Samstag, 28. Februar 2009

Guadeloupe und Martinique, les Ultramarins

Guadeloupe und Martinique, die französischen Überseegebiete, die zur Zeit wegen der sozialen Konflikte im Brennpunkt des Interesses in Frankreich stehen, sind Gegenstand einer "Wortuntersuchung" (expression disséquée) des französichen Blogs "24 heures Philo". Zuletzt hatte ich mich mit Hilfe von "24 heures Philo" an die Analyse des Wortes "Vrac" gewagt.

Laut "24 heures Philo" ist der Begriff "Ultramarins" erst jetzt aufgekommen. Und zwar gibt es auf Grund der derzeitigen Ereignisse ein Problem der Reihenfolge: Soll man zuerst Guadeloupe vor Martinique oder auch Guyana erwähnen? Bei den hochkochenden Emotionen in diesen überseeischen Provinzen könnte das sehr gefährlich werden, das hiesse Öl ins Feuer giessen, wenn sich jemand benachteiligt fühlt. Deswegen würden die Medien nur noch von den "Ultramarins" sprechen, wenn sie diese Provinzen meinen.

"24 heures Philo" hält diesen Begriff aus linguistischer Sicht für perfekt (parfait). Es korrespondiert als Adjektiv oder Substantiv mit dem Begriff "outre-mer" (überseeisch oder Übersee) mit dem Vorteil praktischer zu sein, weil es lange und komplizierte Bezeichnungen wie «nos compatriotes de l’outre-mer» (unsere Mitbürger in Übersee) oder das noch längere «nos compatriotes des départements et territoires d’outre-mer» (unsere Mitbürger von den überseeischen Departements und Territorien) vermeidet. Deshalb wird nach Meinung des Bloggers diese Wortneuschöpfung auch bald ihren Weg in die französischen Wörterbücher finden.

Aber abgesehen vom linguistischen Standpunkt aus und vom Standpunkt des Festland-Franzosen, könnte diese Bezeichnung bei den Betroffenen auf wenig Freude stossen. Die Martiniquais, die Guadeloupéens und die Guyanais könnten daraus schliessen, dass sie gar nicht zu Frankreich gehören. Das sie etwas Anderes sind, vom dem ihr Frankreich genausowenig Ahnung hat wie die Matrosen von Kolumbus, die nicht wussten, wass sie hinter dem Meer erwartete.

"24 heures Philo" stellt fest, dass dem ja auch so ist. Sie sind wirklich anders und der europäischen französischen Welt fremd. Sie haben sogar eine eigene Sprache, um das Inakzeptable, das was sie wütend macht, zu sagen. Aus «loi du marché» (Gesetze des Marktes) und «libéralisme» (Liberalismus) ist für sie «pwofitasyon» entstanden, eine schöne Verbindung von «profit» und «exploitation» (Ausbeutung). Sie sind anders, weil sie sich nicht mehr alles gefallen lassen.

"24 heures Philo" schliesst mit dem Satz: "Ultramarins si lointains et si proches, ultramarins nos frères" (Überseeische so weit und so nah, Überseeische sind unsere Brüder).

Informationsquelle: 24 heures Philo, «Les Ultramarins», une expression disséquée

Freitag, 27. Februar 2009

Strafvollzug in Brasilien: Geisteskranker wird im Gefängnis vergessen

Francimar Conceição do Nascimento wurde im Mai 2004 im Bundesstaat Maranhao gefangen genommen. Obwohl er offensichtlich geisteskrank (doente mental) war, wurde er zu 4 Jahren Gefängnis verurteilt. Bereits 2004 unterrichtete die Polizei den zuständigen Richter, dass Francimar unter mentalen Störungen litt. Der Richter sah aber keinen Grund, eine psychiatrische Untersuchung zu veranlassen. Francimar blieb 5 Jahre im Gefängnis, von den Strafvollzugsbehörden (juízo de execução) vergessen.

Sein Fall wurde erst entdeckt, nachdem jetzt für die Gefängnisse in Maranhao eine Vereinigung freiwilliger Rechtsanwälte (Advocacia Voluntária) gegründet wurde. Die Gründung dieser Anwaltsvereinigungen wurde vom Nationalrat der Justiz (Conselho Nacional de Justiça) angestossen und hat das Ziel Personen mit niedrigen Einkommen Zugang zur Justiz zu verschaffen und damit die geringe Zahl der öffentlichen Verteidiger (defensores públicos) zu verstärken.

Francimar ist auf Intervention der Rechtsanwälte entlassen worden und wieder bei seiner Familie.

Die freiwilligen Rechtsanwälte benutzten diesen Fall, von den Justizüberwachungsbehörden mehr Aufmerksamkeit in Bezug auf das Wirken der Richter zu verlangen und eine penible Überprüfung aller Urteile von gefangen genommenen Angeklagten zu verlangen. Für Francimar verlangen sie von den Behörden, dass diese jetzt für eine angemessene und würdige ärztliche Behandlung sorgen.

Der Präsident des obersten Bundesgerichtshofs, Gilmar Mendes, benutzte diesen Fall um einen energischen Ausbau der "Vereinigung der freiwilligen Rechtsanwälte" zu forden. Viele Problem im brasilianische Strafvollzug sind auf eine ineffiziente Justiz zurück zu führen. Angeklagte werden oft ohne Prozess und Urteil festgehalten. Die vielen Gefängnismeutereien in Brasilien sind da kein Wunder. So wurde zum Beispiel im Bundesstaat Piaui ein Gefangener zu 5 Jahren Gefängnis verurteilt, tatsächlich musste er 8 Jahre einsitzen. Diesmal hatten die Richter in Piaui den Fehler entdeckt.

Informationsquelle: JusBrasil Noticias, Doente mental é condenado e esquecido preso no Maranhão

Mittwoch, 25. Februar 2009

Finanzkrise ruiniert rumänische Casinos

In Bukarest gibt es 11 Spiel-Casinos (Cazinouri) und in Rumänien insgesamt 22 Casinos und 3.400 Glückspielhallen (săli de jocuri). In letzteren stehen 52.000 Glückspielautomaten (slot machines). Die meisten Glücksspieler sind nicht Rumänen, sondern kommen vorwiegend aus Israel, Griechenland und der Türkei.

Für die rumänische Regierung waren die Casinos bisher richtige Geld-Esel. Ein Teil der Einnahmen war allerdings zweckbestimmt, so zum Beispiel für den Filmfond (Fondul Cinematografic) und den Denkmalschutz. Die sinkenden Einnahmen aus diesem Gewerbe bringen für die öffentlichen Haushalte deshalb ebenfalls Probleme.

Die Besucher bleiben nun plötzlich aus. Die Kundschaft hat sich infolge der Finanzkrise in den letzten Monaten um 50% verkleinert. Im Januar haben deshalb bereits 200 Spielhallen zugemacht. Die Casinos sollen für die Betreiber zu einem Zusatzgeschäft geworden sein. Wohl um für bessere Zeiten wieder bereit zu sein, müssen sie Geld für den laufenden Betrieb zuschiessen. Der Verband der rumänischen Casino-Betreiber (Asociatia Organizatorilor de Cazinouri din Romania) ist mächtig am jammern. Im Hinblick auf das "sozial-ökonomische Klima"(climatul socio-economic) teilt der Verband aus einer Homepage mit, dass er seine Tätigkeit vermehrt auf die Verteidigung der Interessen des Glückspielgewerbes konzentrieren wird.

Informationsquelle: Evenimentul Zilei, Cazinourile nu mai aduc bani la Buget

Dienstag, 24. Februar 2009

Der Fall "Gürtel" - Spaniens Rechte zittert

Mitte Februar liess der in Spanien wegen seiner Unerschrockenheit bekannte Richter Baltasar Garzón sechs Unternehmer festnehmen, die seit Jahren mit der Oppositionspoartei PP Geschäfte machen. Es ging um lukrative öffentliche Aufträge und Baugenehmigungen in Gemeinden, die von den Konservativen regiert werden. Der Vorwurf lautet auf Beamtenbestechung, Vetternwirtschaft, Geldwäsche und Steuerhinterziehung.

Die "Mallorca-Zeitung" berichtet, dass die Ermittlungen im Juni 2004 unter dem Decknamen "Operación Gürtel" gestartet wurden. "Gürtel" ist die deutsche Übersetzung des Nachnamens von Francisco Correa, der mutmaßlichen Schlüsselfigur der Affäre. Correa, bekannt als "Der Beschaffer", ist ein gewiefter Unternehmer, der seit Jahren mit seinen Firmen die Veranstaltungen der 1996 bis 2004 regierenden PP organisierte, von Konferenzen bis zu großen Wahlkampfpartys. Er galt lange als enger Freund von Alejandro Agag, dem Schwiegersohn des damaligen Regierungschefs José María Aznar (PP) und war 2002 auch einer seiner Trauzeugen gewesen.

Das deutsche Wort wurde wohl gewählt, weil kaum ein Spanier der deutschen Sprache mächtig ist und man die Sache damit besser geheim halten konnte. Heute sind nun die ersten Vernehmungen vor dem Untersuchungsrichter erfolgt. Garzón konnte die Untersuchung heute nicht leiten, da er vor kurzem wegen eines "Angst-Traumas" (una crisis de ansiedad) in das Krankenhaus eingeliefert werden musste. Das "Angst-Trauma" erlitt er, nachdem er zusammen mit Justizminister Bermejo auf Jagd war und die Opposition zetterte, dass dabei Absprachen wegen der bevorstehenden Untersuchungen getroffen wurden. Zudem wurde Bermejo vorgeworfen, dass er keine Jagderlaubnis hatte und somit wilderte. Bermejo ist aus diesem Grund gestern zurückgetreten.

Es geht also drunter und drüber in der spanischen Politik. Morgen wird Garzón wieder sein Amt in Fortführung der Untersuchungen übernehmen. Man kann gespannt sein, was dabei noch alles herauskommen wird.

Informationsquelle: El Pais, Mallorca Zeitung, La Nación

Freitag, 6. Februar 2009

Heisses Wochenende in Recife Pernambuco

Die beiden Fussball-Lokalmatadoren Sport Club Recife und Santa Cruz Futebol Clube werden am nächsten Sonntag ihr Lokalderby im Rahmen der brasilianischen Meisterschaft austragen. Dabei geht es in der Regel recht hoch her und zu. Gleichzeitig steigt im Karneval das Fieber: Der populäre Karnevalsverein "Bloco Virgens de Verdade" (Block der Jungfrauen der Wahrheit) wird in Olinda (Kleinstadt in unmittelbarer Nähe zu Recife) seinen Umzug (desfile) abhalten. 13 Musikgruppen werden für Stimmung mit dem beliebten Frevo sorgen. Und nicht genug, nicht weit von diesen Veranstaltungen tritt auch noch die bekannte Sängerin Ivete Sangalo in der Chevrolet Hall von Recife auf.

Es werden etwa 280.000 Besucher zu diesen Veranstaltungen erwartet. Da viele Fussball-Fans auch in Rernambuco inzwischen zu Gewalttätigkeiten neigen, herrscht Alarmstimmung bei der Polizei. Etwa 990 Polizisten werden zu Gewährung der Sicherheit unterwegs sein. Auch ein Hubschrauber wird die Veranstaltungsorte aus der Luft überwachen. Ansonsten hofft man, dass es ruhig bleibt. Beim letzten Lokalderby am letzten Sonntag zwischen Nautico und Santa Cruz wurde eine Familie von gegenerischen Fans verprügelt und einem Zuschauer ins Bein geschossen.

Der Polizeikommandant bezeichnet die Einsatzoperation seiner Polizei als "operação 'Jogo Limpo'" (Operation sauberes Spiel).

Informationsquelle: Diario de Pernambuco, Segurança (quase) a mil

Donnerstag, 5. Februar 2009

Vom Ministerpräsidenten zur Lachnummer

José María Aznar, ehemaliger Ministerpräsident Spaniens, entwickelt sich vom ehemaligen konservativen Politiker mit einem gewissen Ansehen und engsten Bundesgenossen des amerikanischen Präsidenten Bush, immer mehr zu einer Lachnummer.

Eine Rückblende: Aznar wurde 1996 zum spanischen Ministerpräsidenten gewählt. In der ersten Legislaturperiode war er auf Unterstützung durch die Regionalparteien angewiesen. 2000 wurde wiedergewählt, diesmal mit absoluter Mehrheit. 2004 wurde er nach den Attentaten von Madrid abgewählt.

In der zweiten Regierungsperiode zeigte er deutliche Anzeichen von Grössenwahn. Im Schatten von US-Präsident Bush wollte er zum grossen Weltpolitiker werden und zog Spanien gegen den Willen des überwiegenden Teils der Bevölkerung in den Irak-Krieg. In Spanien begann er sich wie ein Ersatz-König zu gebärden. Die Hochzeit seiner Tochter wurde mit monarchischem Pomp gefeiert, Blair und Berlusconi traten als Trauzeugen auf.

Der Fall war tief: Zwar hat er noch von den konservativen Amerikanern einen Lehrstuhl an der katholischen Universität von Georgetown zugeschanzt bekommen, aber seine Lehrtätigkeit scheint Anreiz für weiteren Spott zu geben. Bei YouTube gibt es Videos über seine Lehrtätigkeit in Georgetown zu sehen, wo er in miserablem Englisch versucht den Terrorismus mit der Zeit der Besetzung Spaniens durch die Araber zu erklären. Ein anderes Video zeigt ihn angetrunken - seine Partei wollte das Video aus dem Verkehr ziehen. Ein Scherzbold versuchte ihm die Vaterschaft über das vor kurzem geborene Kind der fanzösischen Justizministerin Dati anzudichten. Die Meldung ging rund um die Welt, der konservativ katholische Aznar musste sich heftigst wehren.

Jetzt hat ein Spanier bei Facebook eine Wette ins Internet gestellt mit folgender Frage: Ich wette, dass ich 100.000 Personen finden werde, die José María Aznar verachten (“Apuesto a que encuentro 100.000 personas que detestan a José María Aznar”). Der Blog "Netoratón" gratuliert jetzt dem Wetter, er hat es geschafft, ca. 101.000 Personen haben sich bis heute gemeldet.

Wie geht es wohl weiter mit José María?

Bild: José María Aznar; http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jose_Maria_Aznar_DF-SD-05-00920.jpg

Dienstag, 3. Februar 2009

Macht Ordnung in Craiova, der Stadt der rumänischen Mafia!

Craiova, die Hauptstadt des Kreises Dolj, gelegen in Südrumänien zwischen Karpaten und Donau, hat sich in den letzten Jahren zum Brennpunkt der rumänischen Mafia entwickelt. Jetzt ist das Fass übergelaufen. Der Wechselstuben-Mörder von Brasov, Serghei Gorbunov, war bereits zu 15 Jahren Haft wegen versuchten Mordes verurteilt und sass im Gefängnis von Craiova. Seltsamerweise bekam er Hafturlaub wegen einer Erkrankung - wie sich jetzt herausstellt wurde ihm ein Glaukom im Auge attestiert - tauchte darauf in Brasov / Kronstadt auf und erschoss bei einem Überfall auf eine Wechselstube 2 Menschen.

Wie sich jetzt herausstellte war Gorbunov tief in die Mafia von Craiova verstrickt. Politik, Rechtswesen und Unterwelt sind in dieser Stadt eng miteinander verbunden. Deshalb will die rumänische Regierung jetzt aufräumen. Permierminister Boc hat die Angelegenheit zur Chefsache erklärt. Die ersten Opfer sind 2 Angestellte des Gefängnisses, sie hatten ihren Vorgesetzten nicht mitgeteilt, dass Gorbunov nach dem Urlaub nicht mehr zurückgekehrt war. Sie haben strenge Strafen zu erwarten. Das für Gorbunov ausgetellte ärztliche Gutachten soll nochmals auf Unregelmässigkeiten überprüft werden.

Gorbunov hatte einflussreiche Freunde in Craiova. Einer war der Adrian Marius Berceanu, Schwiegersohn des ehemaligen Vizepräsidenten der Landwirtschaftskommission des rumänischen Parlaments, Mihai Nicolescu. Berceanu, von dem man weiss, dass er zur Mafia von Craiova gehört, steht im Verdacht mit Gorbunov zusammen die Tat in Brasov begangen zu haben. Berceanu war vor einiger Zeit über Nacht zu einem wohlhabenden Geschäftsmann geworden. Zu seinem Kreis gehörten auch Priboi, ein ehemaliger Agent des Spionagedienstes in den sozialistischen Zeiten ebenso der Geschäftsmann Samir Spranceana, der wegen eines gross angelegten Steuerhinterziehungsskandals verurteilt wurde. Die Ehefrau des Letzteren ist Richterin in Craiova. Alle haben beste Beziehungen, vor allem zur sozialistischen Partei PSD, die auch jetzt an der Regierung beteiligt ist.

Betrug, Bestechung und Morde, alles ist in diesem Sumpf enthalten. Man darf gespannt sein, ob es dieses mal gelingen wird, hier für Recht und Gesetz zu sorgen. Dazu wird aber ein langer Atem gebraucht.

Informationsquelle: Evenimentul Zilei, Faceţi curăţenie în oraşul mafiei!

Montag, 2. Februar 2009

Lepra am Amazonas

In den letzten 5 Jahren ist die Zahl der Lepra-Fälle (hanseníase) im brasilianischen Bundesstaat Pará an der Amazonasmündung um ungefähr 30% gesunken. Die Krankheit ist aber weit davon entfernt besiegt zu werden, denn jährlich werden immer noch mehr wie 4.000 Personen infiziert und damit ist Pará der brasilianische Bundesstaat mit den meisten Erkrankungen dieser Art (letzte Datenerhebung datiert von 2007).

Die Ursache für die Erkrankung sucht man bei den Wanderarbeitern und Personen, die in ärmlichen Verhältnissen leben. Untersuchungen haben ergeben, dass die grössten Infektionsherde die Regionen der Goldsucher (garimpeiros), grosse Farmen oder Holzfäller-Regionen sind. Diese sind Anziehungspunkte für viele Wanderarbeiter aus den Staaten des brasilianischen Nordostens, hauptsächlich von Maranhão und Piauí

Laut brasilianischem Gesundheitsministerium ist es wichtig, diese Fälle zu diagnostizieren. Erkannte Fälle sind leicht zu behandeln und auch zu heilen. Die Lepra wird durch den Bazillus "Hansen" (mycobacterium leprae) übertragen. Die Übertragung erfolgt auf dem Luftwege. Ein oberflächlicher Kontakt führt aber selten zur Ansteckung, dafür ist ein intensiver, intimer Kontakt erforderlich. Die Krankheit greift die Haut, Augen und Nerven an.

Informationsquelle: Diário do Pará, Pará no topo do ranking da hanseníase

Sonntag, 1. Februar 2009

Der Vatikan, die spanische Regierung und die spanischen Bischöfe

In "La Vanguardia" widmet der Journalist Enric Juliana einen ausführlichen Bericht dem derzeitigen Stand der Beziehungen zwischen Spanien und dem Vatikan bzw. der katholischen spanischen Kirche. Anlass ist der bevorstehende Besuch des Kardenals Tarcisio Bertone, der als so etwas wie der "Ministerpräsident" des Vatikan gilt, bei der spanischen Regierung. Bertone's Besuch wird in Spanien wie ein Staatsbesuch behandelt. Ministerpräsident Zapatero beantwortete eine Frage zu diesem Besuch in einer kürzliche Fernsehsendung mit der Feststellung "Das wird sehr interessant" ("Esto se pone interesante").

Für Bertone ist vorgesehen ein Mittagessen mit König Juan Carlos und dem Prinzen Felipe sowie Gespräche in der Moncloa (Sitz des Ministerpäsidenten in Madrid) und mit dem Aussenminister Moratinos. Angeblicher Hauptanlass ist zwar eine Einladung der spanischen Bischofskonferenz (Conferencia Episcopal Española) zu einem Vortrag über "Die Menschenrechte im Lehramt von Benedikt XVI" ("Los derechos humanos en el magisterio de Benedicto XVI"), aber die derzeitigen Beziehungen der katholischen Kirche zur sozialistischen Regierung in Spanien sind nicht die Besten und da scheint der Vatikan an einer Entspannung der Atmosphäre interessiert.

Die Bischofskonferenz der spanischen Bischöfe fährt derzeit einen Konfrontationskurs gegen die Regierung Zapatero. Ein Problem ist Kardinal Rouco Varela, Erzbischof von Madrid und Vorsitzender der spanischen Bischofskonferenz. Varela ist ein guter Bekannter des Papstes, er studierte zusammen mit ihm in München und man sagt, dass er seine Kontakte mit ihm in deutscher Sprache pflegt. Varela gilt in Spanien als "Papst von Spanien" (Papa de España). In dieser Rolle scheint er sich recht wohl zu fühlen. Deshalb passt ihm auch der gross aufgezogene "Staatsbesuch" von Bertone nicht ins Konzept. Im Madrider Pfarrblatt wird der Besuch auf jeden Fall nur unter "ferner liefen" notiert. Des weiteren passt ihm wohl nicht, dass Bertone von Kardinal (cardenal) Cañizares begleitet wird, der nicht zu seinen Freunden zählt.

Der "Papst von Spanien" scheint dem Vatikan langsam zu mächtig zu werden und Unabhängigkeitsbewegungen nationaler Bischofskonferenzen werden von den Päpsten zumeist schnell im Keim erstickt. Insofern ist das Gespräch mit der spanischen Regierung ein Wink, dass man auch bilaterale Probleme auf direktem Weg lösen kann. Die Diplomaten-Juristen der Kurie lieben den Holzhammer nicht, sie gehen lieber behutsamer vor. In der Sache erwartet man jedoch bei der spanischen Regierung nicht viel Entgegenkommen.

Die Regierung Zapatero ist für den Vatikan durch ihre laizistische Politik ein Unruhefaktor, nicht nur bezüglich Spaniens, sondern auch wegen ihres Einflusses in Europa und Latienamerika. Deshalb ist Spanien für den Heiligen Stuhl ein ernstes und kompexes Problem geworden. Und das, obwohl die sozialistische Regierung der katholischen Regierung eines der besten Finanzierungssysteme Europas (freiwillige Abgabe von 0,7% der Einkommenssteuer IRPF) geschenkt hat. Aus diesem Grund ist es Rom wichtig, dass mit "Herzlichkeit und Mässigung" (cordialidad y moderación) vorgangen wird. Der Vatikan teilt nicht die "spanische Leidenschaft für den Zusammenprall der Schafböcke (el choque del carnero), den frontalen und bedingungslosen Kampf". Bei seinem Besuch im Jahr 2006 in Valencia hatte der Papst die katholischen Bischöfe ermahnt, im Verhältnis zur Regierung mehr Intelligenz und Anpassungsfähigkeit (que fuesen más inteligentes y dúctiles) zu zeigen.

Diese Strategie stört im Moment der katholische Radiosender "Cope", der mit Billigung von Varela eine schamlose Aggressivität gegen alles, was Nichtkatholisch ist in Spanien, insbesondere gegen die sozialistische Regierung an den Tag legt. Man spricht nicht umsonst von den "Cope-Ayatollahs" (los almuecines de la Cope). Das ist sogar dem Oppositonsführer Rajoy zuviel, sein Verhältns zu seinem eigentlich natürlichen Bundesgenossen Varela soll nachhaltig gestört sein.

Neben den bestehenden Streitpunkten wie das Abtreibungsgesetz, das neue Gesetz über religiöse Freiheit (ley de libertad religiosa) und die geplanten Gesetze über die Sterbehilfe, hat der Vatikan aber ein elementares Interesse sich mit den spanischen Sozialisten gut zu stellen. Die vatikanische Diplomatie hat erkannt, dass bei dem in nicht allzu ferner Zukunft zu erwartenden Tod von Castro in Kuba dieses Land einen Wandel durchmachen wird. Die Kriche hofft, bei diesem Wandel eine wichtige Rolle zu spielen und sie weiss, dass ihr die spanischen Sozialisten dabei sehr hilfreich sein könnten.


Informationsquelle: La Vanguardia, El Vaticano tantea al PSOE y pasa revista a la Iglesia española