich eine Internet-Wahlkampfseite, auf der sie sich wie folgt vorstellen:

Dilma Rousseff zieht alle Register, um von der Popularität Lula's zu profitieren. Ihr Lebenslauf beginnt mit dem Thema "Wie Lula Dilma entdeckte" und endet mit "Lula und Dilma". Dazwischen steht, dass sie aus Belo Horizonte stammt und 1947 geboren wurde als Tochter des bulgarischen Einwanderes Pedro Rousseff und der brasilianischen Lehrerin Dilma Jane da Silva. Ihr Jugendkapitel steht unter dem Slogan "Das Mädchen, das teilen konnte" und soll beweisen, dass sie schon von Kindsbeinen an eine soziale Ader hatte. Als die brasilianischen Militärs 1964 sich an die Macht putschten, studierte sie Wirtschaft an der Universität von Minas Gerais. Sie kämpfte in verschiedenen Organisationen gegen die Diktatur, wurde 1970 verhaftet und gefoltern und wegen subversivem Verhalten zu über 2 Jahren Gefängnis verurteilt. Als die Militärdiktatur ins Wanken geriet, kämpfte sie in der Kampagne für Amnestie und schloss sich der Partei PDT an. Sie wurde Finanzministerin des Bundesstaates Rio Grande do Sul (Porto Alegre). 1998 begann studierte sie nochmals und zwar das Studium der Sozialwissenschaften, konnte aber keinen Abschluss machen, weil die Politik sie wieder rief und sie erneut einen Ministerposten in Porto Alegre bekleiden musste. Sie brach mit ihrer bisherigen Partei und wechselte zur PT. Nach dem Gewinn der Präsidentschaftswahlen 2002 holte Lula sie in den engeren Kreis der brasilianischen Politik. Die Schlagworte ihrer Webseite: In "Brasilien hat sich geändert" beweihräuchert sie unter dem Begriff "Brasilianischer Stolz" ihr Land, das weltweit ohnehin kaum zu überbieten sei und jetzt auch noch die Fussball-WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016 ausrichten werde. Dank ihr und Lula gab es eine erhebliche Reduzierung der Armut in Brasilien. Bei den Plänen für die Zukunft will sie die Politik von Lula fortsetzen, d.h. Armutsbekämpfung, beschleunigtes Wachstum, sauberer Treibstoff, eine von der Wirtschaft gestützte Enwicklung, mehr Energie, rassische Gleichheit, Innovationen, den Traum vom eigenen Haus realisieren können und der Gesunheit Priorität einräumen. Auch die öffentliche Sicherheit ist ihr ein wichtiges Anliegen. Die Pazifierungsprogrammen an den sozialen Brennpunkten sollen fortgesetzt werden, den Brasilianern sollen mehr Möglichkeiten gegeben werden sich durch kulturelle und sportliche Möglichkeiten abzureagieren statt durch Gewalt.

José Serra ist 1942 geboren und er erzählt, dass er mit seiner Familie bei seinem Großvater, einem Gemüsehändler in São Paulo, aufgewachsen sei. Er habe eine Kindheit ohne "Luxus" gehabt. Er bekam eine gute Schulausbildung, was er darauf zurückführt, dass er ein Einzelkind war und seine Eltern somit leichter die Schulkosten aufbringen konnten. Während des Studiums engagierte er sich im Studentenverband UNE. Er bestreitet aber, zu einen bewaffneten Kampf während der Militärdiktatur aufgerufen zu haben, da er geglaubt habe, dass dieser die Repressionen nur noch verschärft hätte. Nach seinem Bekunden wurde er aber als Funktionär der UNE "verfolgt und gejagt".  Er floh über Bolivien nach Frankreich, kehrte aber heimlich nach Brasilien zurück. Nachdem aber seine Freunde verhaftet wurden, floh er erneut, diesmal nach Chile. 13 Jahre lebte er im Exil. In Brasilien wurde er in Abwesenheit wegen subversiver Propaganda von den Militärs zu 3 Jahren Gefängnis verurteilt. Nach dem Sturz Allende's entkam er nur, weil er auf Grund seiner italienischen Herkunft über die italienische Botschaft in die USA flüchten konnte. 1978 kehrte er nach Brasilien zurück. 1982 begann sein Aufstieg in der Regierung des Bundesstaates São Paulo. Er wurde in das Abgeordnetenhaus in Brasilia gewählt. Er rühmt sich bei dieser Tätigkeit  durch eine gute Verandlungsgabe ausgezeichnet zu haben und dabei als wichtigste Errungenschaft, die Einführung der Arbeitslosenversicherung erreicht zu haben. Dann ging es aufwärts: Von 1995 - 1996 war er Planungsminister der brasilianischen Regierung und von 1998 - 2002 Gesundheitsminister. 2004 wurde er zum Bürgermeister von São Paulo gewählt und 2006 zum Gouverneur des Bundesstaates São Paulo. Auf seiner Webseite fragte er sich: "Wie machen wir Brasilien besser?" Diese Frage sollen ihm aber die Leser beantworten, die er dazu auffordert. Sein Motto heisst "Es ist die Stunde der Wende". Und natürlich liebt er Brasilien und startet deshalb auch die Kampagne "Ich liebe Brasilien". Ansonsten ist seine Webseite etwas verwirrend, wenn man etwas zu seinem Progamm wissen will, muss man sich zuerst registrieren.

Marina Silva veröffentlicht auf ihrer Webseite an erster Stelle die neuesten Prognosen. In diesen werden ihr 13% der Stimmen eingeräumt, Dilma 49% und Serra 27%. Sie hofft auf einen 2. Wahlgang, der notwendig wird, wenn Dilma unter 50% liegt. Marina ist die Jüngste im Dreigestirn, sie ist 1958 geboren und heisst mit vollem Namen Maria Osmarina Marina Silva Vaz de Lima. Geboren ist sie im Bundesstaat Acre und ihre Eltern stammen aus dem brasilianischen Nordosten. Gesundheitlich hatte sie eine schwierige Jugend, sie litt an Hepatitis, Malaria und Leishmaniose. Sie musste neben der Schule als Dienstmädchen arbeiten. Es gelang ihr aber auf diese Art und Weise Lesen und Schreiben zu lernen und sogar eine akademischen Abschluss in Erziehungswissenschaft zu erreichen. Sie lernte den Führer der Gewerkschaft der Kautschukarbeiter, Chico Mendes, kennen und engagierte sich über die Theologie der Befreiung und kirchliche Basisgmeinden. Sie war Mitbegründerin des zentralen Gewerkschaftsverbandes CUT. Ihre politische Karriere begann 1986, wo sie sich erstmals 1986 um ein Abgeordnetenmandat bemühte. Zwei Jahre später wurde sie mit grossem Erfolg in Rio Branco zur Stadtverordneten gewählt. 1994 kam sie als jüngste Senatorin nach Barasilien, wo sie auch 2002 wiedergewählt wurde. Im Senat setzte sie sich für eine aktive Umweltpolitik zur Vermeidung von Triebhausgasen ein. Als Umweltministerin trat sie für eine nachhaltige Entwicklung und tatkräftigen Umweltschutz ein. Im Mai 2008 trat sie zurück. In einem Brief an den Präsidenten erklärte sie: "Es ist eine schwierige Entscheidung, Herr Präsident und sie kommt deswegen, weil ich seit einiger Zeit mit erheblichen Widerständen in der Regierung bei der Durchführung der Umwelt-Agenda zu kämpfen habe. Im August verliess sie auch die Arbeiterpartei PT. Sie rühmt sich vieler Auszeichungen und Preise aus der ganzen Welt. Ihr Programm: "Alles in die Praxis umsetzen, was die Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten gelernt hat, das Zusammenleben in der Diversität übern, die Anwendung neuer Methoden zur solidarischen Problemlösung, für Rechte der am Rande des Staates Lebenden kämpfen, vernetzt handeln, zusätzliche Kenntnisse über neue Formen des Handelns lernen, Reichtümer ohne Privilegien und ohne Zerstörung des unvergleichlichen brasilianischen Naturerbes produzieren.

Mittwoch, 22. September 2010

Bukarester Gene mutieren

Rumänien war und ist immer noch ein armes Land. Zu Zeiten der kommunistischen Diktatur hatte man nicht einmal das Geld, sich ein Fahrrad zu kaufen. Ganz davon abgesehen, dass diese im staatlichen Produktionsplan auch nicht vorgesehen waren. Schließlich hatte man ja den öffentlichen Nahverkehr oder die Pferde- und Ochsenkarren. Nach der Revolution gierten alle Rumänen nach einem Auto. In der Regel kramten sie, nachdem sie endlich die lang ersehnte Reisefreiheit bekamen, all ihr Geld zusammen und erwarben sich Devisen, um den Westeuropäern damit die Schrottautos abzukaufen. Hauptsache 4 Räder und ein Motor, auch wenn der nicht lange hielt.

Inzwischen hat sich Rumänien sehr gewandelt. Der Strassenverkehr ist gerade in den Städten und besonders in Bukarest explodiert und die Infrastruktur hat damit kaum Schritt gehalten. Autoverkaufshäuser sind aus dem Boden geschossen wie Pilze. Beliebt war auch, dass rumänische Arbeitgeber ihren Beschäftigen Benzinkostenzuschüsse gaben, was letztendlich den Drang zum Auto als Verkehrsmittel noch verstärkte. Mit der Wirtschaftskrise hat man als erstes diese Zuschüsse gestrichen. Viele mussten nun in Bukarest wieder zur Metro, Bus oder Trolleybus wechseln. Die sind auch ständig überfüllt und damit nicht unbedingt ein bequemes Verkehrsmittel.

Eine solche Situation führt auch in Rumänien zu Veränderungen, von denen man gedacht hat, dass sie noch Jahrzehnte benötigen. Die Bukarester sind darauf gekommen, dass man sich auch mit dem Fahrrad fortbewegen kann. Inzwischen gibt es in der Stadt bereits eine grosse Anzahl an Fahrradläden und Organisationen, die ihre MitbürgerInnen für das Fahrradfahren gewinnen wollen. Äusserst beliebt sind Falträder, vermutlich weil man die auch in die Wohnung mitnehmen kann und sie einem somit nicht so einfach geklaut werden können. Es gibt auch viele Geschäfte, die Fahrräder vermieten. Auf jeden Fall sind die Fahrradliebhaber begeistert: "Mein Auto verbraucht monatlich ungefähr 50 Liter, das kostet mich zwischen 200 und 250 Lei. Geld, das ich jetzt durch das Fahrrad spare. Zudem habe ich den ganzen Autofahr-Stress nicht mehr, fahre jetzt leichtfüssig durch den Park nach Hause", erklärt ein Bukarester. Ein Student ist begeistert: "Bisher brauchte ich zur Universität mit dem Auto 35 Minuten, mit dem Trolleybus 45 Minuten und mit dem Fahrrad schaffe ich das in 10 Minuten, was einfach toll ist."

Da das Fahren auf 2 Räder für die Bukarester und Bukaresterinnen aber eine neue Art der Fortbewegung bedeutet, müssen sie erst einmal lernen, das Ding in der Senkrechten zu halten. Die Zeitung Evenimentul Zilei erkärt ängstlichen LeserInnen wie das geht: "Mit Eifer, Mut und ein wenig Hilfe kann jeder Fahrradfahren lernen. Man braucht eine etwas dichtbewachsene Wiese, auf der keine Autos und Menschen sind. Das Geheimnis des Fahrradfahrens ist, dass man sich so darauf setzt, dass man mit beiden Füßen den Boden berührt. Danach muss man darauf achten, das Gleichgewicht solange zu halten bis man zu treten anfängt. Ratschläge und Hilfe kann man auch bei den Vermietungsstationen für Fahrräder bekommen." Und hier noch der aufmunternde Bericht einer Anfängerin: "Ich habe mir ein Fahrrad gesucht, das mir gepasst hat. Ich habe versucht das Gleichgewicht zu halten und nach vielen Versuchen ist es mir gelungen, in die Pedale zu treten und das Gleichgewicht zu halten".

Morgen gibt es in Bukarest die Aktion "Ein Tag ohne mein Auto in meiner Stadt". Die Bukarester sind für morgen Abend zu einem gemeinsamen Fahrrad-Ausflug in der Stadt eingeladen. Vor einigen Jahren noch undenkbar......

Wer sagt denn, dass wer ein Gen hat, unverbesserlich ist?

Informationsquelle: Evenimentul Zilei, Cum a înlocuit criza maşina românului cu bicicleta

Montag, 20. September 2010

Wenn der Bus vibriert

Der Alltag in einer Stadt kann wenig erfreulich sein, vor allem wenn man auf dem Weg zur Arbeit in überfüllte Busse und Bahnen steigen muss oder mit dem Auto ständig im Stau steht. Anderswo gibt es da genauso ärgerliche Zustände wie bei uns. So im brasilianischen Nordosten, in Recife, wo sich die Journalistin Luce Pereira in einem Artikel über Fahrten mit dem Bus in ihrer Stadt aufregt.

Ihr Ärger sagt doch auch einiges über die Lebensbedingungen in Recife und den alltäglichen Belastungen, deswegen will ich ihre Meinung hiermit wiedergeben:

"Busfahren in Recife ist weit entfernt davon eine angenehme Sache zu sein. Es sind von altersher die immer gleichen Probleme: "Hygiene, die zu wünschen übrig lässt, eine Pünktlichkeit, die nach Hilfe schreit und ein geradezu mönchischer Komfort sowie Angestellte, die keiner übertriebenen Höflichkeit verdächtig sind. Dazu kommt, dass es in neuester Zeit im öffentlichen Nahverkehr üblich ist, dass Passagiere ihre Audiogeräte auf volle Touren laufen lassen. Meistens versteht dann keiner mehr den anderen, weil die Vielfalt der verschiedenen Lärmquellen sehr verschieden ist: Von religiösen Programmen bis zu Lady Gaga und Volksmusik aus dem Sertao, nur keine Qualitätsmusik. Jeder zeigt auf seine Art - ohne dass jemand es von ihm verlangt - einen erschreckend schlechten musikalischen Geschmack. Der Bürger, der hier einsteigt und bereits schlechte Laune hat, kann dann nur noch die Wände hochgehen. Selbst die wenigen Personen, die wenigstens genug Erziehung haben, um Ohrhörer zu benutzen, werden verlieren, da sie mit diesen Geräten ihre Trommelfelle ruinieren. Es ist der typische Fall einer Musik, die aus ohne Nachfrage wie aus dem Gewehr kommt und bei der alle Passagiere gezwungen werden, einer katastrophalen Lärmvorstellung beizuwohnen. Die Vielfalt der Audio-Geräte, die im Bus mitfahren, könnten interessant sein im Hinblick auf eine Analyse des aktuellen Elektronikmarktes und man könnte dabei feststellen, dass die Armen mehr konsumieren und dabei vor allem Elektronik und elektrische Haushaltsgeräte, sie könnte aber auch Ziel einer Studie über die Entwicklung der Gesellschaft sein. Und dann würde die Studie plötzlich zum Schluss kommen, dass die Nutzer dieser Geräte die einfache Regel verlernt haben, dass das Recht des Einen da endet, wo das Recht des Andern beginnt. Das ist die Grundregel des menschlichen Zusammenlebens."

Informationsquelle: Diario de Pernambuco

Sonntag, 19. September 2010

Umweltkatastrophe in Kronstadt

Einmal musste es geschehen und es hat die Stadt Kronstadt / Braşov und die sie umgebenden Gemeinden im rumänischen Siebenbürgen getroffen. Die grösste Müllkippe der Stadt hat am Freitag angefangen zu brennen. In Rumänien wird schon seit vielen Jahren der Wohlstandsmüll unter schlechtesten Umweltbedingungen entsorgt. Man hat zwar die Segnungen der Konsumgesellschaft, man weiss aber nicht wie man den damit verursachten Müll umgehen muss.

Am 18. September um 15 Uhr begann die Feuerwehr mit der Bekämpfung des Feuers. Ohne Erfolg bis zum derzeitigen Moment. Die Feuerwehr beklagt, dass es zu wenig Wasserdruck gibt. Die Auffüllung der Tankwagen dauere zu lange. Der rumänischen Katastrophenschutz empfiehlt den Bewohner zu Hause zu bleiben und Fenster und Türen geschlossen zu halten. Der Sprecher des Katastrophenschutzes erklärt: "Wir haben hier eine sehr grosse Menge an Müll. Das Feuer hat einen Müllberg auf einem Hektar des Geländes erfasst. Man braucht also sehr viele Löschfahrzeuge. Während der Nacht haben nur 2 Spezialfahrzeuge gearbeitet, aber seit heute morgen haben wir 3 Fahrzeuge. Da wir einen Schwelbrand haben, entstehen beim Löschen mit Wasser enorme Rauchwolken."

Ab heute morgen ist die Luft in der Stadt Kronstadt unerträglich. Das Nottelefon wird überrannt von Bürgern, die das Gefühl haben zu ersticken. Um 11:30 Uhr erklärt ein Polizeisprecher: "Wir haben festgestellt, dass es erhebliche Nachlässigkeiten in der Verwaltung der Mülldeponie gab. Deswegen werden die Verantwortlichen hohe Strafen zahlen müssen." Er fügte hinzu, dass zur Zeit keine Gefahr für die Bevölkerung bestehe. Das könne sich aber ändern, wenn der Rauch sich verstärke.

Inzwischen berichtet der Präfekt des Kreises Kronstadt: "Die Feuerwehr wurde so positioniert, dass sie die bestehende Brände besser bekämpfen und vermeiden kann, dass die anderen Teile der Deponie auch in Brand geraten. Inzwischen hat die Feuerwehr eine direkte Wasserverbindung zur Deponie. Die Ortschaften, die vom Rauch besonders betroffen sind, sind Kronstadt / Braşov, Târlungeni und Săcele. Wir hoffen, dass wir bis morgen die Situation gelöst haben, damit der Rauch sichtbar vermindert wird".

Um 13:50 Uhr wird berichtet, dass die Feuerwehr bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht herausgefunden hat, weshalb das Feuer ausgebrochen ist. Eine Untersuchungskommission wurde eingerichtet.  Der Sprecher des Katastrophenschutzes erklärte jetzt: "Der dichte Rauch macht uns starke Kopfschmerzen. Die zu bekämpfende Brandoberfläsche beträgt 10.000 qm. Die Zeit für das Löschen alle Brandherde kann noch nicht abgeschätzt werden. Wir müssen auf jeden Fall auch in der Nacht arbeiten. Wir hoffen, dass auch Regen kommt und uns hilft".

Inzwischen wächst die Panik in der Bevölkerung. Die Krankenhäuser sind überlaufen. Die Ärzte erklären, dass erhebliche Gefahr für Kranke mit Erkrankungen der Atemwege bestehen. Nochmals erfolgt der Aufruf an die Bevölkerung, zu Hause zu bleiben und die Fenster und Türen zu schliessen. 14:40 Uhr: Der Wind hat sich gedreht, Kronstadt geht es etwas besser, aber dafür liegen die Dörfer Târlungeni und Săcele unter dichtem Rauch.

Wie geht es weiter? Im Interesse der Bevölkerung ist zu wünschen, dass der Brand bald gelöscht wird. Aber was sind die Langzeitfolgen? Schliesslich wissen wir, dass auf einer brennenden Müllkippe jede Menge von Schadstoffen, insbesondere Dioxine freigesetzt werden.



Siehe auch Blogbeitrag:
Statt Grünzonen Müllzonen
Informationsquelle: Adevarul, Teroare la Braşov! Incendiul de 48 de ore de la groapa de gunoi face aerul irespirabil

Samstag, 18. September 2010

Spanien beispielhaft bei der Integration der Gitanos

Spanien ist ein Land, in dem die Roma ohne Gewissensbisse noch "Gitanos" also "Zigeuner" genannt werden. Das bedeutet aber nicht, dass Spanien Spitzenreiter in der Diskriminierung der Roma ist. Im Gegenteil: In Zeiten, in denen in Frankreich die Zigeuner-Hatz läuft, schaut man in Spanien selbstgefällig an sich herunter und rühmt sich, bei der Integration sehr gute Arbeit geleistet zu haben.

Die spanische Minderheit der "Gitanos" zählt ungefähr 700.000 Personen mit spanischer Staatsangehörigkeit. Sie leben seit vielen Jahrhunderten in Spanien. Dazu kommen etwa 30.000 bis 50.000 Roma, die eine ausländische Staatsangehörigkeit haben. Darunter sind überwiegend Roma aus Rumänien. Die Roma sind in Spanien lange nicht so marginalisiert wie in anderen europäischen Ländern.

Juan de Dios Ramírez Heredia ist Präsident der "Unión Romaní" (Unión del Pueblo Gitano / Union des Volkes der Zigeuner). Er war erster spanischer Abgeordneter aus dem Roma-Volk (1977) und erster Abgeordneter der spanischen Roma im Europaparlament (1986). Zur Situation seines Volkes in Spanien sagt er folgendes: "Wir haben eine weitgehende Akzeptanz in Spanien erreicht. Aber es sollte sich keiner täuschen. Bei uns gibt es immer noch die höchste Zahl an Analfabeten, die höchste Zahl an Arbeitslosen und viele wohnen immer noch in menschenunwürdigen Unterkünften. Für die Mehrzahl der Spanier erregt unsere Anwesenheit keine Ablehnung. Aber es gibt Rassisten, und zwar sehr gefährliche Rassisten".

Ein Berater der EU-Kommission in Minderheitenfragen sagt, dass die Politik der Integration der Roma in Spanien sehr gut funktioniert habe, aber es noch ein Teil der Roma gebe, die am Rande der Gesellschaft lebe. Und genau diese seien für die Spanier die sichtbarsten Vertreter und gut für jede Art von Vorurteilen und Stereotypen. Die spanische Politik sieht die Hauptherausforderung zur noch grösseren Integration der Roma in der Beseitigung der slumähnlichne Unterkünfte und im Bemühen, die Jugendlichen zu einer weiterführenden Schulbildung zu bewegen. Im Gegensatz zu Osteuropa hat sich der Lebensstandard der Roma in Spanien erheblich verbessert.

Das war nicht immer selbstverständlich. Bis 1977 wurden sie im Rahmen des Gesetzes "gegen Drückeberger und Gesindel" von der Polizei verfolgt. Ihre Kinder mussten von der Polizei in den Schulen gegen wütende Eltern aus den "ehrenwerten" spanischen Familien geschützt werden. Die Demokratisierung Spaniens und soziale Programme der Regierung brachten eine Änderung. Hinzu kam, dass aus der spanischen Gesellschaft, insbesondere auch von katholischen Gläubigen, Bemühungen kamen, den Roma bei der Integration zu helfen. Gleichzeitig wurden die Roma über das "Instituto de Cultura Gitana" (Institut für Zigeuner-Kultur) und den "Consejo Estatal del Pueblo Gitano" (Staatsrat des Zigeunervolkes) kulturell und auch institutionell in die sie betreffende Politik eingebunden. Der Staatsrat hat zum Beispiel die Aufgabe, den Arbeits- und Sozialminister in Fragen der Roma zu beraten.

Zur Roma-Politik in der europäischen Union schrieben die spanischen Roma-Vertreter gestern auf ihrer Webseite: "Wir  Zigeuner und Zigeunerinnen der "Unión Romaní" sind zutiefst bedrückt. Es gibt eine spanische Redensart: " Kurz ist die Freude im Haus des Armen". Das ist das, was uns passiert ist. Noch vor 3 Tagen begrüssten wir mit vollem Glockengeläut die Nachricht, dass die Justizkommissarin in der EU angekündigt hat, gegen die massiven Deportationen von Zigeunern durch die französische Regierung beim europäischen Gerichtshof Klage einreichen zu wollen. Wir beglückwünschten die Kommission zu dieser Absicht. Aber wir ahnten schon Schlechtes und unsere Skepsis wurde bestätigt. Man brauchte nur die Schlagzeilen der spanischen und europäischen Presse zu lesen, die für uns wie eine kalte Dusche gewirkt haben. Bis in unser Unterbewusstsein wurden wir von den Schreien  der Rassisten aller Farben getroffen, die da riefen: Viva Sarkozy! Und sie haben Grund zufrieden zu sein, denn nach dem Lesen der Erklärungen der Regierungschefs des EU-Gipfeltreffens von Brüssel musste man feststellen, dass Sarkozy sich durchgesetzt hat und dass seine Anti-Zigeuner-Politik von ihnen unterstützt wird gegen die Haltung, die die Justizkommissarin eingenommen hatte. ...........Wir Zigeuner glauben aber an die Menschen guten Willens in Europa, die immer noch die Mehrheit sind. Bürger sowohl der Linken wie auch der Rechten, Liberale oder Konservative, die überhaupt nicht einverstanden sind mit dem Verhalten der französischen Regierung - nicht zu verwechseln mit dem Verhalten der Franzosen, die zur Zeit dem Herrn Sarkozy nur noch 32% Wahlchancen einräumen, im Gegensatz zu 53% bei der Opposition."


Informationsquelle: El Pais, En integración gitana, algo habremos hecho bien und Unión Romaní, A LOS GITANOS Y GITANAS DE LA UNIÓN ROMANÍ NOS EMBARGA UNA PROFUNDA TRISTEZA

Dienstag, 14. September 2010

Öffentlicher Nahverkehr in Bukarest soll in die Luft

Der Bürgermeister des Sectors II von Bukarest hat eine Machbarkeitsstudie für den Bau einer Luftseilbahn in der Stadt in Auftrag gegeben. Zwar liegt Bukarest in einer Ebene und es gibt kaum Höhenunterschiede in der Stadt, aber ein paar Seen und viele verstopfte Strassen könnten gut auf dem Luftwege gequert werden.

Die Luftseilbahn soll den Norden der Stadt, insbesondere den beliebten Herăstrău-Park mit dem Westen verbinden und dabei auch den gleichlautenden See überqueren. Die genaue Route soll im Laufe des Ausschreibungsverfahrens festgelegt werden. Nach den Wünschen des Bürgermeisters soll die Luftseilbahn eine Kapazität für den Transport von 3.000 Personen pro Stunde haben und nicht nur dem Transport der Bukarester dienen, sondern auch als Touristenattraktion herhalten.

Man hofft aber auch damit, die chronische Verkehrsüberlastung, die inzwischen zu Dauerstaus in der Stadt führen, abbauen zu können.

Aber nicht nur die Luftseilbahn ist ein Wunschtraum der Stadtväter, sie wollen auch den Ausbau des Bukarest-Donau-Kanals vorantreiben. Dieser soll schiffbar sein und auch dem Vergnügen der Touristen dienen.

Informationsquelle: Romania Libera, Onţanu vrea telegondolă şi dă 150.000 euro pentru consultanţă la proiect

Freitag, 10. September 2010

Die Toten werden nicht mehr gezählt

Ein Blog wird nicht mehr berichten, es ist der Blog "PEbodycount" aus Recife, der im Kampf gegen die Mord-Kriminalität in Recife und Pernambuco eine aufklärende Arbeit geleistet hat. Ich habe schon mehrfach über ihn berichtet und auch Informationen aus diesem Blog weitergegeben. Nun hat der Blogger Joao Valadares mitgeteilt, dass der Blog eingestellt wird, weil keine öffentlichen Mittel mehr zur Unterstützung der Autoren durch das Land Pernambuco gezahlt werden.

Joao Valadares geht nochmals in einem Abschlussbeitrag auf die Ziele und das durch den Blog Erreichte ein. Ich gebe es nachstehend in Auszügen wieder:

"Wir glauben, dass wir unser Ziel erreicht haben. Wir sind aus einer beunruhigenden Situation geboren worden. Aus dem Gefühl, dass es möglich ist gemeinsame Auswege zu finden. Wir begannen unseren Marsch im Mai 2007, eine Woche bevor die Regierung unseres Staates den Pakt für das Leben lancierte.

Als erstes hatten wir den Pernambucanern zu  erklären, wieviele von uns jeden Tag durch Gewalt sterben. Zu zeigen, wo der Staat am meisten blutete, wo der Schnitt am größten und tiefsten war. Aber das genügte nicht. Wir wollten nicht nur Leichen zählen. Es war notwendig Geschichten zu erzählen, zu mobilisieren und die Wirklichkeit zu verändern. Das Leben zu erzählen, von denen, die töteten und denen die starben. Verantwortlichkeiten feststellen, auf Unstimmigkeiten hinweisen und Beifall klatschen, für etwas, das besser wurde. So haben wir es gemacht, indem wir einen anderen Journalismus betrieben haben, an den die Leute bisher nicht gewöhnt waren. Es war ein Journalismus der Nähe, des Beteiligtseins. Ein kämpferischer Journalismus, der Partei ergriff und die Fahne hochhielt. Wir wurden attackiert. Banditen-Journalismus war eine der Belobigungen, die wir erhielten.

Wir wurden angeklagt, das Bild des Staates zu beschmutzen. Viele haben nicht verstanden, dass der Blog eine Liebeserklärung an Pernambuco war. Wir haben Licht in den Schatten gebracht. Wir waren am Ort, wo die Toten waren. Wir haben den Todeszähler inmitten der Strasse aufgestellt, wir haben während eines Monats alle Orte, an denen ein Mensch getötet wurde, mit roter Farbe markiert. Wir haben das Thema in die Universitäten, Schulen und Kirchen gebracht. Wir haben Kreuze am Strand von Boa Viagem aufgestellt, gestalteten "ein Meer von Tränen" mit weiss dekorierten Ästen bei der Basilika do Carmo im Zentrum von Recife und wir haben Bäume gepflanzt, um 500 geopferte Leben zu symbolisieren.

Vor 4 Jahren gab es Pernambuco gemäss dem statistischen Amt 4.638 Menschen, die  in jenem  Jahr ermordet worden waren. Die 25 Länder der Europäischen Union, die insgesamt 459 Millionen Einwohner zählen (Anm. Pernambuco hat ca. 8 Millionen Einwohner) hatten im selben Zeitraum 6.697 Mordfälle zu beklagen. Das war unser Szenario. Daran haben wir gearbeitet. Die Vielzahl der Tötungen führte zu einer erschreckenden Monotonie, viele Jahre wurden unsere Toten einfach ignoriert. Vergessen. Aus diesem Klima des Vergessens entstand unser Blog.

Nach drei Jahren sehen wir ein Licht am Ende des Tunnels. Zwar noch schwach, aber es gibt wenigstens Hoffnung. Wir sind noch krank mit sehr hohem Fieber. Die Menge der Toten ist immer noch absurd, unakzeptabel. Aber zum ersten Mal gibt es eine Tendenz für ein Fallen der Zahlen. Als pernambucanische Journalisten werden wir die Veränderungen weiterhin begleiten. Wir werden genau aufpassen und weiter für einen Rückgang der Tötungen kämpfen."

Pernambuco braucht die Aufmerksamkeit solcher Journalisten. Ich wünsche den Autoren des Blog deshalb Mut und einen starken Willen, damit sie weiterhin für diese Veränderungen kämpfen können.

Siehe auch Blogbeitrag: Aufruf gegen den traurigen Alltag

Informationsquelle: PEbodycount, O fim do Pebodycount

Donnerstag, 9. September 2010

Obor, ein Stück altes Bukarest verschwindet

Die "Piaţa Obor" (ausgesprochen: Piazza Obor), war der älteste und grösste Marktplatz Bukarests. Deutsche Reiseführer beschreiben ihn wie folgt: "Hier findet das »richtige Leben« statt, denn Obor ist der Markt für rumänische Normalverdiener. Angeboten wird fast alles: Gemüse und Obst, Kosmetika, Unterwäsche, Putzmittel, sogar lebende Hühner und Kaninchen." Die österreichische Zeitung "Der Standard" schrieb 2008: "Im östlichen Stadtteil Obor, im zweiten der sechs Sektoren, wie Bezirke hier genannt werden, befindet sich einer der größten Märkte Bukarests: über rund 16 Häuserblöcke erstreckt sich der Obor-Markt und von CDs über Unterwäsche bis hin zu lebenden Kaninchen und Hühnern kann man hier alles kaufen. An den Straßenrändern, zwischen parkenden Autos gehen Männer und Frauen auf und ab. Was an einen Arbeiterstrich erinnert, ist ein beliebtes Service: man lässt sich Rechnungen frisieren."

Man sagte auch, dass auf diesem Marktplatz der Orient den Okzident getroffen habe. Der Obor wurde erstmals 1702 in einem Dokument erwähnt. Damals wurden 2 Marktplätze zusammengelegt. Im 16. und 17. Jahrhundert fanden jeweils 2 grosse Marktveranstaltungen statt, das eine war der "Târgul Moşilor" (Markt der alten Männer) und ein weiterer der "obor" genannt wurde und auf dem Produkte verkauft wurden, die als nicht verkaufsgeeignet für das Stadtzentrum angesehen wurden. Im Zeitraum 1881 -1926 erhielt er den Namen "Loja Moşilor" (Halle der alten Männer).

Ab kommendem Wochenende kann man sagen, es war einmal. Der Markt wird geschlossen. Stattdessen wird ein grosser Einkaufsmarkt die Bukarester zu neuen Konsumfreuden führen. Ein Bruch in ihrer Geschichte, die die Bukarester noch einmal nostalgisch werden lässt. Viele Künstler der letzten Jahrhunderte haben den Markt liebevoll portaitiert. Die farbige Vielfalt der Menschenmenge um die Verkaufsstände, der Lärm und die verschiedenen Gerüche bleiben noch lange in Erinnerung. Die Zeitung Evenimentul Zilei schreibt: "Ab heute wird die Atmosphäre des alten Obor für immer ausgelöscht und anstelle des traditionellen Marktes wird ein modernes Einkaufszentrum entstehen. Ein Einkaufszentrum für Gemüse und Früchte, zu dessen Ausstattung auch ein riesiger Parkplatz gehören wird.

Die Stadtverantwortlichen sind stolz auf den "neuen" Obor. Sie sagen, dass er zwei Stockwerke haben wird, Rolltreppen, Aufzüge für Menschen und Waren. Es wird ein Koloss von Einkaufsmarkt. Auf der ersten Ebene wird es Gemüse, Früchte, Fleisch und Milchprodukte geben und auf der 2. Ebene gibt es das, was nicht essbar ist. Die Bauern sollen weiterhin ihre Produkte im neuen Zentrum anbieten dürfen, aber mit neuen Regeln. Und die werden kosten: Sie müssen jetzt eine Registrierkasse haben, mit der sie eine Steuerquittung ausstellen können, auch für ein Bündel Petersilie. Dafür bekommen sie aber ganz neue Möglichkeiten: Der Markt wird klimatisiert, es wird Kühlräume geben, in denen man die Waren lagern kann, es gibt fliessendes Wasser und Abwasserkanalisation. Auch für die Einkäufer wird es bequemer. Sie bekommen Einkaufswagen wie im Supermarkt, mit einem Wort: Es wird alles schön und gut!

Nur die Leute scheinen das noch nicht so zu sehen. Eine Verkäuferin sagt empört: "Die Stadtverwaltung hätte uns den Markt lassen können bis der neue fertig ist und wir sehen wie er aussieht. So werden wir jetzt rausgeschmissen. Wo sollen wir denn jetzt unsere Ernte verkaufen? Gerade jetzt im vollen Herbst schicken sie uns mit unserer Paprika und den Tomaten nach Hause." Eine andere Verkäuferin, die bereits seit 20 Jahren auf dem Obor verkauft, gibt zu bedenken: "Wir haben viele Rentner unter den Kunden, die bei uns auch für den Kauf der Ware anschreiben lassen können. Zur Zeit zahlen wir 15 Lei pro Tag für einen Stand, das bedeutet 450 Lei pro Monat. Im neuen Markt will die Stadtverwaltung 900 Lei im Monat haben. Das ist zuviel!" Eine Einkäuferin schreit: "Wir wollen einen Markt, der ein Markt ist und ein Supermarkt, der ein Supermarkt ist" und gibt damit zu verstehen, dass sie für das geplante Mischsystem kein Verständnis hat.

So wirkt der Fortschritt: Der neue Markt wird den Hygienevorschriften genügen, er wird sauber und steril. Was fehlen wird ist das Markttreiben, die Gerüche, das Unvollkommene und das inspirierende Chaos.

Informationsquelle: Evenimentul Zilei, Prima toamnă în Bucureşti fără Piaţa Obor

Mittwoch, 8. September 2010

Hassprediger hält die spanische Gesellschaft für dekadent und krank

"Spanien hat eine Gesellschaft mit mehreren Millionen Arbeitslosen, sie tötet vorsätzlich und systematisch seine unschuldigsten Kinder, führt die Jusitz nach den politischen Farben, lügt schamlos auch auf der höchsten Ebene, verletzt die noch die heiligsten Verträge und verwandelt die Schule in ein ideologisches Instrument. Sie fördert den Hass und die Konfrontation zwischen ihren Mitgliedern, verhindert die freie Religionsausübung, zerstört die Unschuld der Kinder schon im frühesten Alter, hetzt die Jugend auf, benutzt die Politik als Trampolin für persönliche Bereicherung, in einem Wort eine zerstrittente Gesellschaft in ihren grundlegenden Strukturen und brüchig in ihrem Fundament. Es ist eine dekadente und äusserst kranke Gesellschaft."

Diese Worte kommen von keinem islamischen Hassprediger, sondern von seiner Heiligkeit, dem Erzbischof von Burgos, Monsignore Gil Hellín. Aus Burgos, der düstersten Stadt der spanischen Inquisition und des Franco-Terrors kann wohl auch nichts anderes kommen, ausser ein reaktionäres Geschwätz von diesem Ausmass. Gregorio Peces-Barba, einer der Väter der spanischen Verfassung, schreibt dazu in einem Kommentar: "In eine Beschimpfung ohnegleichen hat der Prälat von Burgos und Mitglied des Opus Dei, Gil Hellín, ohne Intelligenz und Vernunft gegen das Gesetz über die sexuelle Gesundheit und Reproduktion und freiwilligen Schangerschaftsabbruch hergezogen. Derr Erzbischof ist nicht mehr im Einklang mit seiner Zeit und predigt mit der Anmaßung einer einzigen und widerspruchsfreien Warheit, die es nicht mehr gibt. Seine juristischen Argumente zur Rechtswidrigkeit des Gesetzes sind mittelalterlich und zeigen zudem ein selektives Erinnerungsvermögen. Da passt die Proklamierung des Militäraufstandes gegen die legitime Regierung der Republik als Kreuzzug nicht hinein und auch nicht das Schweigen seiner Kollegen in den vierziger Jahren gegenüber den repressiven Grausamkeiten des Franquismus. Mehr Diskretion, mehr Demut und weniger Allmachtsposen ist den Kirchenfürsten zu empfehlen, da sie sich sonst in einer pluralen und laizistischen Welt lächerlich machen".

Das Rezept des Erzbischofs: "Was wir jetzt in Spanien mit absoluter Dringlichkeit brauchen, ist die Rückkehr zu Gott. Um es klar zu sagen: Wir müssen uns als Sünder bekennen, Verzeihung erbitten und wieder den Weg des Guten und der Wahrheit betreten".

Die Erkenntnis: Spanien als Domäne des katholischen Machtapparats muss wieder zurückerobert werden. Man möchte fast hinzufügen, notfalls mit Gewalt. Man darf sich gar nicht vorstellen, was passieren würde, wenn diese Diener Gottes wieder das Leben in Spanien bestimmen könnten.

Siehe auch Blogbeitrag: Theologe darf nicht über den historischen Jesus schreiben

Informationsquelle: infoCatólica, Monseñor Gil Hellín: «La sociedad española es decadente y enferma de extrema gravedad» und El Pais, El arzobispo desobediente

Dienstag, 7. September 2010

Brasilien feiert sich heute selbst

Der 7. September ist in Brasilien ein Feiertag, an dem die Unabhängigkeit des Landes gefeiert wird. An diesem Tag soll nach Ansicht der brasilianischen Regierung daran erinnert werden, dass das Land "frei, Herr seiner eigenen Geschichte und bewusst seiner Wurzeln und Herkunft" sei.

In diesem Jahr soll nach Wunsch der Regierung die Kultur das Thema des Tages sein. "Die Kultur als Mittel zur Förderung des Friedens, als ein Ruhmesblatt für die Pluralität des brasilianischen Volkes, das dank seiner Vielfalt es verstanden hat, das Zusammenleben in der Verschiedenheit zu seiner stärksten Kraft zu machen."

Nun lesen wir gerade in meinem Blog soviel über die Kriminalität, Mord und Totschlag in diesem Land. Wobei dieses Thema sich beim Lesen brasilianischer Medien geradezu aufdrängt, umso mehr beglückt es mich, wenn ich von der brasilianischen Regierung erfahren darf, "dass das harmonische Zusammenleben der Brasilianer eine Frucht des Respekts, der Toleranz und der Zusammenarbeit ist, deren Echo von allen vier Ecken des Landes zurückschallt". Und weiter: "Wir sind Kinder einer Mischung von verschiedenen Rhytmen, Farben und Geschmäcker; ein Beweis, dass die Unterschiede im Frieden leben können und müssen." Und dann empfiehlt die Regierung: "Geniesse das Fest. Und lebe das Brasilien, das in dir existiert".

Natürlich ist das auch ein Anlass auf die brasilianischen Identitätsträger wie zum Beispiel die nationale Fahne hinzuweisen. Wieder einmal Originalton brasilianische Regierung: "Die Fahne ist das sichtbarste Zeichen unseres Landes. Mit ihr identifizieren wir uns und durch sie werden wir erkannt in der ganzen Welt. Es ist unsere bekannteste Marke. Die Kombination der grünen, gelben, blauen und weissen Farben bildet eine einzigartige Form und Inhalt. Keine Flagge einer anderen Nation der Welt besitzt eine ähnliche Form und die so starken Farben grün und gelb. Jede der vier Farben unserer Fahne hat eine Bedeutung: Grün steht für unsere Wälder, gelb für das Gold (indem es die Reichtümer des Landes repräsentiert) und weiss für den Frieden. Der blaue Keis steht für den Himmel von Rio de Janeiro mit der Konstellation des Kreuzes des Südens um 8:30 Uhr des 15. November 1889, dem Tag der Proklamierung der Republik."

Der Tag wird zur Zeit mit einem grossen "Desfile" (Parade) in Brasilia vor den Repräsentanten des brasilianischen Staates, wie dem Präsidenten, dem Präsidenten des obersten Bundesgerichts und weiteren Honoratioren gefeiert. Das Musikorchester "Drachen der Unabhängigkeit" (Dragões da Independência) spielte vor dem Beginn der Parade heisse Rhytmen auf der grossen Strasse der Ministerien, wobei der Titel "Paparazzi" einer amerikanischen Sängerin namens Lady Gaga der grosse Hit war. Kein Samba, es war doch der Tag der brasilianischen Kultur?

Informationsquelle: Portal Brasil, Viva o Brasil que existe em cada um de nós

Montag, 6. September 2010

Selbstjustiz auf Recife's Strassen

Vor einem Altenheim im Stadtteil Boa Viagem von Recife steigt eine Angestellte aus einem Auto und wird von einem 28-jährigen Mann überfallen. Der Fahrer des Auto's zieht die Pistole und erschiesst den Angreifer mit einem Schuss in den Kopf und einem in die Brust. Augenzeugen berichten, dass der Schütze 4 Schüsse auf den Angreifer abgegeben habe und dann verschwand. Bereits Ende August gab es eine ähnliche Szene als ein unbekannter Schütze auf einen Jugendlichen schoss, der einer Frau die Handtasche entrissen hatte. Der Schütze verfolgte ihn und schoss ihm in die Beine.

Die Polizei ist nicht begeistert und warnt die Bevölkerung vor solchen Akten der Selbstjustiz. "Sie wissen nie, was passieren kann. Der Angreifer hat nichts zu verlieren und ist zu allem entschlossen, entweder töten oder sterben ist sein Motto. Der überfallene Bürger hat Familie, Arbeit, er hat sein Leben", warnt eine Polizeisprecherin. Im oben geschilderten Fall des Fahrers, der aus seinem Auto die Schüsse abgegeben habe, hätte es gut sein können, dass der Täter nicht allein war und dann wäre das Opfer der Fahrer gewesen. Die Polizeisprecherin: "Normalerweise arbeiten sie nicht alleine. Der Fahrer hatte Glück, dass es bei dieser Gelegenheit nicht so war, sonst hätte das Opfer gut der Fahrer und nicht der Täter sein können. Eine Waffe ist für jemanden, der diese benutzen kann und eine psychologische Vorbereitung für deren Nutzung hat".

Die Polizei warnt und gibt Verhaltensregeln bei Raubüberfällen. Sie rät vor allem zur Ruhe und einem Verhalten, das einer Eskalation vorbeugt. Das Opfer ist in der Regel im Nachteil, da in Recife die Kriminellen in der Regel in Banden arbeiten. Die Polizei rät auf die Fragen der Bürger:

Wenn ich im Wagen angeschnallt sitze, was soll ich dann tun?
Den Angreifer über jede Bewegung, die man zu tun gedenkt, informieren, damit er diese Bewegung nicht falsch auslegt.
Wenn mein Auto noch an ist und vor mir die Strasse frei, soll ich dann fliehen?
Auf keinen Fall. Es gibt kein Fahrzeug auf dem Markt, das schneller als eine Gewehrkugel ist.
Soll ich um Hilfe schreien oder mich ergeben?
Schreien kann beim Angreifer unerwünschte Reaktionen hervorrufen. Besser ist Ruhe zu bewahren und sich Gestalt und Gesicht des Angreifers merken sowie die Mittel, die er zur Flucht benutzt.
Wenn der Angreifer mich über mein Leben ausfragt, muss ich dann die Wahrheit sagen?
Ruhe zu bewahren ist die beste Option. Erfundene Geschichten zu erzählen, kann die Situation komplizieren. Banden, die auf komplexere Überfälle wie Entführungen spezialisiert sind, machen ohnehin keine Überfälle, um Informationen aus dem Privatleben zu bekommen.
Soll ich während des Überfalls ein Gespräch mit dem Dieb anfangen oder besser den Mund halten?
Es ist wichtig klar zu haben, dass der Angreifer ein genaues Ziel hat. Ein Gespräch zu erzwingen könnte von ihm so ausgelegt werden, dass man die Kontrolle über die Situation übernehmen will. Also, sprechen sie nur, wenn sie gefragt werden.

Gefährliches Pflaster Recife. Der Todeszähler von Recife steht zur Zeit auf 2.469 ermordeten Personen in diesem Jahr.

Informationsquelle: Diario de Pernambuco, Cidadão reage e mata assaltante em Boa Viagem

Samstag, 4. September 2010

Was die Rumänen beschäftigt

"Debatten" sind sehr beliebt in rumänischen Zeitungen. So hat die Webseite der Zeitung "Evenimentul Zilei" eine Rubrik "Debatten" (dezbatere), was man natürlich auch mit "Wir diskutieren" übersetzen kann. Zur Zeit scheinen für die Rumänen die nachfolgenden Themen interessant zu sein:

"Die 75-Watt-Lampe wurde verboten. Sind sie glücklich mit den Sparlampen?". 186 Kommentare verzeichnet dieses Thema. Die Meinungen dazu sind geteilt. Viele finden die Sparlampen gut, warnen aber vor chinesischen Billigprodukten. Markenprodukte wie die von Philips oder Osram seien viel besser. Einige berichten, dass Produkte aus China oder Polen nur 14 Tage halten. Die Gegner stören die hohen Kosten und sie haben auch Gesundheitsbedenken.

"Warum haben wir soviele Zugverspätungen? Warum arbeitet man seit 20 Jahren am Schienennetz?". Dieses Thema beschäftigt nur 35 Kommentatoren und artet zumeist in Politikerbeschimpfungen aus.

"Die Rumänen glauben, dass man ohne Zahlung von Bestechungsgeld nichts erreichen kann. Wieviele Bestechungsgelder zahlst du während des Jahres?". Hier gibt es 90 Kommentare. Erstaunlich viele zahlen kein Bestechungsgeld und kommen damit durchaus im rumänischen Alltag weiter. Der Vorwurf an den Rest der Landsleute schwingt mit, dass eigentlich sie das Problem sind, weil sie glauben, dass man ohne Bestechung nichts erreichen könne.

"Muss man aus Rumänien auswandern? Wohin gehst du?". Das Thema scheint recht heiss zu sein, den damit befassen sich 348 Kommentare. Viele sind fürs Auswandern mit der Begründung der geringen Verdienstmöglichkeiten und desolaten politischen Verhältnisse in Rumänien. Das Thema eignet sich auch gut, um zum Rundumschlag gegen Politiker auszuholen. Es ist viel von "Zigeunern" und "Räubern" die Rede. Über das Auswanderungsziel lässt sich aber kaum einer aus.

"Wo sollten die Ärzte arbeiten: Nur in staatlichen Einrichtungen oder auch privat?". 154 Kommentare beschäftigen sich mit diesem Thema. Hintergrund ist, dass der Gesundheitsminister einen Gesetzesentwurf vorgelegt hat, nach dem sich Ärzte entscheiden müssen, ob sie entweder in staatlichen Einrichtungen oder privat praktizieren wollen. Die Meinungen der Kommentatoren sind sehr geteilt. Auf der einen Seite das Misstrauen, dass die Patienten in den staatlichen Einrichtungen dann vernachlässigt werden und auf der anderen Seite, dass die Ärzte genügend Einkommen haben müssten, um sie von einer Auswanderung abzuhalten.

"Schleicht sich die Republik Moldau mit Hilfe Rumäniens durch die Hintertür in die EU?" Der rumänische Staatspräsident Traian Basescu hat vor kurzem erklärt, dass "Rumänien eine Blutschuld gegenüber den moldawischen Staatsbürgern habe". Damit versucht er der Kritik der EU-Länder zu begegnen, die Rumänien eine lockere Einbürgerungspolitik gegenüber moldawischen Staatsangehörigen vorwerfen. Viele Kommentatoren werden den westlichen Ländern die Probleme mit den eigenen Minderheiten vor (z.B. Frankreich und Quebec). Andere beschimpfen die Moldauer, besonders beliebt ist, diese als "Zigeuner" zu beschimpfen.

Informationsquelle: Evenimentul Zilei

Mittwoch, 1. September 2010

Universitätsprofessoren wollen kein Katalanisch lernen

Die katalanische Landesregierung (Generalitat) überlegt, die Beherrschung der katalanischen Sprache an den Universitäten zur Pflicht zu machen. Sie plant das Niveau "C", eine Einstufung mit recht hohen Anforderungen, zur Pflicht für das Lehrpersonal festzulegen. Der Sprecher der Generalitat versichert allerdings, dass noch nichts entschieden sei.

Denn die Welle der Empörung an den katalanischen Universitäten schwabt schon hoch. Viele Professoren vertreten die Ansicht, dass es richtig sei, dass an den katalanischen Universitäten auch katalanisch gesprochen werde, aber dies sollte ohne Forderungen und im Zusammenleben mit anderen Sprachen wie Spanisch und Englisch geschehen, so wie dies zur Zeit an den katalanischen Universitäten Praxis sei. "Ich gebe Unterricht in katalanisch und ich liebe Katalonien, aber ich mache keine Katalanischprüfung mit", erklärt ein Professor der Universität Pompeu Fabra von Barcelona. Dann höre er auf, Unterricht an der Universität zu geben.

Die Notwendigkeit des Nachweises von Katalanischkenntnissen soll nur auf neu angestellte Professoren und diejenigen, deren Zeitvertrag verlängert werden soll, angewendet werden. Der Nachweis soll innerhalb von 2 Jahren erfolgen. Gastprofessoren und emeritierte Professoren sollen davon ausgenommen werden. Wenn die Universitäten auf diese Weise nicht mehr genügend Personal bekommen, sollen Ausnahmen erlaubt sein.

Bei den Professoren bleibt das Kopfschüttteln, hier zwei Stimmen:
"Das ist eine absurde Massnahme für Professoren und Studenden. Ich gebe Unterricht auf katalanisch, aber man soll nichts erzwingen, obwohl es empfehlenswert ist, wenn der Professor einen Studenten versteht, der katalanisch spricht. Die Massnahme kann die Inzucht verstärken. Man sollte mehr Unterricht in Englisch geben".
"Die Intervention der Regierung gefällt mir nicht. Es scheint eine neue Form zu sein, Wählerstimmen zu gewinnen. Die Kenntnisse der katalanischen sollten ein "Plus" bei der Einteilungen zum Unterricht sein, aber kein Erfordernis".

Informationsquelle: El Pais, Profesores universitarios cargan contra la exigencia del catalán